Festveranstaltung im Literaturhaus München

Bayerns Volksbanken Raiffeisenbanken vergeben Journalistenpreise

27.09.2019

Die bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken haben ihre Journalistenpreise für herausragende publizistische Arbeiten vergeben. Die drei mit insgesamt 20.000 Euro dotierten Auszeichnungen gingen an Vanessa Lünenschloß und Jan Zimmermann vom Bayerischen Rundfunk, Reporterin Angelika Kleinhenz von der Main-Post sowie die freie Journalistin und „Krautreporterin“ Katharina Mau. Eine Experten-Jury hatte ihre Beiträge aus 60 Bewerbungen ausgewählt.

Die 236 Volksbanken und Raiffeisenbanken vergeben die Preise seit dem Jahr 2012 an Journalistinnen und Journalisten aus dem Freistaat. Der Präsident des Genossenschaftsverbands Bayern (GVB), Jürgen Gros, gratulierte den Preisträgern bei der heutigen Festveranstaltung im Münchner Literaturhaus und würdigte ihre Leistung: „Die Jury hat treffsicher ausgewählt: Die prämierten Beiträge sind am Puls der Zeit. Emotional, relevant, informativ, faktensicher – so wie ich Medien mag“, sagte Gros am Abend vor rund 100 Gästen.

Festredner Roland Freund hob die Bedeutung von journalistischer Sorgfalt und Qualitätskontrolle in Zeiten von „Fake News“ sowie gefälschten Bildern und Videos hervor. „Das professionelle Überprüfen von Informationen ist schon immer journalistisches Grundhandwerk. Es wird aber wichtiger denn je angesichts nahezu perfekter digitaler Fälschungen durch sogenannte Künstliche Intelligenz – und dieses Verifizieren muss selbst auch immer technischer werden“, sagte der Landesbüroleiter Bayern der Deutschen Presseagentur.


Die Verleihung der Journalistenpreise 2019 in der Video-Zusammenfassung.

Daher brauche es mehr Journalismus denn je, so Freund in einem Video-Einspieler. „Verifikation ist für den Journalismus wie eine Operation am offenen Herzen“, sagte er in seiner Festrede. Dabei könnten allerdings alle mitschauen und mitkommentieren. Freund warf die Frage auf, was noch wahr sei, wenn alles gefälscht sein könnte. Der Agenturjournalist warnte vor einer „völligen Erosion des Vertrauens in den Journalismus“. Seine Antwort auf die grundlegenden Veränderungen im Medienbereich durch die Digitalisierung: „Im Dialog liegt die Chance im Umgang mit Fakes.“

Der Kern dabei bleibe nach wie vor das journalistische Handwerk – aber nicht alleine, so Freund. Seine Schlussfolgerungen: Medien bräuchten Mut, Kritikfähigkeit, Transparenz, Identitätspflicht auch bei automatisch geschriebenen Texten, Dialog mit den Usern, Coworking innerhalb der Branche, gut ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Prioritäten im Ringen um Fakten. Darüber hinaus brauche man mehr Medienkompetenz und Geld, um Verifikation und den Journalismus an sich zu bezahlen. „Man muss für guten Journalismus bezahlen wollen“, so Freund. Die Gesellschaft hätte die Medien, die sie verdiene. Und die Medien hätten die User, die sie verdienten. Der Abschlussappell des bayerischen Landesbüroleiters der Nachrichtenagentur: „Leisten Sie sich guten Journalismus. Und treten sie in den Dialog mit ihm.“

Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Preis für Reporterteam des Bayerischen Rundfunks

Vanessa Lünenschloß und Jan Zimmermann erhielten den Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Preis (Preisgeld: 8.000 Euro) für ihre TV-Reportage „Europas dreckige Ernte“. Die beiden Investigativjournalisten berichteten darüber, unter welchen Bedingungen Flüchtlinge und Migranten in Spanien und Italien als Erntehelfer ausgebeutet werden. Die Jury überzeugte die aufwendige, teils riskante Vor-Ort-Recherche: „Sie verändert das Bewusstsein und macht klar: Den Preis, den wir als Verbraucher nicht zahlen, zahlen dafür andere Menschen. Das ist der verdrängte Skandal hinter dem preiswürdigen TV-Stück“, heißt es in der Beurteilung.

Die Laudatio hielt der stellvertretende Chefredakteur der Main-Post, Ivo Knahn. Er lobte Lünenschloß und Zimmermann dafür, dass sie akute Missstände aufdeckten. Die in der Reportage geschilderten Zustände bezeichnete er als „moderne Sklaverei“ in einem „kriminellen System“. Von diesen Missständen hätte man nur dank der Reportage erfahren. Diese habe eine bestechend gute Antwort auf die Frage gegeben, warum sich eine Investition in journalistische Profis lohnt. Lünenschloß und Zimmermann hätten mit Hartnäckigkeit und Durchhaltevermögen die oft nur schwer zu ermittelnden Fakten – den Rohstoff des Journalismus – ermittelt. Knahns Appell: „Schauen Sie sich die Reportage an. Sie werden nie mehr einkaufen wie zuvor.“

Hermann-Schulze-Delitzsch-Preis für Main-Post-Redakteurin

Den Hermann-Schulze-Delitzsch-Preis (Preisgeld: 8.000 Euro) bekam Angelika Kleinhenz von der Main-Post überreicht. Sie hatte darüber berichtet, wie verunreinigtes Trinkwasser im Herbst 2018 die Bevölkerung in Unterfranken verunsicherte. Mehr als 50.000 Menschen hatten dort wochenlang durch Fäkalkeime verunreinigtes Trinkwasser abkochen müssen. Die Jury überzeugten der hohe Verbraucherschutzaspekt der Artikelserie und die Hartnäckigkeit der Redakteurin. Sie habe sich über Monate intensiv mit der Problematik befasst und sich nicht abwiegeln lassen. „Ihr gebührt der diesjährige Hermann-Schulze-Delitzsch-Preis, denn so viel Fleiß und so ein langer Atem müssen Anerkennung bekommen“, urteilt die Jury.

Susanne Schäfer, Redakteurin des Wirtschaftsmagazins Brand eins und selbst Hermann-Schulze-Delitzsch-Preisträgerin, würdigte Kleinhenz. Trinkwasser sei ein ganz besonderes und sensibles Gut, das aber kaum zu prüfen ist, begann Schäfer ihr Laudatio. Dass die Bevölkerung von dem Skandal erfahren habe, sei der Verdienst der Preisträgerin. „Die Artikelserie liest sich wie ein Krimi“, würdigte sie Kleinhenz' Einsatz, die in Gummistiefeln und über Google Maps zu einem versteckten Hochbehälter fand und die Zustände auf der dortigen Baustelle dokumentierte. Der Main-Post-Redakteurin habe den Betroffenen und auch dem Journalismus einen großen Gefallen getan. Sie warf die Frage auf, wer in der Gesellschaft diese Aufgabe sonst erfüllen solle.

Förderpreis für „Krautreporterin“ Katharina Mau

Katharina Mau nahm den Förderpreis für junge Journalisten (Preisgeld: 4.000 Euro) entgegen. Ausgezeichnet wurde die Nachwuchsjournalistin für ihre Webserie „Deine Altersvorsorge“, erschienen auf dem genossenschaftlich organisierten Journalistenportal Krautreporter.de. „Es ist ihr darin gelungen, einer jungen Leserschaft simpel, logisch und einfach in einer schönen Sprache zu erklären, was hinter Renten, Riester, Rürup und Immobilienblasen steckt“, urteilt die Jury. Katharina Mau sei erfrischend und ohne erhobenen Zeigefinger an das sperrige Thema herangegangen. Auch die psychologische Herangehensweise mache die Serie preiswürdig, so die Jury: Altersvorsorge als etwas Positives zu sehen und als Richtschnur immer die Frage zu stellen: Wie überliste ich mich selbst, etwas dafür zu tun?

Heinz-Roger Dohms, Gründer des Branchennewsletters Finanz-Szene.de, übernahm die Laudatio. Maus Serie sei kein Artikel, sondern ein „Oeuvre mit 80 Seiten“ – sie habe Dohms sofort gepackt wie eine Netflix-Serie, bei der man sich auf die nächste Episode freue. Die Preisträgerin habe gut und gründlich recherchiert. Sie habe einen seriösen Ansatz verfolgt und auf originelle Art und Weise in die Tiefe geblickt – auf Augenhöhe und ohne den moralischen Zeigefinger. Dohms Fazit: Er hätte das Stück gerne schon vor zehn oder 15 Jahren gelesen und sich packen lassen.

Impressionen der Journalistenpreise 2019