Bilanzpressekonferenz zum Geschäftsjahr 2019

Wachstumsjahr für bayerische Volksbanken und Raiffeisenbanken

10.03.2020

Für die Volksbanken und Raiffeisenbanken in Bayern war das Jahr 2019 von Wachstum geprägt. Trotz der konjunkturellen Abschwächung verzeichneten die Kreditgenossenschaften wie schon in den Vorjahren eine deutlich gestiegene Kreditnachfrage. Das gab der Genossenschaftsverband Bayern (GVB) am Dienstag bei seiner Bilanzpressekonferenz in München bekannt.

Das Volumen der ausgereichten Kredite erreichte ein neues Rekordniveau und hat nochmals um 6,3 Prozent auf knapp 109 Milliarden Euro zugelegt. Auch die Kundengelder sind um 5 Prozent auf 136,6 Milliarden Euro angewachsen. Die Bilanzsumme der im GVB zusammengefassten 227 Volksbanken und Raiffeisenbanken stieg von knapp 168 Milliarden Euro Ende 2018 auf rund 176 Milliarden Euro zum Ende des vergangenen Jahres. Das entspricht einem Plus von 4,9 Prozent. Trotz des schwierigen Gesamtumfelds erwirtschafteten die Banken vor Steuern ein Ergebnis von rund 1,65 Milliarden Euro.


GVB-Präsident Jürgen Gros (li.) und GVB-Vorstand Alexander Büchel (re.) bei der Bilanzpressekonferenz 2020 der Volksbanken und Raiffeisenbanken in Bayern.

„Der Wachstumskurs der vergangenen Jahre setzt sich fort“, kommentierte GVB-Präsident Jürgen Gros die aktuellen Zahlen. „Das Vertrauen in die Solidität der Volksbanken und Raiffeisenbanken ist ungebrochen“, ergänzte er.

Sondereffekte führen zu Ergebnissteigerung

Das Ergebnis vor Steuern legte im vergangenen Jahr um 32,5 Prozent auf rund 1,65 Milliarden Euro zu. Die Ergebnissteigerung ist vor allem auf zwei Effekte zurückzuführen: Den Größten hatte die Erholung an den Aktien- und Anleihemärkten. „Alleine durch eine Neubewertung von Wertpapieren verzeichnen die Genossenschaftsbanken eine Zuschreibung in Höhe von 154 Millionen Euro, nachdem im Vorjahr noch Wertberichtigungen von minus 310 Millionen Euro zu Buche geschlagen waren“, erklärte Gros. Dabei handele es sich aber in erster Linie um reine Buchkorrekturen. „Die bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken holen hier das wieder auf, was sie im Vorjahr an Abschreibungen hinnehmen mussten“, erklärte Gros.

Der zweite Ergebnistreiber war das Provisionsgeschäft. Hier konnten die Genossenschaftsinstitute eine Steigerung von fast 10 Prozent auf knapp 1,2 Milliarden Euro vorweisen.

Das Zinsergebnis gab dagegen nochmals nach und belief sich auf 2,93 Milliarden Euro. Das ist ein Rückgang um 26 Millionen Euro. Aufgrund regulatorischer Vorgaben mussten die Banken Wertberichtigungen in Höhe von 34 Millionen Euro im Kreditbuch vornehmen.

Einlagenzufluss ist ungebrochen 

Der Einlagenzufluss bei den Volksbanken und Raiffeisenbanken setzte sich 2019 ungebrochen fort. Insbesondere Firmenkunden legten vermehrt Geld bei den Kreditgenossenschaften ein. Die Einlagen in diesem Bereich erhöhten sich um 6,3 Prozent auf 36,3 Milliarden Euro. Doch auch Privatkunden trugen zum Wachstum bei. Deren Einlagen stiegen um 5,1 Prozent auf 90,4 Milliarden Euro. Einlagen der öffentlichen Haushalte wuchsen hingegen nur leicht, um 0,8 Prozent auf 8 Milliarden Euro.

Dass die Einlagen nicht noch stärker gewachsen sind, ist der Tatsache geschuldet, dass Kunden zunehmend renditestärkere Anlagen neben Girokonto und Sparbuch wählen. Das zeigt sich daran, dass das Anlagevolumen bei Verbundpartnern (Union Investment, R+V Versicherung sowie Bausparkasse Schwäbisch Hall) um 13,3 Prozent zulegte. Das Gesamtvolumen der Kundenanlagen belief sich im abgelaufenen Jahr auf 226,1 Milliarden Euro, ein Plus von 8,1 Prozent.

Kreditpartner der Häuslebauer und des Mittelstands

Das Kreditgeschäft wird in hohem Maße vom anhaltenden Boom am Bau getragen. Privatkunden haben 48,5 Milliarden Euro bei Volksbanken und Raiffeisenbanken ausgeliehen (+ 5,7 Prozent), ein Großteil davon, circa 42,7 Milliarden Euro, sind Immobilienkredite.



Noch stärker ist die Kreditnachfrage von Unternehmen gestiegen – um 7 Prozent auf knapp 57 Milliarden Euro. „Die schwächelnde Konjunktur des vergangenen Jahres spüren wir im Kreditgeschäft der Mitgliedsbanken nicht“. Das liegt nach Gros‘ Worten daran, dass die Unternehmenskunden der Kreditgenossenschaften weniger vom volatilen Exportgeschäft abhängig seien und von der stabilen Binnenkonjunktur profitierten.

Zusammen mit ihren Verbundpartnern verzeichnen die Volksbanken und Raiffeisenbanken in Bayern ein Kreditvolumen von circa 129 Milliarden Euro, ein Plus von 7 Prozent.

EZB-Politik weiterhin herausfordernd

„Die guten Zahlen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Banken insbesondere aufgrund der Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) vor gewaltigen Herausforderungen stehen“, betonte Gros. „Wir müssen weiter von einem langfristig niedrigen Zinsumfeld ausgehen, denn nach Prognosen der EZB wird das Inflationsziel von unter, aber nahe 2 Prozent noch bis mindestens zum Jahr 2024 verfehlt.“ Daran wird voraussichtlich auch die angekündigte Überprüfung der EZB-Instrumentarien durch die neue Präsidentin Christine Lagarde nichts ändern.

In der andauernden Niedrigzinsphase wird insbesondere der Einlagenüberschuss zum Problem. Zwar sei es den bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken 2019 gelungen, ihr Einlagenwachstum nahezu vollständig in neue Kredite umzuwandeln. Dennoch verzeichneten sie 2019 einen Einlagenüberhang in Höhe von fast 28 Milliarden Euro. „Im aktuellen Anlageumfeld wird das immer mehr zur Belastung“, erklärte Gros. Denn die Möglichkeiten zur Anlage seien begrenzt. In erster Linie böten sich dazu Staats- und Unternehmensanleihen an. Diese rentierten aber bei Null beziehungsweise negativ oder seien so risikobehaftet, dass sie für eine Anlage ausschieden. Auch für das Parken der Gelder bei der Zentralbank fielen Strafzinsen an, wenn Freigrenzen überschritten werden.

Hinzu komme, dass im Kreditgeschäft die Margen der Banken unter Druck geraten. „Neukredite verzinsen sich niedriger als nach und nach auslaufende Altkredite“, sagte Gros. Die Kosten für Bearbeitung und Risikovorsorge blieben dagegen konstant.

Negativzinsen für Privatkunden kaum ein Thema

Von Negativzinsen bleiben Privatkunden bisher weitgehend verschont. Zwei Drittel der Volksbanken und Raiffeisenbanken in Bayern haben diese gar nicht eingeführt und das verbleibende Drittel lediglich für eine kleine, vermögende Kundengruppe. Entsprechende Konditionen für Neukunden dienen dazu, Bestandskunden zu schützen, sofern nur das Ziel verfolgt wird, Geld auf dem Konto zu parken.

Nach Hochrechnungen des GVB sind derzeit deutlich weniger als 0,5 Prozent der Privatkunden überhaupt betroffen. „Der durchschnittliche Privatkunde einer Volksbank oder Raiffeisenbank hat weniger als 20.000 Euro auf seinem Konto liegen. Das ist weit unterhalb der Grenzen, bei denen man anfängt, über Negativzinsen nachzudenken“, stellte Gros klar. Die Banken seien stets darauf erpicht, im Einvernehmen mit dem Kunden alternative Anlagen zu finden. Dies könnten Aktien, Fonds oder Versicherungen sein.

Bei Firmenkunden und öffentlichen Anlegern zeichnet sich ein etwas anders Bild. Hier gehören Negativzinsen und Verwahrentgelte seit Längerem zur gängigen Praxis. Das lässt sich unter anderem mit den höheren Einlagesummen erklären.

Banken nicht als „Öko-Sheriffs“ missbrauchen

Zu großen Umwälzungen werden die EU-Pläne zu „Green Finance“ führen. Die Politik will über die Banken Lenkungseffekte zum ökologischen Umbau der Wirtschaft erzielen und die Kreditinstitute damit als „Öko-Sheriffs“ missbrauchen. Klimaschutz und Nachhaltigkeit sind wichtige Ziele. „Es ist zu begrüßen, wenn klar definiert ist, was als nachhaltig anzusehen ist“, sagte Gros. Das helfe auch den Banken, die Kunden gezielt beraten zu können, die ihr Geld in nachhaltige Anlagen investieren wollen.

Auf die Kreditvergabe sowie das Geschäft des Mittelstands kämen aber womöglich gewaltige Umwälzungen zu. Die Kreditvergabe der Banken soll sich zukünftig ganz wesentlich auf Klima- und Umweltverträglichkeit der Kreditnehmer konzentrieren. Die bisherige Logik, Kredite anhand ihres Risikos zu bewerten, würde aufgeweicht, wenn plötzlich weitere, mindestens gleichberechtigte Kriterien hinzutreten. Dabei ist bislang unbeantwortet, ob grüne Investitionen per se ein geringeres Risiko in sich bergen als herkömmliche. „Damit setzt man falsche Investitionsanreize im Finanzwesen. Das wäre dann das Gegenteil von Finanzstabilität und würde ein richtiges und wünschenswertes Ziel durch die Bildung neuer Blasen ad absurdum führen“, fasste Gros zusammen.

„Green Finance“ hat zudem gravierende Auswirkungen auf die Kreditversorgung mittelständischer Unternehmen. Diese müssten ihre gesamten Geschäfte und die ihrer Zulieferer auf Übereinstimmung mit Nachhaltigkeitszielen überprüfen. Das könnte Unternehmen unter Druck setzen und den Mittelstand überfordern. Wenn sie die Nachhaltigkeitsanforderungen nicht erfüllen, drohen ihnen Nachteile bei der Kreditvergabe. Ähnliche Anforderungen kommen auch auf die Banken selbst zu, die die ökologische Nachhaltigkeit ihres Geschäftsbetriebs nachweisen müssten, was mit erheblichem bürokratischen Aufwand einherginge. Umso wichtiger ist es daher, dass die Detailregelungen mit Augenmaß ausgelegt werden.

„Das, was Banken und Mittelstand jetzt bevorstehen könnte, würde regulatorisch fast alles in den Schatten stellen, was wir in den vergangenen Jahren gesehen haben“, warnte Gros. „Banken würden damit zu Handlangern der Politik“, kritisierte der GVB-Präsident: „Es ist zu bezweifeln, ob allen Akteuren die Folgen der Nachhaltigkeitspolitik bewusst sind.“