Genossenschaftliches Familientreffen

11.07.2019

Mehr als 1.100 Vertreter der Genossenschaften aus dem Freistaat haben sich zum 120. Verbandstag getroffen. Nach einem Vortrag des Vorsitzenden der Monopolkommission, Achim Wambach, diskutierten sie mit einem hochkarätig besetzten Podium über die Transformation von Geschäftsmodellen ins digitale Zeitalter.

Diskutierten über die Herausforderungen für das Geschäftsmodell Genossenschaft (von rechts): Jürgen Gros, Achim Wambach, Sandra Bindler, Eckhard Schwarzer und Philipp Depiereux.

„Geschäftsmodell Genossenschaft: nah – innovativ – digital“ lautete das Motto des vom GVB ausgerichteten Verbandstags im Ballhaus Forum in Unterschleißheim. Als Festredner sprach Achim Wambach, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und Vorsitzender der Monopolkommission, zum Thema „Digitaler Wohlstand für alle“. In der anschließenden Podiumsrunde diskutierten Sandra Bindler, Vorstandsvorsitzende der Münchner Bank, Philipp Depiereux, CEO der Digitalberatung Etventure, Eckhard Schwarzer, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Datev, und Achim Wambach über die Herausforderungen für das Geschäftsmodell Genossenschaft. GVB-Präsident Jürgen Gros moderierte.

Innovationskraft von Genossenschaften ungebrochen


Die Veranstaltung mit mehr als 1.100 Teilnehmern eröffnete der ehrenamtliche GVB-Verbandspräsident Wolfgang Altmüller. „Digitalisierung schafft Transparenz“, so Altmüller in seiner Rede. Den Verbandstag könne man entsprechend nutzen, sich gegenseitig besser kennenzulernen, wandte er sich an die anwesenden Vertreter der 1.242 genossenschaftlichen Unternehmen aus ganz Bayern, die aus den Volksbanken und Raiffeisenbanken sowie aus der genossenschaftlichen Milchwirtschaft, den Energie-, Handwerks-, Dienstleistungs- oder Handelsgenossenschaften stammen. Anhand mehrerer Bilder illustrierte Altmüller, wie man die elektronischen Anmeldedaten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Verbandstags analysieren kann – zum Beispiel nach Heimatregion oder Branche. Das zeige, dass digitale Veränderungsprozesse überall spürbar sein können.

Altmüller warf die Frage auf, wie Genossenschaften die Digitalisierung nutzen können. „Wenn sich unser Umfeld wandelt, dann gehen wir mit“, sagte er. „Das haben Genossenschaften seit jeher hervorragend gemeistert.“ Die Flexibilität des genossenschaftlichen Geschäftsmodells speise sich bis heute aus dem Pioniergeist der Gründer. Insbesondere der Gedanke „Hilfe zur Selbsthilfe“ sei dabei eine treibende Kraft. „Die bayerischen Genossenschaften stehen für die digitale Transformation auf einer soliden Grundlage“, zeigt sich Altmüller zuversichtlich. Ihre Innovationskraft sei ungebrochen. Über die Technik hinaus hätten Genossenschaften einen Wettbewerbsvorteil, mit dem sie punkten können: das Versprechen, den Kunden und das Mitglied auf einer menschlichen Ebene zu verstehen. „Das ist das Herz des genossenschaftlichen Geschäftsmodells und Chance für die Zukunft“, so Altmüller. „Der Mensch steht im Mittelpunkt.“ Dieses solide Geschäftsmodell, das 2,9 Millionen Menschen in Bayern begeistert, müsse man in die digitale Welt transferieren.


Neue Leitplanken, um die Kraft der Digitalisierung nutzbar zu machen


Mit der digitalen Transformation hat sich Festredner Wambach in seinem Buch „Digitaler Wohlstand für alle – ein Update der Sozialen Marktwirtschaft ist möglich“ intensiv auseinandergesetzt. „Die digitale Marktwirtschaft stellt die bisherigen Strukturen auf den Kopf und sorgt für Nervosität“, machte er deutlich. „Es entsteht etwas Neues.“  Google oder Facebook gäben mehr Geld für Forschung und Entwicklung aus als Volkswagen. Der Vorsitzende der Monopolkommission zeigte in seinem Vortrag auf, wie Daten zunehmend Preise ersetzen, wie Monopole an die Stelle von Wettbewerb treten und wie die „Sharing Economy“ mit Eigentum konkurriert. Trotz dieses Strukturwandels habe die Internetwirtschaft und ihre Plattformen aber das Potenzial, zum Wohle aller zu arbeiten. Das erfordere allerdings unternehmerisches Handeln in den Branchen, die vom digitalen Strukturwandel betroffen sind – und engagiertes staatliches Handeln insbesondere bei der Regulierung großer Internetkonzerne. Es sei aber schwer nachzuweisen, dass ein De-Facto Monopolist wie Facebook für ein eigentlich kostenfreies Angebot zu viele Daten als Gegenleistung sammelt.

„Die alten Leitplanken, mit denen die Soziale Marktwirtschaft die wohlstandsmehrenden Kräfte schützte, passen heute nicht mehr. Sie brauchen ein Update“, forderte der bekannte Wirtschaftswissenschaftler. Er sei optimistisch, dass man die Digitalisierung nutzen könne, um zum Beispiel neue Arbeitsplätze zu schaffen. „Kreative Leistungen übernimmt weiterhin der Mensch, um die Routinen kümmern sich die Maschinen“, so Wambach. „Wenn Wettbewerbs- und Sozialpolitik umdenken und ihr Instrumentarium schärfen, kann es auch morgen produktiven Wettbewerb und auskömmliche Arbeit für alle geben.“ Diesen Strukturwandel könne man nicht aufhalten, aber anpassen und steuern. Genossenschaften hätten den Wettbewerbsvorteil, dass sie nah an den Menschen dran sind. Dieser Zugang sei in Zukunft besonders wichtig, weil dadurch Vertrauen in Innovationen geschaffen werde. Der Staat müsse für Regeln und Transparenz sorgen.

Auf die genossenschaftlichen Stärken besinnen


Die anschließende Podiumsdiskussion widmete sich den Herausforderungen für das Geschäftsmodell Genossenschaft. Ihre Fragen an Sandra Bindler von der Münchner Bank, Philipp Depiereux von Etventure, Eckhard Schwarzer von der Datev und Achim Wambach vom ZWE konnten die Gäste noch während der Veranstaltung über eine Online-Plattform stellen. Sie wurden für die Diskussion aufbereitet und von GVB-Präsident Gros in die Runde eingebracht. „Im Kern sprechen wir heute darüber, wie das digitale Update des Genossenschaftsmodells aussieht“, brachte er es auf den Punkt. Am Ende der Runde werde kein Patentrezept stehen, sondern zahlreiche Denkanstöße.

Für Genossenschaften und ihre mehr als 160-jährige Geschichte sei Wandel nichts Neues, sagte Gros. Die Runde war sich weitgehend einig: Genossenschaften haben mit ihren Netzwerken aus Mitgliedern und Kunden eine starke Ausgangsbasis für die Herausforderungen von Digitalisierung und Plattformökonomie. Sie müssten sich diese Wettbewerbsvorteile und ihre eigenen Stärken bewusst machen und erkennen, was sie bereits zu bieten haben. Und sie müssten beginnen, ihre Netzwerke richtig zu nutzen und für die neuen Rahmenbedingungen fit zu machen.

Auch der GVB-Verbandstag wandelt sich: Das Familientreffen der bayerischen Genossenschaftsorganisation findet am 16. Juli 2020 erstmal im Paulaner auf dem Münchner Nockherberg statt.

Impressionen vom Verbandstag 2019