Chronik der Raiffeisenbank Hengersberg-Schöllnach

Protokollbücher in deutscher Kurrent

08.08.2017

Die Raiffeisenbank Hengersberg-Schöllnach hat zu ihrem 125. Jubiläum eine Chronik mit 130 Seiten veröffentlicht. Die Vorstände erklären, warum sich die Kreditgenossenschaft entschlossen hat, ihre Geschichte niederzuschreiben.

Gerhard Progl, Karl Santner, Sabrina Gigl, Adolf Leitl
Von links: Vorstand Gerhard Progl, Vorstandsvorsitzender Karl Santner, Marketingleiterin Sabrina Gigl und Autor Adolf Leitl präsentieren die Chronik der Raiffeisenbank Hengersberg-Schöllnach. Diese erzählt die Geschichte der Kreditgenossenschaft und ihrer Vorgängerinstitute, illustriert mit zahlreichen Bildern.


Die deutsche Kurrent, bis ins frühe 20. Jahrhundert die gebräuchliche Schreibschrift in Deutschland, ist für heutige Leser kaum zu entziffern. Zudem schrieb der Kaufmann Fritz Kurz aus der Marktgemeinde Winzer im heutigen Landkreis Deggendorf nicht gerade schön. Deshalb braucht es Geduld, um seinen Tagebucheintrag zur Gründung des ersten Vorgängerinstituts der heutigen Raiffeisenbank Hengersberg- Schöllnach zu transkribieren: „Am 11. Dezember 1892 erste Besprechung bei Kurz wegen Gründung eines Raiffeisenvereins. Am 18. Dezember Gründung desselben“, heißt es dort.

Über die Gründung der Bank nachlesen


Tatsächlich wurde der Spar- und Darlehenskassenverein Winzer erst am 27. Dezember 1892 gegründet – alles nachzulesen in der Chronik der Raiffeisenbank Hengersberg-Schöllnach, die sie anlässlich ihres 125. Geburtstags veröffentlicht hat. Auf 130 Seiten wird die Geschichte der Kreditgenossenschaft und ihrer zehn Vorgängerinstitute ausführlich dokumentiert und mit zahlreichen historischen Bildern illustriert. Insgesamt 550 Exemplare ließ die Bank drucken, die an Mitarbeiter, Mitglieder und gute Kunden verteilt werden.

Rechtzeitig zur Generalversammlung im Juni und der Jubiläumsfeier im Juli war das Werk fertig. Die Mitarbeiter hatten sich für ein Fest ohne großes Brimborium entschieden. „Es sollte so gemütlich sein wie ein Familientreffen zu Omas 80. Geburtstag“, sagt der Vorstandsvorsitzende Karl Santner.

Zu solchen Anlässen werfen die Gäste gerne mal einen Blick in das Familienalbum. Das war auch der Grund für Santner und seinen Vorstandskollegen Gerhard Progl, eine Chronik in Auftrag zu geben. „Sie soll die regionale Verwurzelung unseres Instituts für die Mitglieder erlebbar machen und so die Bindung zu ihrem Institut stärken“, sagt Santner. „Mit der Chronik gewinnen wir außerdem ein Nachschlagewerk zur eigenen Geschichte, auf das Mitarbeiter bei Bedarf zurückgreifen können“, ergänzt Progl. Bei älteren Kunden komme es zum Beispiel gut an, wenn junge Mitarbeiter über die Geschichte der Geschäftsstelle und die ehemaligen Vorstände Bescheid wüssten.

Protokollbücher und Grundakten


Autor des Werks ist Adolf Leitl. Der ehemalige Bankenprüfer des Genossenschaftsverbands Bayern (GVB) ist ehrenamtlicher Ortsheimatpfleger der Gemeinde Winzer. Bereits 2014 machte er sich an die Arbeit. Grundlage seiner Recherchen waren die Protokollbücher von Vorstand, Aufsichtsrat und Generalversammlung der ehemals selbstständigen Banken, die fast alle noch vorhanden sind – aufeinandergestapelt ein Konvolut mit 70 Zentimetern Höhe. Hinzu kamen die entsprechenden Grundakten im Genossenschaftsregister des Amtsgerichts Deggendorf, die bis in die Gründungsjahre der Bank zurückreichen. Weiteres Material fand Leitl in Heimatbüchern und Jubiläumsberichten, bei Mitgliedern und in den Geschäftsstellen.

Chronik der Raiffeisenbank Hengersberg-Schöllnach
Ein Blick in die Chronik der Raiffeisenbank Hengersberg-Schöllnach.



Ein Jahr lang suchte der 76-Jährige nach Quellen, ehe er sich daran machte, die Chronik zu verfassen. Hilfe bekam er von Marketingleiterin Sabrina Gigl, die das Projekt koordinierte. Gemeinsam entschieden sie, nicht nur Fakten aneinanderzureihen, sondern die Geschichte jedes Vorgängerinstituts auf dem Weg zur heutigen Bank zu erzählen. „Wir wollten zum Schmökern einladen und nicht nur Zahlen herunterbeten“, erläutert Vorstandsvorsitzender Santner.

Tresor ohne Schlüssel


Auch der Historische Verein bayerischer Genossenschaften im GVB unterstützte Leitl und Gigl bei der Erstellung der Chronik. Die Geschäftsführerin des Vereins, Silvia Lolli Gallowsky, gab ihre Erfahrung weiter und tauschte sich immer wieder mit Leitl aus, wie man ein solches Projekt am besten vorbereitet. „Das war sehr hilfreich“, sagt Leitl.

Bei der Recherche tauchte neben alten Rechenmaschinen so manches Kuriosum auf. In der Filiale Winzer etwa entdeckte Leitl im Keller hinter anderen Möbeln einen ausrangierten, jahrzehntealten Tresor ohne Schlüssel. „Da haben die Landmaschinenmechaniker unserer Warenabteilung die einmalige Gelegenheit erhalten, sich als Panzerknacker zu versuchen“, erzählt Progl. Als der Tresor aufgeschweißt war, fanden sich darin alte Protokollbücher. „Für uns waren das wertvolle Quellen, ein normaler Bankräuber wäre wahrscheinlich enttäuscht gewesen“, vermutet der Vorstand.


Der Artikel ist in der August-Ausgabe von „Profil – das bayerische Genossenschaftsblatt“ erschienen.