50 Jahre Datev

„Immer neue Herausforderungen“

10.02.2016

Am 14. Februar 1966 schlossen sich 65 Steuerbevollmächtigte aus Nürnberg zu einer Genossenschaft zusammen. Mithilfe von EDV wollten sie die Buchführung vereinfachen. 50 Jahre später spricht der scheidende Vorstandsvorsitzende Dieter Kempf über die Entwicklung der Datev zu einem der größten europäischen IT-Unternehmen.

DATEV-Standort an der Fürther Straße in Nürnberg. Foto: Datev eGDATEV-Standort an der Fürther Straße in Nürnberg. Foto: Datev eG


Profil: Herr Kempf, Sie sind erst der zweite Vorstandsvorsit­zende der Datev. Ist Kontinuität Teil des Erfolgsrezepts der Genossenschaft?

Dieter Kempf: In der Kontinuität sehe ich sogar einen ganz wesentlichen Faktor für den Erfolg der Datev. Schon die Rechts­beziehungsweise Wirtschaftsform der Genossenschaft bringt dies zum Ausdruck. Schließlich ist der Zweck des Un­ternehmens die langfristige Förderung der Mitglieder, nicht die schnelle Ge­winnerzielung oder ­-maximierung. Die Datev-Mitglieder sind alle Angehörige der steuerberatenden Berufe, also Steu­erberater, Wirtschaftsprüfer oder Rechts­anwälte. Sie betrachten Themenstellun­gen deutlich langfristiger, als das etwa ein Kapitalanleger sehen würde.

Zudem sind sie sehr an der Sicherheit interessiert, die eine solide Fortentwicklung ihnen bietet. Da geht es vornehmlich um das Ver­trauen, dass ihr Software-Partner auch morgen noch existiert und sich für seine Produkte verantwortlich fühlt, für die Lesbarkeit der Daten sorgt und auch für die künftigen Herausforderungen, die der Gesetzgeber ihnen beschert, stets verlässlich eine Lösung anbietet. Diese Philosophie spiegelt sich natürlich auch in der Führung des Unternehmens wi­der – für den rein karriereorientierten Job­Hopper ist das nicht attraktiv. Abge­sehen davon kann ich aus persönlicher Erfahrung nur sagen, dass der Vorstands­vorsitz der Datev nie langweilig wird – es ergeben sich bei aller Kontinuität immer neue Herausforderungen.

Profil: Sie haben die Datev fast 20 Jahre als Vorstandsvorsitzender geleitet. Was waren die Höhepunkte in dieser Zeit?


Kempf: Spannende Entwicklungen gab es in meiner Datev-­Zeit eine Menge. Da waren äußere Faktoren, wie die Jahr­-2000-­Umstellung oder kurz darauf die Einführung des Euro, die uns ordentlich auf Trab gehalten haben. Auf technischer Seite haben wir unsere Software in den 1990er-­Jahren auf Windows und in jüngerer Zeit dann auf eine serviceorientierte Architektur umgestellt. Die Datev war auch einer der Vorreiter für ein System zur elektronischen Steuerübermittlung – dem Vorläufer dessen, was wir heute als Elster kennen.

Dieter Kempf. Foto: Datev eGGenerell ist die fortschreitende Digitalisierung und Vernetzung der kaufmännischen und steuerdeklaratorischen Abläufe durchgängig Treiber unserer Entwicklungen gewesen und wird es auch in Zukunft bleiben. Nicht von ungefähr fungiert das Datev-­Rechenzentrum heute als zentrale Datendrehscheibe in Deutschland, über die Informationen weitgehend automatisiert zwischen mittelständischen Unternehmen und deren Steuerberatern sowie rund 200 Institutionen in Deutschland ausgetauscht werden – darunter Finanzverwaltungen, Sozialversicherungsträger, Krankenkassen, Banken, Berufsgenossenschaften oder statistische Ämter.

Dieter Kempf. Foto: Datev eG

Profil: Wie haben die technischen Entwicklungen die Arbeitswelt der Datev und ihrer Kunden verändert?

Kempf: Die technischen Voraussetzungen haben sich seitdem grundlegend verändert. Als ich bei Datev in den 90er­-Jahren die Verantwortung für das Rechenzentrum übernahm, steckten die kommerziellen Rechenzentren in einer Krise. Nachdem der PC auf dem Siegeszug war, galten sie als Dinosaurier, als Relikte einer vergehenden Ära. Auch wir haben auf Drängen unserer Mitglieder in weiten Teilen von im Rechenzentrum bereitgestellten Programmen auf PC-Software umgestellt, die lokal auf den Computern unserer Nutzer läuft. Auch gegen Widerstände haben wir aber stets am Rechenzentrum als Kern unserer Dienstleistungen festgehalten und so die Transformation in eine gut funktionierende Kombination aus Software­-Hersteller und flexiblem IT­-Dienstleister gut gemeistert.

Vor dem Hintergrund umfassender Vernetzung und breitbandiger Netzzugänge schlägt das Pendel heute wieder in die andere Seite aus und viele Services werden in die Cloud verlagert – die wir in Grundzügen ja schon immer angeboten haben. Es freut mich schon, dass wir heute nicht zuletzt deshalb gelegentlich als Cloud­-Pionier bezeichnet werden, weil wir unser ursprüngliches Geschäftsmodell auch dann verteidigt und weiterentwickelt haben, als es nicht dem Zeitgeist entsprach.

Profil: Welchen Herausforderungen müssen sich die Datev und Ihr Nachfolger Robert Mayr in den nächsten Jahren stellen?

Kempf: Zum einen zeigen all diese Entwicklungen, dass sich die Taktzahl bei der Umstellung auf elektronische Prozesse stetig erhöht. Die Cloud entwickelt sich zum maßgeblichen Modell der Software­Nutzung. In diesem Umfeld bekommt Datev es unter anderem mit neuen Wettbewerbern zu tun. Die zunehmende Automatisierung wird aber auch Auswirkungen auf die Tätigkeitsschwerpunkte unserer Mitglieder haben. Diesen Prozess muss Datev begleiten und dafür sorgen, dass die Datev­-Lösungen den Steuerberatern helfen, ihre Leistungen weiterhin marktgerecht anbieten zu können.

Zum anderen steht hinter all diesen Schlagworten auch eine unverrückbare Tatsache: Das weltweit gespeicherte Datenvolumen und der Datenverkehr nehmen stetig zu. So nützlich die darin verborgenen Informationen auch sind – wenn sie sinnvoll aggregiert und analysiert werden, birgt dieses Tun natürlich auch die Gefahr des Missbrauchs. Um die Potenziale von Big Data ausschöpfen zu können, müssen wir sicherstellen, dass die Daten nicht für Rückschlüsse auf Einzelne verwendet werden. Wir müssen den Schutz der Privatsphäre glaubhaft gewährleisten und entsprechende Ängste abbauen. Das gilt auch im Umgang mit den kaufmännischen Daten der mittelständischen Unternehmen, die mit Datev­-Software verarbeitet werden.

Insgesamt betrachtet geht es aber vor allem darum, den Anwendern noch mehr Flexibilität und Mobilität bei der Nutzung von Software, Hardware und Infrastruktur zu ermöglichen. Mit der Führungsmannschaft um Robert Mayr ist die Datev dafür künftig gut aufgestellt.


Das vollständige Interview mit Datev-Vorstandschef Dieter Kempf ist in der Februar-Ausgabe von „Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt“ erschienen.


Weitere Informationen

Themenseite 50 Jahre Datev