Bundesbank-Vorstand Thiele im Interview

„Instant Payments bieten Chancen für Kreditinstitute“

16.02.2017

Ab dem Spätherbst sollen Alltagszahlungen auch in Echtzeit möglich werden. Was solche „Instant Payments“ für Kreditinstitute und ihre Kunden bedeuten, erklärt Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele im Interview.

Junge Frau beim Online-Banking
Bei Überweisungen dauert es oft eine Weile, bis das Geld beim Empfänger ist. Mit „Instant Payment“ soll das künftig innerhalb weniger Sekunden abgewickelt sein. 



Zehn Sekunden: So lange soll es dauern, bis mit „Instant Payment“ eine Überweisung komplett abgeschlossen ist. Angestoßen wurde das Echtzeit-Zahlungssystem im Euro-Raum von den Zentralbanken des Euro-Systems und der europäischen Kreditwirtschaft. Im November 2017 soll das System parallel zu den herkömmlichen Verfahren an den Start gehen. Im Interview sprach Vorstandsmitglied Carl-Ludwig Thiele über die Vorteile von Sofort-Zahlungen, aber auch über die Herausforderungen, die auf die Banken zukommen.


Herr Thiele, was bezweckt die EZB mit der Einführung von „Instant Payments“?


Carl-Ludwig Thiele:
Die Beschleunigung des Zahlungsverkehrs. Die alltägliche Kommunikation über E-Mail und Whats-App läuft bereits in Echtzeit ab. Auch Lieferungen von Online-Händlern am selben Tag sind mittlerweile möglich. Da ist es kaum noch zu vermitteln, warum eine Überweisung erst am nächsten Geschäftstag ankommen soll. Einige europäische Länder wie Großbritannien oder Schweden haben zudem bereits funktionierende Instant-Payment-Systeme. Und in Ländern des Euro-Raums gibt es bereits nationale Initiativen, die Instant Payments vorantreiben. Die Zentralbanken im Euro­System haben sich deshalb der Sache angenommen, um für eine europäische Lösung zu sorgen.

Welche Rolle spielt die Bundesbank?


Thiele:
Die Bundesbank unterstützt die Einführung des neuen Bezahlverfahrens, indem sie etwa als Vermittler die Position des deutschen Markts in den Diskussionsprozess der europäischen Gremien trägt. Wir treffen uns dazu regelmäßig mit den Verbänden der Kreditinstitute, um anstehende Themen zu diskutieren. Dabei nehmen wir Anregungen auf und informieren über den Stand der europäischen Diskussion.

Wie soll das neue System aussehen?


Thiele:
Instant Payments sind ein weiterer Baustein in der Digitalisierung des Zahlungsverkehrs. Für eine breite Akzeptanz auf Anwenderebene ist es darum nötig, Applikationen für die einfache Verwendung zu entwickeln. Dabei gilt es, die Gewohnheiten der Nutzer zu berücksichtigen. Daher sind Smartphone-Apps aus meiner Sicht ein wesentliches Element. Für die Abwicklung der Zahlung auf Interbankenebene gibt es ein Regelwerk, das die europäische Kreditwirtschaft erarbeitet hat. Dort ist der technische Weg aufgezeichnet und die Regeln für die Abwicklung zwischen den Banken beschrieben.

Welche Pläne gibt es für den Zahlungsverkehr zwischen den Banken?


Thiele:
Nach der Auslösung der Zahlung durch den Kunden, muss die Zahlung bankenintern verarbeitet werden. Für diese nachgelagerte Verarbeitung passt das Euro-System derzeit seine Systeme an: das Zahlungsverkehrssystem Target 2 und das Wertpapierabwicklungssystem T2S. Darüber hinaus wird der Markt befragt, ob Bedarf für eine vom Euro-System bereitgestellte Infrastruktur für Echtzeitabwicklungen besteht.

Wie soll eine Transaktion nach den derzeitigen Plänen konkret ablaufen?


Thiele:
Nehmen wir den Kauf eines Gebrauchtwagens. Nach der Einigung über den Kaufpreis öffnet der Käufer eine Smartphone-App. Dabei kann es sich um eine App der Bank oder die eines unabhängigen Anbieters handeln. Dort gibt er den Betrag ein und adressiert die Zahlung an den Verkäufer. Der Auftrag geht dann an die Käuferbank. Diese prüft den Zahlungsauftrag und wandelt ihn gemäß des EPC-Regelwerks in eine Nachricht um. Anschließend erfolgt der Transfer der Mitteilung an ein Clearinghaus, das die Anweisung an die Empfängerbank weiterleitet. Diese schreibt den Geldbetrag sofort dem Konto des Empfängers gut und schickt eine Bestätigung an das Clearinghaus. Dieses leitet die Nachricht an die Bank des Käufers weiter. Anschließend sollten beide Vertragsparteien auf ihrer Smartphone­App eine Benachrichtigung bekommen, dass die Zahlung erfolgreich durchgeführt wurde. Die eigentliche Abwicklung kann dann sofort oder auch nachgelagert erfolgen. Die Prozesse im Hintergrund sind ja für die Kunden nicht von Bedeutung. Für sie muss die Zahlung nur einfach, sicher und schnell sein.

Worauf müssen sich die Banken einstellen?


Thiele:
Die Verfügbarkeit von Instant Payments rund um die Uhr ist eine Herausforderung für die Banken, die noch in vielen Punkten zu klären ist. Durch Instant Payments können sich viele Abläufe im Kreditgewerbe ändern. Hierbei sollte geprüft werden, ob Zentralinstitute für ihre Kreditinstitute die Abwicklung durchführen können. Hier besteht noch viel Klärungsbedarf.

Wer trägt die Kosten für die Einführung von Instant Payments?


Thiele: Darüber sind wir in der Diskussion. Wir kennen die Ertragssituation des Bankensektors und die Kosten der Einführung lassen sich schwer einschätzen. Gleichwohl stellen wir fest, dass Nachfrage nach Instant Payments besteht. Darum wird es solche Lösungen geben. Die Frage ist: Gibt es sie mit den Kreditinstituten oder ohne? Das können wir für die Kreditwirtschaft nicht beantworten. Wir versuchen nur, einen vernünftigen Rahmen abzustimmen.


Carl-Ludwig Thiele
Foto: Majit Jari


Welche Vorteile ergeben sich durch Instant Payments für die Banken?

Thiele: Das Umfeld für die Kreditwirtschaft hat sich durch die Konkurrenz von Fintechs und globalen Internetfirmen grundlegend verändert. Instant Payments sind für den Bankensektor eine Chance, aktiver Treiber der Digitalisierung zu werden. Die Institute könnten mit neuen Angeboten zusätzliche Kunden an sich binden und bisherige Kunden langfristig halten.

Ab wann werden die Sofort-Zahlungen flächendeckend verfügbar sein?


Thiele: Ab November 2017 sollen Instant Payments möglich sein. Einige Clearinghäuser haben angekündigt, bis dahin Lösungen anzubieten. Sicherlich wird zu Beginn noch kein flächendeckendes Angebot zustande kommen. Wann das der Fall sein wird, lässt sich noch nicht abschätzen.

Wird es wie bei der Einführung von Sepa einen Stichtag zur verpflichtenden Umstellung geben, wenn sich Instant Payments nicht wie gewünscht durchsetzen?

Thiele: Instant Payments sind eine marktwirtschaftliche Lösung. Daher erwarte ich, dass der Wettbewerbsdruck früher oder später für eine breite Teilnahme aller Institute sorgt. Mir geht es vor allem darum, dass wir zukünftig Instant Payments auch grenzüberschreitend im Euro­Raum durchführen können.

Herr Thiele, herzlichen Dank für das Gespräch!


Der Interview ist in der Februar-Ausgabe von „Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt" erschienen.