Ärztemangel auf dem Land

Genossenschaft findet Arzt

14.03.2014

Seit Längerem beklagen Gesundheitsexperten den zunehmenden Mangel an Ärzten im ländlichen Raum. Wie man dagegen angehen kann, zeigt das Beispiel der Genossenschaftspraxis Ebnat-Kappel aus der Schweiz.


Das Genossenschaftliche Ärztehaus in Ebnat-Kappel.

Das genossenschaftliche Ärztehaus in Ebnat-Kappel.


Erst kürzlich titelte die „BILD“ über einen 83-jährigen Arzt, der aus der Rente geholt wurde. Das Problem: In Deutschland herrscht Medizinermangel auf dem Land. Aber nicht nur bei uns, sondern auch in der Schweiz gibt es Engpässe. Andreas Rohner kennt diese Situation. Er praktiziert als Hausarzt in Ebnat-Kappel im schweizerischen Kanton St. Gallen: „Eigentlich haben wir den schönsten Beruf. Aber auf dem Land lassen sich nur wenige von uns nieder. Vor allem Allgemeinmediziner fehlen.“ Ein zunehmender Ärztemangel auf dem Land steht also einer Überversorgung in Ballungszentren gegenüber. Bei den Eidgenossen gibt es allerdings schon Lösungen, wie das Beispiel aus Ebnat-Kappel zeigt.

Genossenschaftspraxis gegen den Ärztemangel


Dort wird Hausarzt Rohner in wenigen Jahren in Rente gehen. Dann wäre die hausärztliche Versorgung in der knapp 5.000-Seelen-Gemeinde nicht mehr garantiert. Damit er nicht ebenfalls mit 83 wieder ans Werk muss, hat er zusammen mit Patienten und Bürgern vorgesorgt. Gemeinsam haben sie die Genossenschaftspraxis Ebnat-Kappel gegründet. „Ich war der Motor“, so Rohner: „Ich habe den Patienten verdeutlicht, dass sie den Hausarzt dringlicher brauchen als er sie.“ Das gab ihnen den Anstoß, selbst aktiv zu werden. Sie wollten vollständig eingerichtete Praxisräume zur Verfügung stellen. Optimale Bedingungen sollten Ärzte in ihren Ort locken. Über die Organisationsform einigten sich Patienten und weitere Bewohner schnell. Im Juni 2010 gründeten sie die Genossenschaft.

Dann galt es, geeignete Räumlichkeiten zu finden. Voraussetzung war, dass die Genossenschaft Eigentümer werden konnte. „Wir mussten potenziellen Ärzten die Garantie geben, dass die Miete langfristig stabil bleibt“, so Rohner. Die Gewinne aus der Vermietung der Räumlichkeiten sollten zudem vollständig für Neuinvestitionen und Renovierungen der Praxen reserviert bleiben und nicht aus dem Dorf abfließen. Die Genossenschaft erhielt verschiedene Angebote. Auch der Eigentümer des Hauses, in dem Rohner praktizierte, war zu einem Verkauf bereit. Schließlich entschied sich die Genossenschaft für dieses Grundstück. Das hatte den Vorteil, dass Rohner in seinen Räumen bleiben konnte. Zudem konnten weitere Praxen geschaffen werden, da noch Platz für einen Anbau war. Hinzu kamen finanzielle Vorteile: Der Verkäufer willigte ein, dass die Genossenschaft ihm zwei Drittel des Preises in Franken und ein Drittel zunächst in Form von Anteilen zahlte.

Ärzte haben in der Genossenschaftspraxis viele Vorteile


Nach der Fertigstellung des Anbaus war nicht nur eine Praxis entstanden, sondern ein Ärztehaus. Im Oktober 2012 gelang das Wichtigste: Die Bürger konnten einen jungen Hausarzt nach Ebnat-Kappel locken. Die Bedingungen, die die Genossenschaft geschaffen hatte, erleichterten Daniel Rosa den Einstieg in die Hausarzttätigkeit. Denn die Ärzte sind lediglich Mieter. Das Haus gehört der Genossenschaft. Die Anteilsscheine in Höhe von jeweils 200 Schweizer Franken, also rund 163 Euro, liegen in Händen der Bürger. Die Ärzte bezahlen mit ihrer Miete die mit Geräten und IT-System ausgestatteten Räume und den medizinischen Investitionsfond. Damit deckt die Genossenschaft die Wartung und Erneuerung medizinischer Geräte ab, wie zum Beispiel von Röntgen- und Ultraschallapparaten. Das Einzige, was die Ärzte selbst mitbringen, sind Kleingeräte und ihr Personal.


Behandlungsraum im Genossenschaftlichen Ärztehaus Ebnat-Kappel

Behandlungsraum in der Genossenschaftspraxis: Mietanteile fließen in die Wartung der medizinischen Geräte.

Junge Mediziner haben somit kaum Anfangsinvestitionen. Sie kommen von der Ausbildung, zahlen Miete und haben die Infrastruktur inklusive. „Ein Absolvent kann ohne eigenes Kapital in eine Praxis einsteigen und die Patienten vom Vorgänger übernehmen“, so Rohner. Das kann Mediziner ins Dorf locken – so wie eben Daniel Rosa. In ihrer Arbeitsweise sind die Mediziner von der Genossenschaft unabhängig. Wie eng sie untereinander zusammenarbeiten, können sie frei gestalten.

Ärztemangel ist kein Problem mehr


Auch das restliche Haus vermietet die Genossenschaft. Im Erdgeschoss ist ein Zimmer noch an eine Physiotherapeutin vergeben. Im ersten Stock ist eine Zahnarztpraxis und im Dachgeschoss eine therapeutische Beratungsstelle untergebracht.

Auch andere Gemeinden holen sich inzwischen Rat bei den Bürgern von Ebnat-Kappel. „Unsere Gemeinschaftspraxis im genossenschaftlichen Stil ist das optimale System für die ärztliche Versorgung auf dem Land“, so Rohner. Die Suche nach einem Nachfolger für seine Praxisräume wird leichter sein als andernorts. Rohner wird seine Rente also genießen können. Die Bewohner von Ebnat-Kappel sind weiterhin gut versorgt.