Cooperatives Europe

„Mit einer Stimme sprechen“

07.10.2016

In Europa gibt es 176.000 Genossenschaften. Um ihre Anliegen zu bündeln, haben sie sich im Verband „Cooperatives Europe“ zusammengeschlossen. Dessen Präsident, Dirk J. Lehnhoff, der auch DGRV-Vorstand ist, sprach im Interview über europäische Interessenvertretung.

Dirk J. Lehnhoff, Präsident des Verbands Cooperatives Europe, über europäische Interessenvertretung für Genossenschaften.


Herr Lehnhoff, der europäische Genossenschaftsverband Cooperatives Europe feiert dieses Jahr sein zehnjähriges Bestehen. Was ist seine Aufgabe?

Dirk J. Lehnhoff: Immer mehr Politik - bereiche werden heute von den komplexen Entscheidungsverfahren auf europäischer Ebene geprägt. EU-Richtlinien und -verordnungen geben bei vielen Themen vor, was in der nationalen Gesetzgebung geregelt werden soll. Nicht zuletzt aufgrund der Vielzahl von Akteuren und  Entscheidungsebenen in Brüssel hat die Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit über die genossenschaftlichen Interessen eine große Bedeutung. Wie auf nationaler Ebene muss auch hier für ein besseres Verständnis des genossenschaftlichen Unternehmens- und Wirtschaftsmodells, aber insbesondere auch für eine für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) angemessene Regulierung geworben werden. Diese gebündelte Interessenvertretung ist wesentliche Aufgabe von Cooperatives Europe.

Wie viele Genossenschaften vertritt Cooperatives Europe?

Lehnhoff: Über seine Mitgliedsorganisationen repräsentiert Cooperatives Europe mehr als 176.000 Genossenschaften mit mehr als 140 Millionen Mitgliedern und 4,7 Millionen Arbeitsplätzen. Insgesamt setzt die europäische Genossenschaftsorganisation gut 1.000 Milliarden Euro um. Und die Zahl der Genossenschaften nimmt weiter zu. Seit 2009 hat sich ihre Zahl um 12 Prozent erhöht, in der gleichen Zeit stieg die Anzahl der Mitglieder sogar um 14 Prozent.

Wie werden Genossenschaften in Europa von Politik und Bevölkerung wahrgenommen?

Lehnhoff: Diese Frage kann man nur mit Blick auf die jeweiligen Länder und Kulturkreise beantworten. In Italien, Frankreich oder Spanien haben Genossenschaften einen ganz anderen Stellenwert in der Gesellschaft. Sie werden dort ganz selbstverständlich als alltäglicher Bestandteil der sogenannten „Economie Sociale“ verstanden. In vielen osteuropäischen Ländern sind Genossenschaften und insbesondere der Genossenschaftsbegriff hingegen noch negativ mit der Zeit der Zentralverwaltungswirtschaften behaftet. In anderen Ländern wiederum wird Genossenschaft als etwas Altbackenes wahrgenommen. Und dieser unterschiedliche  Stellenwert, diese verschiedenen Sichtweisen treffen dann in Brüssel aufeinander. Deswegen ist es eine sehr wichtige Aufgabe von Cooperatives Europe, die Sichtbarkeit der Genossenschaften in Europa zu erhöhen und möglichst mit einer Stimme gegenüber den EU-Institutionen zu sprechen.

Wie arbeiten Sie mit anderen Verbänden zusammen?

Lehnhoff: Cooperatives Europe ist der Dachverband von nationalen Genossenschaftsorganisationen und den genossenschaftlichen Sektorenverbänden in Europa, wie zum Beispiel der Landwirtschaft (COGECA), dem Bankensektor (EACB) oder der Wohnungswirtschaft (CECODHAS). Zu den nationalen Mitgliedern gehören von deutscher Seite der DGRV und der wohnungswirtschaftliche Dachverband GdW. Der ZdK ist assoziiertes Mitglied für die Konsumgenossenschaften. Insgesamt hat Cooperatives Europe 84 Mitglieder aus 34 Staaten. Für eine praxisnahe politische Positionierung wird der fachliche Austausch zwischen den nationalen Genossenschaftsorganisationen und den Sektoren gepflegt. Hierzu gibt es permanente Arbeitsgruppen, wie beispielsweise zu den Themen Rechnungslegung, Steuern oder  Genossenschaftsrecht, die regelmäßig die Interessenvertretung koordinieren. Die Abstimmung der politischen Positionen gegenüber den EU-Institutionen erfolgt in einem eigenen Gremium, dem EU-Coordination-Committee, in dem die bedeutendsten Mitgliedsländer der EU, aber auch die Sektoren vertreten sind. Wichtig: Bei der Interessenvertretung werden die branchenübergreifenden Themen beziehungsweise mit den Sektorenverbänden abgestimmte Themen fokussiert.

Wie vernetzt sich Cooperatives Europe mit der Politik in Brüssel?

Lehnhoff: Besonders wichtig für eine effektive Interessenvertretung ist die ständige Vernetzung mit den politischen Institutionen in Brüssel. Hierzu wurden beispielsweise eine permanente Arbeitsgruppe mit der EU-Kommission und ein Netzwerk von „genossenschaftsfreundlichen“ Mitgliedern des Europäischen Parlaments eingerichtet, die regelmäßig über Neuigkeiten aus den Genossenschaften informiert werden. Dieser kontinuierliche Austausch ist wichtig, um einen kurzen Draht zu den gesetzgebenden Institutionen in Brüssel zu haben, wertvolle Kontakte zu knüpfen und die Sichtbarkeit und Bedeutung der europäischen Genossenschaftsorganisation zu erhöhen. Im Bildungsbereich arbeitet eine Arbeitsgruppe an einem Konzept, wie Genossenschaften besser berücksichtigt werden können. Diesbezüglich hat die EU-Kommission ein Projekt zum Thema „Genossenschaftliche Bildung in Schulen und Universitäten und die Gründung von Genossenschaften“ ausgeschrieben.

Im August 2006 wurde das deutsche Genossenschaftsgesetz novelliert. Grundlage hierfür war die Einführung der europäischen Genossenschaft SCE. Cooperatives Europe hat die Einführung der SCE intensiv begleitet. Welche Bilanz ziehen Sie?

Lehnhoff: Die SCE ist ein gutes Beispiel, wie wichtig eine abgestimmte Interessenvertretung in Europa ist. Als Konsequenz der Verordnung über das Statut der Europäischen Genossenschaft SCE aus dem Jahr 2003 wurde schließlich in Deutschland das Gesetz zur Einführung der Europäischen Genossenschaft und zur Änderung des  Genossenschaftsrechts eingeführt. Hierbei ist es uns gelungen, eine europäische genossenschaftliche Rechtsform zu schaffen und zugleich die nationalen Besonderheiten in den Genossenschaftsgesetzen – sofern vorhanden – zu erhalten. Dies wurde auch deshalb erreicht, weil die EU-Staaten mit ihrem europäischen  Dachverband Cooperatives Europe einheitlich gegenüber der EU-Kommission aufgetreten sind. Auch nach zehn Jahren kann man schlicht resümieren: Das Erfolgsmodell des deutschen Genossenschaftsgesetzes konnte auf der einen Seite bewahrt werden, auf der anderen Seite steht bei Bedarf einer europäischen Firmierung nichts im Wege.

Wie ist es um den Nachwuchs in Europas Genossenschaften bestellt und wie kann er gefördert werden?

Lehnhoff: Zum Thema Nachwuchs bei Genossenschaften wurde ein europäisches Netzwerk von jungen Genossenschaftsmitarbeitern gegründet, das „Young Cooperators Network“. Ein wesentliches Anliegen dieser internationalen Austauschplattform ist es, Impulse von jüngeren Generationen für die eigenen etablierten Organisationen zu erhalten, im Übrigen auch für Cooperatives Europe selbst. Besonders an dieser Zukunftsfrage werden wir intensiv weiterarbeiten.

Genossenschaften sind auch auf anderen Erdteilen weit verbreitet. Wie und wo unterstützt Cooperatives Europe die Entwicklung von Genossenschaften auf anderen Kontinenten?

Lehnhoff:
Die konkrete Entwicklungsarbeit findet in den nationalen Organistionen wie etwa dem DGRV statt. Auf europäischer Ebene wurde für den Bereich der internationalen Entwicklungszusammenarbeit aber auch eine Arbeitsgruppe unter Beteiligung des DGRV eingerichtet, die „Cooperatives Europe Development Platform“. Die internationalen Aktivitäten der europäischen Genossenschaftsorganisationen, rund 250 Projekte, wurden zusammengetragen und auf einer gemeinsamen Internetseite veröffentlicht. Zur Förderung des weltweiten Genossenschaftswesens hat die EU-Kommission mit Cooperatives Europe und dem Internationalen Genossenschaftsbund ICA ein EU-finanziertes Projekt aufgelegt. Die Akquise dieses Projekts geht auf vorhergehende erfolgreiche Aktivitäten von Cooperatives Europe zurück. Zum ersten Mal erkennt damit die Kommission die weltweite Bedeutung nachhaltigen Wirtschaftens durch Genossenschaften an. Das Projekt dient der Schaffung neuer Genossenschaften, aber auch als Modell der Zukunftsabsicherung für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) ohne Nachfolger. Der  sichere und angemessene Rechtsrahmen für Genossenschaften als Erfolgsfaktor ist ebenfalls ein Thema. In den nächsten fünf Jahren steht für diese internationale Projektarbeit ein Budget von mehr als 10 Millionen Euro bereit.

Das Interview ist in der Oktober-Ausgabe von "Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt" erschienen.