Anlage-Roboter

Konkurrenz für den Bankberater?

01.07.2016

Anlage-Roboter sind der letzte Schrei. Bislang fristen sie aber eine Schattenexistenz. Die betreuten Volumina sind gering, Experten warnen vor Rechtsrisiken und die Investoren lassen sich nach wie vor lieber von Menschen beraten.

 

Würden Sie einer Maschine ihr Geld anvertrauen? Das Gros der Anleger beantwortet die Frage bisher  noch mit „Nein“. Dennoch ist „Robo-Advice“, also das Vermögensmanagement durch Algorithmen, derzeit in aller Munde. Allein in Deutschland soll es 30 bis 40 Anbieter geben, darunter zum Beispiel Fintego, Vaamo oder Easyfolio und seit neuestem auch Union Investment mit der Plattform „VisualVest“. Doch bislang verwalten alle zusammen nicht mehr als 100 Millionen Euro, wie Branchenbeobachter schätzen. In den USA sollen es immerhin schon 20 Milliarden Dollar sein. Aber auch das ist keine große Zahl, wenn man berücksichtigt, dass allein die bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken Kundengelder in Höhe von 115 Milliarden Euro betreuen.

Vorgegebene Antworten


Wie funktioniert die Geldanlage mit Roboter-Beratern? Grundlage sind Fragebogen, die der Nutzer am PC, Tablet oder Handy ankreuzt. Darin geht es um Risikobereitschaft, Renditeerwartung oder Anlageziele. Zum Beispiel: Willst du einen hohen Gewinn erwirtschaften und gehst bei deiner Geldanlage deshalb auch höhere Risiken ein? Bei VisualVest können die Kunden bei dieser Frage vier Antwortoptionen wählen: „Ja“, „Etwas“, „Kaum“ und „Nein“ (siehe Bild unten). Der Roboter, der nichts anderes ist als ein Computerprogramm, leitet aus den Antworten ein Anlagemuster für den Nutzer ab – und empfiehlt auf dieser Basis ein passendes Portfolio.

„Diese Muster können sehr kompliziert sein und 20, 30 oder auch einmal mehr als 100 Bedingungen umfassen“, sagt Hans-Gert Penzel, Honorarprofessor am Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität Regensburg und Geschäftsführer des Forschungsinstituts ibi research GmbH. Die angebotenen Musterportfolios umfassen meist Indexfonds, die Werte auf dem Aktien-, Geld-, Rohstoff- oder Rentenmarkt abbilden. Mit Ausnahme von einigen reinen Beratungs-Robotern kann der Kunde sofort in das vorgeschlagene Portfolio investieren.

Einige Anbieter stellen das Portfolio als Dachfonds bereit, andere als Wertpapierdepot bei einer depotführenden Bank. Zu letzteren zählt auch VisualVest. Deren Robo-Advisor wählt seine Vorschläge aus insgesamt 14 Musterportfolios. Fonds von Union Investment sind darin aber nicht enthalten. Abseits der Finanzbranche haben Beratungsroboter bereits seit Jahren Fuß gefasst. Ein Beispiel ist das Empfehlungssystem des Internethändlers Amazon, das Nutzern auf Basis der letzten Einkäufe Produktvorschläge anpreist, die mit hoher Wahrscheinlichkeit deren Interesse wecken.

Ein anderes Anwendungsgebiet sind die Fahrzeugkonfiguratoren der Automobilhersteller, die dem Nutzer aus der Masse an Ausstattungsoptionen von vornherein nur die Komponenten präsentieren, die er auch tatsächlich einbauen lassen kann. Allerdings geht es bei diesen Anwendungen um Konsumgüter zu festen Preisen – und nicht um die Geldanlage in Wertpapiere, die mit erheblichen Verlustrisiken behaftet sein kann.

Die Akzeptanz und zunehmende Verbreitung derartiger Robo-Berater in anderen Branchen sind nach Ansicht von Penzel ein Grund dafür, warum Robo-Advisoren auch in der Finanzwelt im Kommen sind. Allerdings ist das Vertrauen und die Affinität der Nutzer für solche Produkte gerade in Deutschland noch nicht sehr ausgeprägt, wie die geringen verwalteten Volumina zeigen. Hauptzielgruppe der neuen Angebote sind vor allem 18- bis 35-Jährige, sowie technikaffine „junge“ Alte. Für diese Gruppe spielt neben dem Kostenargument vor allem der geringe Aufwand eine entscheidende Rolle. „Für Anleger wird es viel einfacher, am Aktienmarkt zu investieren“, sagt Christian Rieck, Professor für Finanzen und Wirtschaftstheorie an der Frankfurt University of Applied Sciences.

Offene Rechtsfragen


Doch es gibt Risiken. Rieck weist darauf hin, dass viele Menschen falsche Erwartungen an Robo-Berater haben. Die Algorithmen könnten die Börsenkurse ebenso wenig voraussagen wie menschliche Anlageberater. Anderen sei dagegen nicht bewusst, dass Fonds keine Zinsprodukte sind und deshalb mit Kursverlusten gerechnet werden muss. Gerade vor diesem Hintergrund machen Fachleute auf offene Rechtsfragen aufmerksam.

Es sei zum Beispiel nicht sicher geklärt, ob es sich bei den jeweiligen Angeboten um eine Beratungs-, eine Vermittlungs- oder eine reine Ausführungsleistung handelt, sagt Wissenschaftler Penzel. Je nachdem kämen unterschiedliche aufsichtsrechtliche Standards zum Tragen. Schlägt eine Investition fehl, könnte der Kunde mit dem Argument der Falschberatung versuchen, einen Teil des Gelds zu erstreiten. „Da wird es noch eine ganze Reihe juristischer Verfahren geben“, sagt Penzel.

Die größte Schwäche der Robo-Advisoren ist, dass sie dem komplexen Anlagebedarf eines Kunden nur bedingt gerecht werden können. Der Roboter kann zum Beispiel heute noch nicht beurteilen, in welchem Abschnitt seines Lebens und in welcher speziellen Situation sich der Kunde befindet und welche individuellen Bedürfnisse er deshalb hat. 65-Jährige haben beispielsweise in der Regel nicht mehr vor, ein Haus für sich selbst zu bauen. Das kann bei einem 30-Jährigen dagegen ganz anders aussehen. „Maschinen können nicht beraten“, zitierte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ kürzlich eine Bremer Verbraucherschützerin. Menschliche Bankberater hingegen schon.

Auch Andreas Beck, Vorstandssprecher des unabhängigen Instituts für Vermögensaufbau aus München, beäugt die Roboter skeptisch. Er weist darauf hin, dass Anleger für den langfristigen Anlageerfolg eine Strategie verfolgen müssen. Dazu gehört auch, Kursverluste durchzustehen, ohne überhastet zu verkaufen und Verluste zu realisieren. „Um das zu lösen, braucht man einen Berater, der den Anleger durch Krisen führt und gegebenenfalls beruhigt“, sagt Beck.

Trotz dieser Nachteile ist Beck überzeugt, dass die Verbreitung von Robo-Advisoren aufgrund ihrer Kosteneffizienz für Banken und Kunden zunehmen wird – allerdings ausschließlich als Werkzeug etablierter Anbieter. Diese könnten durch die geringen laufenden Kosten auf eine Gebühr für den Dienst des Robo-Advisors verzichten – im Gegensatz zu Fintechs, deren ganzes Geschäftsmodell darauf beruhe, für den Dienst ihres Roboters jährlich zwischen 0,5 und 1 Prozent des Depotwerts zu verlangen.

Kooperation Mensch-Maschine


Giovanni Gay, Geschäftsführer bei Union Investment, rechnet aufgrund der großen Zahl an Robo-Advisoren in den kommenden Jahren mit einer Konsolidierung des Markts. In dieser Zeit müsse sich auch herausstellen, ob Kunden Vertrauen in solche Angebote herstellen. „Für Anleger handelt es sich schließlich immer noch um eine neue Form der Beratung, das dürfen wir nicht vergessen“, sagt Gay. Für die Volksbanken und Raiffeisenbanken ergibt sich daraus nach seiner Einschätzung ein großer Vorteil: Sie haben eine starke und etablierte Marke. Roboter-Beratungsangebote der genossenschaftlichen FinanzGruppe hätten daher einen Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsvorsprung, der genutzt werden könne, um auch reine Online-Kunden zu gewinnen, die ansonsten eine Direktbank wählen würden, so Gay.

Die Mehrheit setzt aber nach wie vor auf menschliche Berater: Bei der jüngsten Umfrage für das Anlegerbarometer von Union Investment gaben 71 Prozent der Befragten an, dass ihnen ein persönliches Gespräch mit einem Bankberater bei der Anlageentscheidung wichtig sei. Andreas Beck empfiehlt daher, Robo-Advisoren in die Beratung zu integrieren, um die Vorteile menschlicher und künstlicher Berater zu kombinieren. „Die Volksbanken und Raiffeisenbanken sitzen in der Pole-Position“, sagt Beck. Denkbar sei eine Dreierkonstellation aus Kunde, Bankberater und Robo-Advisor, in der der Roboter dem menschlichen Berater Teile seiner Arbeit abnimmt. Der Roboter könne beispielsweise auf Basis der Risikobereitschaft des Kunden einen Vorschlag errechnen, den der menschliche Berater überprüft und gegebenenfalls anpasst.

Ein anderes Szenario seien Fragen von Kunden zu Produkten, auf die sie durch den Robo-Advisor aufmerksam wurden. In diesen Fällen gäbe es einen Ansprechpartner vor Ort, der die Kunden unterstützt. Die Rolle der Bankberater werde sich durch die neuen Angebote auf jeden Fall stark wandeln, prognostiziert Professor Rieck. Gefragt sei er aber nach wie vor: als Begleiter der Kunden.