Datev-Chef Robert Mayr über Digitalisierung

„Letzten Endes wird die gesamte Gesellschaft profitieren“

08.07.2016

Die Datev eG ist ein Vorreiter in Sachen Digitalisierung. Im Interview spricht der neue Vorstandsvorsitzende Robert Mayr über maschinelle Autonomie, Cloud-Computing und die erste elektronische Steuererklärung.

„Die Digitalisierung wird enorme Auswirkungen auf die Geschäftsmodelle der Unternehmen haben", so Datev-Chef Robert Mayr.

Herr Mayr, Experten und Medien sprechen gerne von der „digitalen Revolution“, die unsere Wirtschaft und Gesellschaft ähnlich stark verändern wird wie die industrielle Revolution vor rund 200 Jahren. Ist diese Wortwahl angemessen?

Robert Mayr: Der Begriff „Revolution“ passt auf jeden Fall zu den tiefgreifenden Auswirkungen des Digitalisierungsprozesses auf das Wirtschaftsleben. Technologien wie „Cloud-Computing“, „Big Data“, „Cognitive Computing“ oder „Intelligente Netze“ verändern die Art und die Geschwindigkeit, mit der Daten generiert und ausgetauscht werden, immens. Auch die Endgeräte werden immer vielfältiger, kompakter und leistungsfähiger. Auf dieser Basis werden unter anderem Geräte und Maschinen derart verbunden, dass eine Reihe von Prozessen inzwischen automatisiert ablaufen können. Das ist eine völlig neue Qualität maschineller Autonomie.

Wie sehr wird die Digitalisierung die Wirtschaft verändern?


Mayr: Die Digitalisierung wird enorme Auswirkungen auf die Geschäftsmodelle der Unternehmen haben. Im Geschäftsleben wird bereits heute fast jeder Vorgang digital dokumentiert. Das führt zu einem gigantischen Pool an elektronischen Daten. Diese lassen sich über Big-Data-Verfahren nach bestimmten Kriterien gezielt analysieren. Werden die so gewonnenen Informationen intelligent verknüpft, führt dies zu neuen Erkenntnissen. Damit lassen sich der Ressourceneinsatz optimieren oder sogar ganz neue Geschäftsmodelle erschließen.

Die Datev wurde 1966 mit dem Ziel gegründet, die Arbeit ihrer Mitglieder  durch eine zentrale Elektronische Datenverarbeitung (EDV) zu erleichtern. Ist die  Genossenschaft ein Pionier der Digitalisierung?

Mayr: Für den steuerberatenden Berufsstand, den die Datev seit ihrer Gründung mit immer neuen digitalen Lösungen begleitet, gilt das in jedem Fall. Im Prinzip ist die Gründung der Datev ein früher Schritt auf dem Weg der Digitalisierung: Die Steuerberater riefen 1966 die Genossenschaft ins Leben, um die seinerzeit noch sehr teure EDV für ihre Arbeit nutzbar zu machen. Der Genossenschaft war es stets ein Anliegen, den Mitgliedern und Kunden die Chancen des digitalen Fortschritts frühzeitig zu erschließen. Dazu ein Beispiel aus dem Bereich Steuerdeklaration: Sobald es im Jahr 1995 rechtlich möglich wurde, begann die Datev damit, Daten der  Steuererklärung auf Basis eines selbst entwickelten Verfahrens elektronisch an die Finanzbehörden zu übermitteln. Das war übrigens in den Anfängen erst einmal ein rein bayerisches Modell. Im Oktober 2002 war es ein Datev-Mitglied, das als erstes eine digitale Steuererklärung mit elektronischer Unterschrift nach dem Elster II-Verfahren versandt hat – ebenfalls über die Infrastruktur der Genossenschaft.

Welche digitalen Technologien, Dienstleistungen und Produkte sind für die Datev besonders zukunftsträchtig?

Mayr: Eine Kerntechnologie ist für uns auf jeden Fall das Cloud-Computing. Deshalb widmen wir bei der Entwicklung gerade den Cloud-Diensten und -Anwendungen großes Augenmerk. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Integration geschäftlicher IT-Systeme, denn durch die Digitalisierung rücken die Prozessketten immer weiter zusammen. Das reicht auch über Unternehmensgrenzen hinweg. Hier geht es darum, vorhandene Daten, die für bestimmte Prozessschritte benötigt werden, problemlos verarbeiten zu können. Das gilt auch für Datensätze, die in Systemen anderer  Anbieter erzeugt werden. Wir wollen den Arbeitsfluss zwischen unseren Mitgliedern und ihren Mandanten auf breiter Basis optimieren, auch wenn die Unternehmen selbst keine Datev-Software einsetzen. Mit einer neuen Schnittstelle haben wir  deshalb begonnen, unser System bewusst für den Datenaustausch mit anderen Cloud-Lösungen zu öffnen.

Wenn Sie die Vor- und Nachteile der Digitalisierung abwägen: Was bringt  uns eine digital vernetzte Welt, welche Gefahren sehen Sie für Wirtschaft und  Gesellschaft, und was überwiegt?

Mayr: Digitale Prozessketten können nur funktionieren, wenn Daten umfassend gespeichert, vernetzt und auch ausgewertet werden. Dabei besteht natürlich auch die Gefahr des Missbrauchs. Das dahinter lauernde Schreckgespenst des „gläsernen Bürgers“ wird oft genug heraufbeschworen. Deshalb ist die Digitalisierung nicht nur ein technisches, sondern auch ein gesellschaftspolitisches Thema. Die Risiken sollten sich aber über Techniken zur wirkungsvollen Zugriffskontrolle, Verschlüsselung, Anonymisierung und Pseudonymisierung in den Griff bekommen lassen. Wenn das gelingt, verhindert nichts mehr, dass wir die Potenziale der Digitalisierung voll ausschöpfen. Von dem dadurch zu erwartenden Produktivitätsgewinn wird letzten Endes die gesamte Gesellschaft profitieren.

Das vollständige Interview ist in der Juli-Ausgabe von „Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt“erschienen.