Anlageberatung entbürokratisieren und mehr Kundenorientierung ermöglichen

03.11.2014

Mit der Einführung der Protokollpflicht für Beratungsgespräche wurde die Anlageberatung im Jahr 2010 stark bürokratisiert. Seit 2011 sollen zudem Produktinformationsblätter über die Risiken eines Finanzprodukts aufklären. Die Regierungsparteien haben im Koalitionsvertrag vereinbart, die Zweckmäßigkeit und Verständlichkeit von Produktinformationsblättern und Beratungsprotokollen zu überprüfen und Verbesserungen umzusetzen.

Eine Revision ist dringend notwendig. Das Beratungsprotokoll hat einen Rückgang der Anlageberatung ausgelöst. Denn zum einen müssen die Sparer im Rahmen der schriftlichen Dokumentation sensible persönliche Informationen angeben. Zum anderen dauern die Beratungsgespräche wegen der Protokollierung im Durchschnitt 20 bis 40 Minuten länger. Viele Anleger haben dafür kein Verständnis und verzichten deshalb oft auf jegliche Beratung. Darüber hinaus zwingt der bürokratische Aufwand zahlreiche Banken dazu, die Wertpapierberatung zu verringern. Einer repräsentativen Studie des Deutschen Aktieninstituts zufolge haben 65 Prozent der Banken ihre Aktienberatung eingeschränkt. 22 Prozent der Kreditinstitute haben sie ganz eingestellt. Unter den kleinen Instituten mit einer Bilanzsumme unter 500 Mio. Euro sind es sogar über 40 Prozent.

Doch für den Vermögensaufbau und die private Altersvorsorge ist es in der aktuellen Niedrigzinsphase wichtig, auf Wertpapiere mit einem höheren Renditepotenzial setzen zu können. Das jedoch erfordert Befassung mit und Beratung zum Produkt. Eine solche kundengerechte Beratung wird durch die Produktinformationsblätter zusätzlich erschwert. Sie müssen auch für Einzelaktien oder Unternehmensanleihen erstellt werden. Damit entsteht der Eindruck, diese einfachen Wertpapiere seien ähnlich komplex wie verpackte und strukturierte Finanzprodukte. Die Produktinformationsblätter müssen selbst dann ausgehändigt werden, wenn dem Anleger die Risiken einer Anlageklasse vertraut sind. Eine Flut von Produktinformationen kann keinesfalls eine umfassende Beratung ersetzen.

Der Gesetzgeber sollte den Vereinbarungen des Koalitionsvertrages der Berliner Regierungsparteien folgen und die Bürokratisierung der Anlageberatung abbauen. Dies könnte durch zielgerichtete Ausnahmen von der Protokollpflicht erreicht werden: Erfahrene Investoren sollten eine Option zum Verzicht auf die Protokollierung erhalten. Gleiches wäre für alle Kunden mit Einmalanlagen bis zu 5.000 Euro und Jahresanlagebeträgen bis zu 10.000 Euro angemessen. Ebenfalls sind Halte- und Verkaufsempfehlungen von der Protokollpflicht auszunehmen. Zudem sollte den Anlegern freigestellt werden, welche Informationen sie für das Protokoll angeben möchten. Die Vorgabe, Produktinformationsblätter für einfache Wertpapiere auszuhändigen, sollte aufgehoben werden und nur für Anlageklassen gelten, deren Risiken dem Anleger nicht vertraut sind.

Mit diesen Vorschlägen könnte die Anlageberatung von bürokratischem Ballast befreit werden und sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren: den Anleger mit seinen finanziellen Zielen.