Buch „Sozialreformer, Modernisierer, Bankmanager“

Was die Pioniere antrieb

16.03.2016

Die Entwicklung der Volksbanken und Raiffeisenbanken und ihrer Zentralbanken wurde im Laufe der Zeit von vielen Menschen vorangetrieben. Wie einige dieser Persönlichkeiten auf das Genossenschaftswesen eingewirkt haben, erklärt das Buch „Sozialreformer, Modernisierer, Bankmanager. Biografische Skizzen aus der Geschichte des Kreditgenossenschaftswesens“.


492 Seiten Geschichte: Das Buch ist beim Verlag C.H. Beck in München erschienen und kostet 38 Euro (ISBN 978-3-406-68357-2).


Den Geschichtsband hat das Frankfurter Institut für bankhistorische Forschung (IBF) im Auftrag der DZ Bank herausgegeben. IBF-Vorsitzender Professor Dr. Bernd Rudolph sprach im Interview mit „Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt“ über das Buch und seine Hintergründe.


Profil: Herr Rudolph, worum geht es in dem Buch?


Bernd Rudolph: Das Buch greift 16 führende Akteure der Genossenschaftsgeschichte heraus, soweit sie auf die Entwicklung der kreditgenossenschaftlichen Spitzenorganisation einwirkten. Hier geht es nicht so sehr darum, ein Bild ihrer Persönlichkeit zu zeichnen, als vielmehr darum, ihr kreditgenossenschaftliches Engagement zu skizzieren, dessen möglichen Motiven nachzugehen und dieses Wirken in die jeweiligen Biografien einzuordnen.

Profil: Den Autoren von Biografien wird gerne vorgeworfen, es gehe ihnen darum, Geschichte auf das „Handeln großer Männer“ zu reduzieren. Warum haben Sie sich für diese Darstellungsform entschieden?

Rudolph:
Natürlich darf der biografische Ansatz nicht für sich allein  stehen, was ja bereits durch das Vorgängerbuch ausgeschlossen ist. Eine moderne Biografie setzt sich kritisch mit dem Handeln und Selbstverständnis der Akteure auseinander, spiegelt deren Wirken in der Außenwahrnehmung. Dabei werden die zeitgenössischen und posthumen Einschätzungen und Hinweise aus den Quellen gewonnen. Zwar dürfen einerseits die Persönlichkeiten nicht gleichsam als Heilige überbewertet werden – man wird aber andererseits die Geschichte der kreditgenossenschaftlichen  Spitzenorganisation nur verstehen können, wenn man beispielsweise die Wurzeln von Hermann Schulze-Delitzschs dezidierter Ablehnung der Staatshilfe kennt. Ebenso sollte man die politischen und agrarpolitischen Zusammenhänge und Motive kennen, aufgrund derer der preußische Finanzminister Johannes von Miquel den preußischen Staat dazu veranlasste, in der Frage der Zentralkassen der Genossenschaften aktiv zu werden, oder man sollte nachvollziehen können, wie Andreas Hermes, der die Neugründung der Deutschen Zentralgenossenschaftskasse nach dem Zweiten Weltkrieg betrieb, politisch und beruflich vernetzt und geprägt war.

Profil: Gibt es gemeinsame Werte, die alle im Buch vorgestellten Persönlichkeiten verbinden – und die sich vielleicht auch auf die heutige Zeit übertragen lassen?

Rudolph:
Wir sollten nicht den Fehler  machen, Werte, die die Organisation erfolgreich über die Zeit bewahrt hat, bei allen für ihre Entwicklung wichtigen Akteuren gleichermaßen zu erwarten. Die beschriebenen Persönlichkeiten sorgten auf ganz unterschiedliche Weise dafür, dass die kreditgenossenschaftliche Spitzenorganisation nicht nur für sich genommen eine erfolgreiche institutionelle Entwicklung nahm, sondern dass sie auch eine ganz wesentliche Triebfeder für die  erfolgreiche Entwicklung des Verbunds wurde.

Die von Schulze-Delitzsch und Raiffeisen inspirierten Strukturen sind das Fundament bis heute, aber die Impulse von Miquels und einiger der Präsidenten der Preußenkasse, die nicht in erster Linie durch die Genossenschaftsidee inspiriert waren, haben letztlich mit die Zukunftsfähigkeit der Organisation gesichert. Das Gleiche gilt für einige der Vorstandsvorsitzenden im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, die die Bündelung der Kräfte und die Entwicklung des  Instituts zu einer modernen Großbank vorangetrieben haben. Es ist aber meines Erachtens nicht nur das Werk Einzelner und ihrer Ideen, sondern auch die für die Balance sorgende Verbundstruktur, die den Fortbestand zentraler genossenschaftlicher Werte und den Erfolg der Organisation gewährleistet.


Das vollständige Interview ist in der März-Ausgabe von „Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt“ erschienen.