Angelika Kleinhenz

Serie „Trinkwasser -Skandal“

27.09.2019

Verunreinigungen des Trinkwassers durch Fäkalkeime und Enterokokken – das gab es in Unter- und Oberfranken in den vergangenen Jahren mehrfach. Doch richtig groß war die Aufregung am 14. September 2018, als von dem Störfall eines Wasserversorgers knapp 50.000 Menschen in der Region betroffen waren. Darüber berichtet Angelika Kleinhenz in ihrer Artikelserie für die „Main-Post“, die die Vorfälle begleitet.

Die ans Trinkwassernetz der Fernwasserversorgung Mittelmain angeschlossenen Einwohner mussten auf Anordnung der Gesundheitsämter Würzburg und Main-Spessart damals drei Wochen lang ihr Leitungswasser abkochen. Die Verunsicherung bei der Bevölkerung darüber, ob die Keime gefährlich für sie sind, war groß. Die zuständigen Gesundheitsbehörden hätten gar nicht oder nicht ausreichend kommuniziert, so der Vorwurf vieler betroffener Bürger. Die Dimension des Störfalls wird durch die Recherchen von Kleinhenz – das sind unter anderem Gespräche mit einem Hygienekontrolleur, dem pensionierten Ingenieur eines Wasserversorgers, mit Bürgermeistern und den Betroffenen selbst – deutlich. Sie zeigen auch die schwierige Ursachensuche auf. Die Serie macht deutlich: Sauberes Trinkwasser ist ein hohes Gut, die Verantwortlichen müssen aus diesem Skandal lernen, die Bürger besser informieren und vor allem schützen.

Die Jury überzeugte der hohe Verbraucherschutzaspekt der Artikelserie. Trinkwasser sei ein elementares Thema für die Menschen, mehr Verbraucherschutz gehe fast nicht. Insbesondere beeindruckt zeigte sich die Jury von der Hartnäckigkeit von Angelika Kleinhenz. Sie befasste sich über Monate intensiv mit der Problematik und beleuchtete sie von unterschiedlichsten Seiten. „Die Geschichte entwickelt sich, die Autorin wird dabei immer versierter. Sie lässt sich von abwiegelnden Behörden nicht abhalten, sie bleibt dran. Sogar einen versteckten Trinkwasser-Hochbehälter hat sie über Google Earth ausfindig gemacht und die vernachlässigte Baustelle, an der die Trinkwasser-Verunreinigung entdeckt wurde, fotografisch dokumentiert. Das alles legt die Frage nahe: Wer hätte die Vorfälle sonst beleuchtet, wenn nicht diese engagierte Regional-Journalistin? So viel Fleiß und so ein langer Atem sollten unbedingt Anerkennung bekommen. Deshalb gebührt ihr der diesjährige Hermann-Schulze-Delitzsch-Preis.“, heißt es in der Urteilsbegründung.

Fragen an die Preisträgerin Angelika Kleinhenz

Angelika Kleinhenz

Wie sind Sie auf die Idee für die Serie gekommen?

Angelika Kleinhenz: Es begann ganz harmlos an einem Freitagnachmittag im September 2018. Auslöser der fünfmonatigen Recherchen und stetigen Veröffentlichungen war eine dünne Pressemitteilung der Fernwasserversorgung Mittelmain (FWM). Der Zweckverband, der für die öffentliche Trinkwasserversorgung für Teile der Landkreise Main-Spessart und Würzburg sowie Teile des Stadtgebietes Würzburg zuständig ist, informierte am 14. September, dass das Trinkwasser in einzelnen Gemeinden aufgrund eines Fundes von Fäkalkeimen (Enterokokken) abgekocht werden müsse. Es bestehe keine Gesundheitsgefahr für die Bevölkerung.

Die ganze Dimension des Störfalls wurde erst nach mehreren Tagen und intensiven Nachfragen und Recherchen offenkundig. Knapp 50 000 Einwohner der ans Trinkwassernetz der FWM angeschlossenen Gemeinden mussten auf Anordnung der Gesundheitsämter Würzburg und Main-Spessart am Ende drei Wochen lang ihr Leitungswasser abkochen. Neben diesem großen Trinkwasser-Störfall gab es im Jahr 2018 in mindestens acht weiteren, kleineren Trinkwassernetzen in Unterfranken Wasserverunreinigungen.

Mit welchen Herausforderungen waren Sie bei der Recherche des Themas konfrontiert?

Kleinhenz: Von offizieller Seite gab es wenige, zum Teil sich gravierend widersprechende, dürre Informationen. Das ging von der konkreten Gesundheitsgefahr der unterschiedlichen Keime bis hin zu der Frage, wer im Krisenfall wann und wie die Verbraucher informieren muss. Drei Wasserversorger, zwei Gesundheitsämter, 13 Gemeinden, ein Ingenieurbüro sowie das Bayrische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit waren involviert. Äußern wollte sich im Grunde niemand. Das machte mich neugierig.

Glück hatte ich, da sich auf meine Berichterstattung Fachleute gemeldet haben, die mir an den offiziellen Kanälen vorbei wichtige Tipps und Informationen gegeben haben. In der Recherche musste ich mich durch die Paragrafen der deutschen Trinkwasserverordnung arbeiten, chemischen Trinkwasseranalysen auf den Grund gehen, mit sehr vielen Betroffenen und Informanten sprechen und diese Ergebnisse den Leserinnen und Lesern in der Tageszeitung und auf unseren Online-Kanälen verständlich machen.

Neben all der theoretischen Recherche führte trotzdem kein Weg daran vorbei, in Gummistiefeln durch den Wald zu laufen, um den versteckten Trinkwasser-Hochbehälter in Zellingen über Google Earth ausfindig zu machen und die vernachlässigte Baustelle, an der die Trinkwasser-Verunreinigung entdeckt wurde, fotografisch zu dokumentieren.

Worin lag Ihr Erkenntnisgewinn?

Kleinhenz: Der Trinkwasser-Störfall sorgte für hohe Betroffenheit bei vielen Menschen und auch für ganz viel Wut. Es galt, klare Fehler auf Behördenseite zu benennen, sehr unklare Strukturen dank detaillierter Recherche zu beschreiben und Leserservice für den Alltag zu bieten. Mir ging es um Wissensvermittlung mit Nutzwert. Die Resonanz der Leser war enorm - auf allen Kanälen. Auch konkrete Veränderungen gab es aufgrund der Berichterstattung. So hat ein Landrat Defizite in der Kommunikation im Krisenfall eingeräumt, ebenso viele Bürgermeister. Es gab außerordentliche Bürgerversammlungen zum Trinkwasserstörfall, beispielsweise in den Gemeinden Greußenheim und Zellingen.

Aus meiner Recherche habe ich die Erkenntnis gewonnen, welchen Stellenwert unser Trinkwasser in unserem täglichen Leben hat, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, dass immer und zu jeder Zeit sauberes Trinkwasser in ausreichender Menge aus dem Wasserhahn kommt, sondern dass eben wesentlich mehr dahinter steckt.

Links zu den Online-Stücken der Serie:

Achtung Kontrolle: Wie sicher ist unser Trinkwasser?
Leitungswasser oder Mineralwasser - was ist gesünder?
Keime im Trinkwasser: Ist ein Rohrbruch die Ursache?
Wasser-Warnung: Bürgermeister fühlen sich allein gelassen