Bitcoins

Die Schattenwährungen

02.11.2011

Vom Aufstieg des virtuellen Geldes und sogenannter „Bitcoins“, einem digitalen,anonymen und globalen Zahlungsmittel, das eigentlich gar nicht existiert

Währung aus Nullen und Einsen: Bitcoins. Foto: Panthermedia/Alexander ZschachWährung aus Nullen und Einsen: Bitcoins. Foto: Panthermedia/Alexander Zschach


Die Welt wird immer digitaler. Bücher kauft man nicht mehr im Buchladen, sondern liest sie auf einem E-Book-Reader oder einem Tablet-PC. Briefe schreibt man schon lange nicht mehr, man kommuniziert per E-Mail. Musik hört man sich nicht mehr auf CDs an, sondern lädt sie auf seinen MP3-Player. Analoges Bargeld scheint verglichen mit diesen Entwicklungen von gestern zu sein. Deswegen haben sich digitale Währungen entwickelt, zum Beispiel die sogenannten „Bitcoins“. Doch das virtuelle Geld entzieht sich jeglicher Kontrolle durch Staaten, Notenbanken oder Zahlungsverkehrsdienstleistern.

Die Anfänge des Cyber-Gelds: Linden-Dollar und Facebook Credits


Digitale Währungen sind grundsätzlich nichts Neues. Vor einigen Jahren, eine gefühlte Ewigkeit vor Facebook und Twitter, war Second Life in Mode. In der Parallelwelt konnten die Nutzer ihre Charaktere, die sogenannten Avatare, nach den eigenen Vorlieben gestalten und in einer virtuellen Realität zum Beispiel Freundschaften schließen, sich verlieben, handeln oder Geld verdienen. Dazu benötigte das Programm eine virtuelle Währung, die Linden-Dollar.
Benannt wurde das Geld nach der Betreiberfirma von Second Life, Linden Lab. Doch der digitale Dollar schaffte es nicht in die Realität.

Auch der Name Facebook muss im Zusammenhang mit digitalen Währungen fallen. Das größte soziale Netzwerk der Welt hat mittlerweile sein eigenes Zahlungsmittel, die sogenannten Facebook Credits. Jeder Nutzer, der Programme oder Filme über das Netzwerk beziehen möchte oder sich für eines der kostenpflichtigen Spiele begeistert, braucht sie. Erwerben kann man sie gegen reales Geld, zahlbar zum Beispiel mit Kreditkarte oder PayPal. Bei jedem Einkauf mit den Facebook Credits kassiert der Konzern von Mark Zuckerberg übrigens eine Gebühr.

Auf anderen Internetseiten hat die Zuckerberg-Währung noch nicht Einzug gehalten. Das könnte sich jedoch bald ändern: Die Betreiber von Web-Angeboten könnten eine eigene Bezahlschaltfläche in ihre Auftritte einbinden – analog zum umstrittenen „Gefällt mir“-Button. Dann würde jeder Einkauf automatisch im Facebook-Profil des Käufers erscheinen – und die Credits zu einer virtuellen Web-Währung. Der Zuckerberg-Konzern selbst wäre damit auf einen Schlag der größte Zahlungsverkehrsdienstleister auf dem Globus.

Bitcoins: Wenn Computer Geld „drucken“ können


Ein völlig anderer Ansatz steht hinter den sogenannten Bitcoins. Dabei handelt es sich um ein durch Rechenleistung erzeugtes, angeblich sicheres und vollständig anonymes Cyber-Zahlungsmittel, das sogar schon einige Internetshops akzeptieren. Manche sehen die Währung sogar schon als das neue Gold, wenn es um ein auch in Krisenzeiten sicheres Wertaufbewahrungsmittel geht.

Die Geschichte der Bitcoins begann schon früh, richtigen Zuspruch fand das Projekt aber erst Ende 2010. Die Cyber-Währung ist ein asymmetrisches kryptografisches Verfahren, das Transaktionen zwischen Sender und Empfänger direkt abwickelt – ohne Banken oder Zahlungsverkehrsdienstleister. Auf Portalen im Netz kann man reales Geld in Bitcoins umtauschen: 1 BTC, so das Kürzel der Web-Währung, kostet derzeit rund 2,50 Euro. Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit: Technisch Versierte können etwas tun, was man sonst vor allem aus Comics über den Wilden Westen kennt. Die Rede ist vom Geld schürfen.

Virtuelles Geldschürfen mit dem Hochleistungsrechner


In der Welt des Internets heißt das Schöpfen neuer Bitcoins „Mining“. Da es keine Zentralbank gibt, die Geld drucken könnte, müssen das die Nutzer selbst tun – im übertragenen Sinn. Denn Bitcoins entstehen durch Rechenleistung: Mithilfe spezieller Schürf-Programme und leistungsfähiger Grafikkarten muss man kryptografische Rätsel lösen. Wem dieser komplexe Rechenprozess gelingt, der bekommt 50 Bitcoins gutgeschrieben. Wer hier einen Nebenverdienst wittern sollte: Mit gängigen PCs sind die Rätsel nicht zu bewältigen.

Die Geldschöpfung wird immer komplizierter. Dadurch reguliert sich die Geldmenge selbst. Um die kryptografischen Aufgaben zu lösen, benötigt man eine immer größere Rechenleistung. Doch irgendwann ist Schluss: Zum Schutz vor Inflation ist die Geldmenge auf 21 Millionen Bitcoins begrenzt – das entspricht beim aktuellen Kurs rund 53 Millionen Euro.

Wer virtuelles Geld tauschen will, braucht zunächst einmal die Bitcoin-Nutzersoftware. Alle Teilnehmer bilden ein dezentrales Netzwerk, über das Transaktionen abgewickelt werden – mithilfe eines öffentlichen und eines privaten Schlüssels. Bei einer Überweisung errechnet die Nutzersoftware aus beiden Schlüsseln eine Datenfolge, die sie anschließend an das Bitcoin-Netzwerk zur Verifizierung schickt. Nach dem erfolgreichen Identitäts- und Solvabilitätsabgleich, für welche das unverwechselbare und mathematisch miteinander verbundene Schlüsselpaar nötig ist, wird die Transaktion in das öffentliche Zahlungsverzeichnis eingetragen.

Virtuelle Kontonummer, digitale Geldbörse


Die Algorithmen arbeiten eine virtuelle Kontonummer, die sogenannte Bitcoin-Adresse, in die Zeichenkette der erhaltenen Geldeinheiten ein. Ein Bitcoin verändert also mit jeder Transaktion seine Zeichenfolge: Jeder Besitzer hinterlässt seine digitale Spur im Code einer erworbenen Einheit.

Damit wird es angeblich unmöglich, zum Beispiel eine Überweisung zu fälschen oder Münzen auszugeben, die man eigentlich gar nicht hat. Gleichzeitig sorgen die Zahlenkolonnen dafür, dass der digitale Zahlungsverkehr anonym abläuft. Darüber dürften sich vor allem Geldwäscher und Steuerhinterzieher freuen.

Als digitale Geldbörse dient eine Datei auf dem Computer. Doch wer sie verliert oder sich bei einer Transaktion vertippt, dessen Geld ist unwiderruflich verloren.

Und obwohl die Währung angeblich sicher ist, böswillige Hacker finden immer eine Schwachstelle: Sie bemächtigten sich einer Bitcoin-Tauschbörse und plünderten Konten mehrerer Nutzer. Einen Trojaner für die digitalen Geldbörsen gibt es ebenfalls schon. Nach den beiden Angriffen stürzte der Wechselkurs ab. Der Weg zur Alternativwährung ist für die Bitcoins noch weit. Zwar gibt es Hacker, die das Web-Geld als Zahlungsmittel akzeptieren, genauso wie Porno-Seiten und einige Online-Händler. Aber ein Massenphänomen ist es noch nicht. Und das ist vielleicht auch gut so. Zwar sind Bitcoins für die einen die wichtigste Innovation seit der Erfindung des Internets, für die anderen sind sie jedoch das gefährlichste Open-Source-Projekt aller Zeiten.


Mehr zum Thema Bitcoins:

Virtuelles Geld - reale Gefahr? ("Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt", 03/2013)