Das Bargeld wird Bestand haben

03.02.2021


GVB-Präsident Jürgen Gros (v.l.), Moderator Alexander Hagelüken und Bayerns Finanzminister Albert Füracker diskutieren über die Zukunft des Geldes (Foto: GVB).

Keine Zinsen mehr auf dem Sparbuch, Debatten über die Einschränkung von Barzahlungen und Kryptowährungen, die von Privatunternehmen ausgegeben werden. Das von den Deutschen so geliebte Bargeld kommt immer mehr unter Druck. Ist die Aussicht so düster? Das muss nicht sein. Und für all die Entwicklungen gibt es Erklärungen und auch Lösungen. Das wurde bei der Diskussionsrunde „Unser Geld – eine Tradition in Disruption“ aus der Veranstaltungsreihe „Bargeld und Einlagen – quo vadis?“ der Hanns-Seidel-Stiftung am Dienstag in München deutlich.  
„Der Zins ist der Preis des Geldes“, sagte GVB-Präsident Jürgen Gros, der zusammen mit Bayerns Finanzminister Albert Füracker unter der Moderation des Journalisten Alexander Hagelüken von der Süddeutschen Zeitung auf der Bühne des online live übertragenen Veranstaltungsforums saß.

Niedrigzinsen werden uns noch lange begleiten

„Wir leben in einer alternden Gesellschaft“, in der die Sparneigung höher sei. Hinzu komme ein Strukturwandel von einem Industriestaat zu einer Dienstleistungsgesellschaft. Unter solchen Bedingungen sei der „Kapitalbedarf geringer“, erklärte Gros. „Beides zusammen bedeutet mehr Angebot bei gleichzeitig weniger Nachfrage.“ Das Ergebnis: Die Zinsen fallen. Ein Phänomen, das man seit Jahrzehnten beobachten kann, und das durch Finanz- sowie Staatskrisen der letzten 15 Jahre beschleunigt wurden. Entsprechend sei diese Entwicklung nicht neu und die Corona-Krise sei auch nicht Auslöser. „Die Erwartung niedriger Zinsen auf viele Jahre gab es schon vorher.“ Und eine zunehmend politisierte EZB tue sich schwer, die Zinsen anzuheben, sagte Gros.  
Das sah Finanzminister Füracker ähnlich. Es habe immer wieder Appelle an die EZB gegeben, die Zinsen wieder zu erhöhen. Mit Corona sei die Hoffnung darauf „völlig verschwunden“. Aus Fürackers Sicht sind nicht allein die dauerhaft niedrigen Zinsen problematisch. „Man könnte jetzt auch über Anleihekäufe durch die EZB diskutieren“, meinte Füracker. Die Entwicklung bereite ihm Sorge, aber nach Stand der Dinge „müssen wir damit noch lange leben“.

E-Euro braucht „klare Spielregeln“

Unter Druck gerate das Bargeld auch durch Planungen für einen digitalen Euro, warf Hagelüken ein. Hier komme es sehr darauf an „wie die Spielregeln ausgestaltet sind“, betonte Gros. Vieles sei da noch unklar. Ein E-Euro könnte durchaus zum Problem werden. Denn ein wesentlicher Garant für den Erfolg der Wirtschaft in Deutschland sei der Mittelstand. Dieser werde im Wesentlichen von Regionalbanken wie Sparkassen und Genossenschaftsbanken finanziert. Dieses Kapital zur Kreditvergabe komme aus den Einlagen der Kunden. „Wenn Sparer ihr Geld aber unbegrenzt direkt bei der Zentralbank halten, fehlt das den Banken zur Kreditvergabe“, gab Gros zu bedenken. Fazit: Ein digitaler Euro werde im Extremfall zu einer erheblichen Begrenzung der Geldmenge führen mit schweren Folgen für Kreditvergabe und Wirtschaft, denn Banken sorgten dafür, dass aus einem Euro Zentralbankgeld zehn Euro Buchgeld werden. „Diese Frage betrifft alle Banken und ist essenziell für die gesamte Wirtschaft.“
Auch aus Sicht von Füracker sind beim E-Euro noch viele Fragen offen. Das fange schon dabei an, wie so eine digitale Geldbörse funktioniert. Offen sei zudem, ob eine digitale Geldbörse ähnlich wie ein Konto auch ins Negative gehen könne. Eigentlich sei die Debatte um den digitalen Euro eine Reaktion, „weil die EZB nicht zuschauen kann, wenn amerikanische Plattformen plötzlich private Währungen auf den Markt schmeißen, zu denen dann Bürgerinnen und Bürger Vertrauen gewinnen“. Die Frage für ihn sei, warum es Menschen gebe, die zu einer Facebook-Währung mehr Vertrauen hätten als zum realen Euro.

Mit der Hausbank zum Vermögensaufbau

Niedrigzinsen hin - E-Euro her: Mit Immobilien und Aktien gebe es auch heute noch die Möglichkeit, Geld mit Gewinn anzulegen und somit Vermögen aufzubauen, sagte Gros. Fünf Prozent des Bargeldvolumens der Deutschen sei bereits in Aktien angelegt, zwölf Prozent in Investmentfonds. Junge Menschen mit langem Anlagehorizont sollten die Zeit für ihren Vermögensaufbau nutzen. Er könne nur empfehlen, dazu mit der eigenen Hausbank Kontakt aufzunehmen, sagte Gros. Denn darauf zu setzen, dass sich das Geld auf dem Sparkonto vermehrt, sei vergebens und gehöre zu den großen Legenden dieses Landes.
Füracker meinte, man müsse Anlegern klar machen: „Wer in Aktien investiert, muss einen langen Atem haben“. Der Finanzminister ergänzte, er könne jedem jungen Menschen nur empfehlen, einen Plan zu entwerfen, „mit dem er sicher zu Wohneigentum kommt“.
Dieses Bewusstsein sei eine Frage des „Mindsets“, sagte Gros. In den Schulen müsse das Thema Aktien und Vermögensbildung stärker verankert werden und auch in den Medien gebe es noch Nachholbedarf. Ziel müsse es sein, „den Blick auf Aktien und Unternehmen zu verbessern“.
Darüber hinaus sei es nötig, in Europa darauf hinzuarbeiten „Wettbewerbs- und Wirtschaftsstrukturen zu bekommen, die es der EZB ermöglichen, von ihrem Kurs der niedrigen Zinsen wieder abzuweichen“. Und die EZB dürfe ihr Mandat nicht überdehnen.

Bargeldversorgung ist und bleibt gesichert

Einig waren sich Gros und Füracker darin, dass Bargeld und damit die Wahlfreiheit der Menschen erhalten bleiben müsse. Am Ende komme es aber auf das Nutzerverhalten an, betonte Gros. An der Versorgung mit Bargeld werde nichts scheitern. Laut einer Bundesbankstudie seien 90 Prozent der Deutschen mit der Bargeldversorgung zufrieden. „Die Volksbanken und Raiffeisenbanken haben in Bayern mehr als 3.000 Geldautomaten in der Fläche.“ So manches, was derzeit unter dem Stichwort „Ende des Bargelds“ diskutiert werde, sei „Scheindebatten“.