Brauerei Weller Erlangen eG

Nach 100-jähriger Durststrecke gibt es dort wieder genossenschaftliches Bier.


Historische Postkarte von Erlangen


Das bayerische Grundnahrungsmittel Nummer eins verortet der unkundige Biertrinker meist ausschließlich in ober- und niederbayerischen Gefilden. Mit Nordbayern bringt man eher ein anderes Genussgetränk in Verbindung: Weinfranken und seine Winzergenossenschaften sind ein Aushängeschild für die Region. Doch auch das Gegenstück Bierfranken gibt es – ja es hat sogar einen eigenen Wikipediaeintrag.

Darin erwähnt ist auch Erlangen, das sich selbst als Bierstadt sieht. Bis vor wenigen Monaten gab es dort allerdings nur zwei Brauereien. Jetzt ist eine dritte dazugekommen: Im Mai gründete sich die Brauerei Weller Erlangen. Sie will den beiden etablierten Unternehmen keine Konkurrenz machen, sondern den Bürgern ein Stück Heimat bieten – sei es mithilfe eines Genossenschaftsanteils oder in flüssiger Form.


Eine fast vergessene Bierstadt

Wenn man sich bei Hans Kurt Weller nach der fränkischen Biertradition erkundigt, bekommt man eine fesselnde Geschichtsstunde. Weller ist eigentlich Bauingenieur, aber gleichwohl Ururenkel von Adam Weller, der im Jahr 1868 eine Erlanger Brauerei erwarb. Und er ist seit Kurzem Genossenschafter: Hans Kurt Weller ist stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der neu gegründeten „Brauerei Weller Erlangen eG“.

„Vor 150 Jahren war Bier aus Erlangen ein absoluter Wettbewerbsvorteil. Unser Wasser hat eine sehr gute Qualität und eignet sich vorzüglich zum Bierbrauen“, sagt Weller. Darüber hinaus spielten der mittelfränkischen Universitätsstadt früher weitere Standortfaktoren in die Karten: In den Burgberg, direkt vor den Toren Erlangens gelegen, konnte man wegen des Sandsteins leicht Stollen bauen. Das war ideal zum Kühlen von gewissen Getränken.

„Die Gerste bekamen die örtlichen Brauereien damals von den Landwirten im Umland. Die Hopfenanbaugebiete Spalt, Hersbruck und die Hallertau waren nicht weit weg“, fügt er hinzu. Der wichtigste Vorteil für die Bierstadt war jedoch ein anderer: „Mit dem Adler hatte Franken die erste Eisenbahn, an die ab 1844 auch Erlangen angebunden war“, so der Genossenschaftsgründer.

Sogar bis in die Vereinigten Staaten und nach Skandinavien habe man damals exportiert. „Einige Jahre war Erlangen die Bierstadt Nummer eins in Deutschland und fand sogar lobende Erwähnung in einem Karl-May-Roman. Erst mit der elektrischen Kühlung stieg München immer weiter auf“, analysiert Weller.


Eine wechselvolle Geschichte


Zu der Zeit, als die Brauwirtschaft in der Stadt noch boomte, kaufte sein Ururgroßvater die Brauerei von Adam Erich. Sie bestand seit dem Jahr 1811 im Gasthaus „Zum Goldenen Engel“. Die Immobilien zwischen Theaterplatz und Neuer Straße sind bis heute im Besitz der Familie Weller. Die „Wellerei“ entwickelte sich über mehrere Generationen gut.

Bis der Bierexport des Erlanger Braugewerbes zurückging und ein Konzentrationsprozess einsetzte. So entschied Johann Weller, der die Brauerei 34 Jahre lang geführt hatte, diese aus dem Gewerbeverzeichnis abzumelden. Kurze Zeit später schloss die dazugehörige Gaststätte, die mittlerweile den Namen „Wellers Restauration“ trug. Das war 1911, genau 100 Jahre nach Gründung der Brauerei im Jahr 1811.

Danach musste erneut ein Jahrhundert vergehen, bis die Weller’sche Brautradition wiederbelebt wurde – aus gutem Grund: 2011 jährte sich die Gründung zum 200. Mal, die Schließung zum 100. Mal. Einige Mitglieder des Heimat- und Geschichtsvereins Erlangen hatten daher zunächst die Idee, anlässlich der markanten Jubiläen alte Bierdeckel drucken zu lassen.



Bierkrüge als Finanzierungsform


Die Suche nach einer geeigneten Finanzierung lieferte schnell ein Ergebnis: Etwa 100 bis 150 Weller-Bierkrüge sollten verkauft werden. „Aber was will man damit ohne das passende Bier anfangen“, fragt Weller – und liefert die logische Antwort gleich mit: „Ein kleiner Kreis von vier Personen wollte etwa 500 bis 1.000 Liter Bier nach dem Lohnbrauverfahren produzieren lassen – bei einer kleinen fränkischen Familienbrauerei.

Es folgte die Ernüchterung: „Die Mindestmenge war 5.000 Liter – wenn das schiefgegangen wäre, hätten wir vier Beteiligten auf unseren Jahresurlaub verzichten müssen“, sagt Weller lächelnd. Aber es klappte dann doch wie am Schnürchen: Innerhalb von fünf Wochen war das ganze Bier verkauft.

Es wurde sogar noch zweimal nachgebraut. Insgesamt 200 Hektoliter des Jubiläumsbiers „Adam Wellers 3 x 11“ brachte die Initiative 2011 unter die Menschen. Der Name „3 x 11“ greift die drei wichtigen Daten auf: Brauereigründung 1811, Brauereischließung 1911 und Brauerei-Wiederbelebung 2011.

Bei dem Jubiläumsbier selbst handelt es sich um ein filtriertes Export mit sehr hopfiger Note und 4,9 Alkoholprozent. Im Jahr 2012 kam noch eine weitere Hopfenkreation hinzu. Als Erlangen ein neues Stadtarchiv bekam, kredenzte man für den Archivar – als Dankeschön für die gute Zusammenarbeit bei der Suche nach Rezepten und anderen Unterlagen – den „Archivrat“. Dabei handelt es sich um ein dunkles, nach einem urtümlichen Verfahren mit Rauchmalz gebrautes, unfiltriertes Bier mit einer Stammwürze von 14 Prozent.

Ein zweites Jubiläumsbier ließ der Freundeskreis dieses Jahr ansetzen: Das „Adam Wellers Jean Paul“ – anlässlich des 250. Geburtstags des gleichnamigen Bierliebhabers und Schriftstellers. Dieser schwärmte zu Lebzeiten von der „heilsamen Wirkung des Erlanger Biers“, dem seiner Ansicht nach zweitbesten der Welt nach dem aus seiner Heimatstadt Bayreuth.



Anstoß zur Gründung

Der Geburtstag des Romanciers war wenige Monate vor der Gründung der Brauerei Weller Erlangen. Schon zu diesem Zeitpunkt war klar, dass der kleine Freundeskreis das bisher als historisches Hobby betriebene Bierbrauen institutionalisieren wollte. Diese Frage hatte sich bereits 2012 gestellt: „Es kamen immer mehr Erlanger zu uns und fragten, warum wir mit dem Brauen aufhören“, erzählt Weller. „Damit haben die Menschen offene Türen eingerannt: Uns hat unser gemeinsames Hobby großes Vergnügen bereitet – schon als Junge wollte ich unbedingt Brauer werden – aber wir mussten das wirtschaftliche Risiko auf breitere Beine stellen.“

Die Lösung dafür lieferte die Unternehmensform Genossenschaft. Praktisches Vorbild war die Kulmbacher Kommunbräu eG. „Nach der Besichtigung der Kleinbrauerei war klar: So machen wir das jetzt auch“, erinnert sich Weller. Mittlerweile ist die Mitgliederzahl auf rund 50 angewachsen. Bei der Gründungsversammlung waren es 29. In den nächsten Monaten wollen sie richtig loslegen. Denn es sollen mehr als 300 Mitglieder werden, um das Geld für die weiteren Pläne der Genossenschaft aufbringen zu können.

Weller ist zuversichtlich: „Vom Kanzler der Universität, Thomas A. H. Schöck, der unser Aufsichtsratsvorsitzender ist, bis hin zum Müllmann interessieren sich alle Bevölkerungsgruppen für unser Bier.“ Allen voran natürlich die Gastronomen: Die wollten das neue beliebte Heimatbier, das zu Beginn noch eine Art Geheimtipp war, in ihren Lokalen ausschenken. „Leider mussten wir viele Angebote absagen, weil wir aus logistischen Gründen nicht in der Lage waren, so viele Abnehmer zu beliefern“, erklärt Therese Langhammer, die Vorstandsvorsitzende der Genossenschaft.

Die Cousine von Hans Kurt, ebenfalls eine gebürtige Weller, ist selbst Gastronomin. In mehreren Getränkemärkten und dem Café Sax am Schlossplatz gibt es das Bier bereits zu kaufen. „Der Betreiber des Sax’ war so enthusiastisch, dass er das Bier selbst abgeholt hat“, so Langhammer, die in ihrem „Grauen Wolf“ ebenfalls den begehrten Gerstensaft ausschenkt. Jetzt arbeiten Vorstand und Aufsichtsrat auf den nächsten großen Termin hin: Im Frühling 2014 soll die eigene Braustätte mit angeschlossenem Gasthaus eingeweiht werden – möglicherweise am früheren Standort der Firma, die die Weller-Brauerei 1911 übernommen hat. Bis dahin hat die Genossenschaft noch einiges zu tun. Aber gelohnt hat es sich wegen des großen Zuspruchs eigentlich jetzt schon. Oder mit den Worten Langhammers: „Eine kleine Genossenschaftsbrauerei ist ein Stück Heimat für die Menschen und eine Bereicherung für die Bierstadt Erlangen.“