120 Jahre Münchener Hypothekenbank

„Die Nähe zum Kunden müssen wir intensivieren“

09.12.2016

Vor 120 Jahren, im Dezember 1896, wurde die Münchener Hypothekenbank als „Bayerische Landwirtschaftsbank“ ins Genossenschaftsregister aufgenommen. Ziel des Instituts war es, die Landwirte im Freistaat zu unterstützen. Heute ist das Institut einer der großen Immobilienfinanzierer in Deutschland und ein wichtiger Partner der Kreditgenossenschaften. Dazu ein Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden Louis Hagen.

Louis Hagen
Der Vorstandsvorsitzende der Münchner Hypothekenbank Louis Hagen spricht im Interview über die Zusammenarbeit mit den bayerischen Kreditgenossenschaften, die Stärkung des US-Geschäfts und die immensen Kosten der Regulatorik.


Herr Dr. Hagen, wenn Sie die Geschichte Ihres Hauses anschauen: Erkennen Sie einen roten Faden?


Louis Hagen: Der rote Faden ist der Genossenschaftsgedanke, dem wir über 120 Jahre treu geblieben sind. Wir haben immer die Interessen unserer Mitglieder vertreten, die gleichzeitig auch unsere Kunden sind. Speziell in unserem Fall le­ben wir die genossenschaftlichen Werte auch als Verbundpartner der Volksbanken und Raiffeisenbanken. Dabei haben wir uns stets an die Markterfordernisse angepasst. Das zeigt allein der Blick auf unsere Historie: In den Gründungsjahren lag der Fokus auf der Landwirtschaft. Als sich infolge der Industrialisierung und des Bevölkerungszuwachses die Bautätigkeit in den Städten vervielfachte, wandelte sich das Institut zu einer Hypothekenbank und schließlich zum Immobilienfinanzierer für Wohnungen und gewerbliche Immobilien. Immer wandlungsfähig bleiben, aber dennoch die genossenschaftlichen Werte bewahren. Das ist unser Wesenskern.

Sie haben Ihr Ergebnis im dritten Quartal weiter verbessert und kommen inzwischen auf eine Bilanzsumme von mehr als 39 Milliarden Euro. Wo sehen Sie weitere Wachstumsmöglichkeiten für Ihre Bank?

Hagen: In der privaten Immobilienfinan­zierung wollen wir das Geschäft mit den Genossenschaftsbanken ausbauen. Da sehen wir noch deutliches Potenzial. Der Traum vom eigenen Heim: Bei der Finanzierung privater Wohnimmobilien ist die Münchener Hypothekenbank ein wichtiger Partner der Volksbanken und Raiffeisenbanken. Derzeit arbeiten wir mit etwa 700 der rund 1.000 Volksbanken und Raiffeisenbanken in Deutschland zusammen. Im Freistaat sind wir aufgrund unserer bayerischen Wurzeln sehr gut vertreten. Aber wir sind Verbundpartner für alle Volksbanken und Raiffeisenbanken. Auch außerhalb Bayerns kommt das Bayerische sehr gut an. Grundsätzlich wollen wir sowohl die bestehende Zusammenarbeit mit den Banken intensivieren als auch die Institute ansprechen, mit denen wir bisher noch nicht ins Geschäft gekommen sind. Außerdem werden wir in der gewerblichen Immobilienfinanzierung unser Produktportfolio ausweiten und unseren regionalen Fokus erweitern. Da sind wir im Moment noch relativ schmal aufgestellt.

Welche Märkte haben Sie im Visier?

Hagen: Aktuell konzentrieren wir uns auf Westeuropa mit den Schwerpunkten Frankreich und Großbritannien. Zusätzlich können wir uns vorstellen, das USA­Geschäft wieder auszubauen. Seit 2009 haben wir unsere Aktivitäten in den Vereinigten Staaten radikal zurückgefahren. Vor der Finanzmarktkrise entfiel fast das gesamte Auslandsgeschäft und ein Großteil der gewerblichen Immobilienfinanzierung auf die USA. Das war für die MünchenerHyp eine Nummer zu groß. Heute sind wir wesentlich breiter aufgestellt und können uns mit einem vernünftigen Kreditvolumen in den USA weiter diversifizieren.

Wegen der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank, suchen viele Anleger ihr Glück in Immobilien. Wie wirkt sich das auf die MünchenerHyp aus?

Hagen: Die Nachfrage nach privaten Immobilien ist in der Tat gestiegen. Das wirkt sich positiv auf unser Geschäft aus, weil der Kauf einer Immobilie in der Regel mit einer Finanzierung einhergeht. Die Kunden wollen sich die niedrigen Zinsen langfristig sichern; die Volksbanken und Raiffeisenbanken wiederum haben einen hohen Anreiz, langfristige Immobilienfinanzierungen an Verbundpartner wie die MünchenerHyp weiterzureichen, um das Zinsänderungsrisiko zu reduzieren. Das spielt uns in die Karten, weil wir als Pfandbriefemittent und Kapitalmarktinstitut über langfristige Refinanzierungsmöglichkeiten verfügen. Bei gewerblichen Immobilien muss man die Sache differenzierter betrachten. Auch dort steigt die Nachfrage. Auf der anderen Seite gibt es immer mehr Investoren, die in Liquidität schwimmen und deshalb gar keine Finanzierung brauchen. Darüber hinaus sind viele Kreditgeber wie ausländische Banken oder Versicherungen in den Markt eingetreten. Der starke Verdrängungswettbewerb lässt die Margen schmelzen.

Wie reagieren Sie darauf?

Hagen: Wir setzen auf Qualität. Obwohl wir auf eine Bilanzsumme von 39 Milliarden Euro kommen, gibt es bei uns keine großen Hierarchien. Das heißt, wir können Kreditentscheidungen sehr schnell treffen. Zweitens gelten wir als zuverlässig. Und drittens sind wir über die Volksbanken und Raiffeisenbanken sehr nah am Kunden. Diese Nähe müssen wir weiter intensivieren. Da sind der Vertrieb und die Marktabteilungen gefragt.

Sie bieten neuerdings nachhaltige Darlehen und Pfandbriefe an. Warum?

Hagen: Immer mehr Kreditnehmer und Investoren legen Wert auf Nachhaltigkeit. Deshalb spielt dieses Thema für uns eine immer größere Rolle. Da geht es um viel mehr als um begrünte Dächer oder effizient beheizte Gebäude. Wir wollen das Thema in unserem Kerngeschäft verankern, also in der Immobilienfinanzierung. Wer sein Haus nach den einschlägigen Energieeffizienzrichtlinien bauen oder modernisieren will, dem bieten wir unser Nachhaltigkeitsdarlehen an. Das ist etwas günstiger als ein normaler Kredit. Zur Refinanzierung haben wir nachhaltige Pfandbriefe aufgelegt. Da sind wir Vorreiter. Stand Ende September wurden bereits Nachhaltigkeitsdarlehen der MünchenerHyp für 180 Millionen Euro gezeichnet. Das entspricht rund 10 Prozent des Neugeschäfts in der privaten Wohnimmobilienfinanzierung. Mit unserem neuen Produkt bieten wir den Volksbanken und Raiffeisenbanken ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber ihren Kunden. Es gibt keine andere Bank, die dieses Nachhaltigkeitsdarlehen anbietet.

Wie wirken sich die steigenden regulatorischen Anforderungen auf Ihre Bank aus?

Hagen: Das belastet uns extrem. Schätzungsweise ein Drittel der Verwaltungsaufwendungen gehen auf das Konto der Regulatorik und der Aufsicht. Alleine für die Bankenabgabe müssen wir jährlich 9 Millionen Euro bezahlen. Hinzu kommen die zusätzlichen Anforderungen an das Personal. Wir brauchen immer mehr qualifizierte Mitarbeiter, die in der Lage sind zu verstehen, was in den Papieren der internationalen Bankenaufseher steht. Wir haben das mal ausgewertet. In den letzten 18 Monaten mussten wir rund 700 Vorgaben und Vorschriften der Aufsicht auf Relevanz für unser Haus prüfen. Von diesen 700 Regeln mussten wir 400 umsetzen. Das ist unglaublich. Wir brauchen eine Konsolidierung der Regulatorik. Sonst behält niemand mehr den Überblick.

Ab 2018 muss die Münchener Hypothekenbank eine Verschuldungsquote von 3 Prozent in Bezug auf das Geschäftsvolumen einhalten, die sogenannte Leverage Ratio. Wo stehen Sie gut ein Jahr vorher?

Hagen: Wir haben uns lange gegen die Leverage Ratio gewehrt, weil wir sie für unsinnig halten. Dennoch wird sie kommen. Deshalb müssen wir weiteres Geschäftsguthaben einwerben, um die Quote einzuhalten. Wir hatten uns Anfang des Jahres vorgenommen, unsere Geschäftsguthaben bis 2018 um weitere 300 Millionen Euro aufzustocken. Heute stehen wir bereits bei 230 Millionen Euro. Davon kommen deutschlandweit 210 Millionen Euro von den Volksbanken und Raiffeisenbanken und 20 Millionen Euro von Privatpersonen. Damit stehen wir schon heute bei einer Leverage Ratio von 3,2 Prozent.

Warum halten Sie nichts von der Leverage Ratio?

Hagen: Wir betreiben in der Immobilienfinanzierung ausschließlich besichertes Geschäft. Wer so konservativ vorgeht wie wir, hat daher sehr geringe Ausfallwahrscheinlichkeiten und Verlustquoten. Selbst wenn wir bei einem Ausfall unsere Sicherheiten verwerten müssen, bekommen wir in der Regel unser Geld zurück. Dieser konservative Ansatz wird durch die Leverage Ratio völlig aus den Angeln gehoben, weil sie sich an Nominalwerten orientiert, ohne das tatsächliche Risiko zu berücksichtigen. Das heißt, wir müssen viel mehr Eigenkapital vorhalten, als wir zur Risikoabdeckung eigent­lich benötigen würden. Diese zusätzlichen Kosten müssen wir erst einmal erwirtschaften. Glücklicherweise sind wir dazu in der Lage, weil wir in den vergangenen Jahren deutlich effizienter geworden sind und auch unsere Eigenkapitalstruktur maßgeblich verändert haben.

Wie haben Sie die Eigenkapitalstruktur verändert?

Hagen: Die Münchener Hypothekenbank hatte vor sieben Jahren 160 Millionen Euro Geschäftsguthaben und 340 Millionen Euro stille Beteiligungen in ihren Büchern stehen. Heute haben wir ungefähr 930 Millionen Euro Geschäftsguthaben und keine stillen Beteiligungen mehr. Von diesen haben wir uns aus zwei Gründen komplett getrennt: Erstens werden stille Beteiligungen bis 2020 nicht mehr als Kernkapital angerechnet. Das ist schlecht für die Leverage Ratio. Zweitens war die durchschnittliche Verzinsung von cirka 8 Prozent sehr teuer. Mit der neuen Struktur fällt es uns leichter, die notwendigen Renditen auf das Eigenkapital zu erwirtschaften, obwohl das Volumen zugenommen hat. Und unser Erfolg kommt unseren Mitgliedern zugute.


Das Interview ist in der Dezember-Ausgabe von "Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt" erschienen.