„Die Maßnahmen laufen sich zuwider“

28.04.2015

Kredite verteuern, Anleiheemissionen erleichtern: GVB-Präsident Stephan Götzl weist im Interview auf widersprüchliche Regulierungsansätze bei der Unternehmensfinanzierung hin. Die Wachstumsziele der von der EU-Kommission geplanten Kapitalmarktunion würden nur erreicht, wenn die Regeln für die Kreditvergabe mittelstandsfreundlich ausgestaltet werden.

Stephan Götzl
Weist auf widersprüchliche Regulierungsansätze hin: GVB-Präsident Stephan Götzl. 


Herr Götzl, Sie haben zuletzt immer wieder vor negativen Konsequenzen auf die Realwirtschaft durch überzogene Regulierungsmaßnahmen gewarnt. Droht ein Engpass bei der Kreditvergabe?

Stephan Götzl: Ein zentraler Erfolgsfaktor der bayerischen Wirtschaft ist die Versorgung mit Finanzmitteln. Sie funktioniert dank des Drei-Säulen-Modells der hiesigen Kreditwirtschaft reibungslos. Geplante Maßnahmen wie die pauschale Hinterlegung von Zinsänderungsrisiken mit Eigenkapital oder die Diskussion über die Zukunft des KMU-Korrekturfaktors drohen die Kreditfinanzierung von Unternehmen jedoch massiv zu behindern. Sie würden Kredite verknappen und verteuern und damit das Finanzierungsangebot einschränken.

Die Unternehmen könnten verstärkt an den Kapitalmarkt gehen, wie das die EU-Kommission ohnehin gerne hätte …

Götzl:
Das wird nicht funktionieren. Verliert die Bankfinanzierung an Attraktivität, können Großunternehmen womöglich auf Kapitalmarktinstrumente ausweichen. Für den Mittelstand – also die große Mehrzahl der bayerischen und deutschen Unternehmen – ist dagegen der Bankkredit ohne Alternative. Eine politisch oder regulatorisch herbeigeführte Einschränkung der Bankfinanzierung würde die mittelständischen Betriebe letztlich von der Versorgung mit Finanzmitteln abschneiden. Das Ziel der EU-Kommission, der Realwirtschaft neue Wachstumsimpulse zu geben, würde so ganz sicher verfehlt.

Warum sind Sie skeptisch?

Götzl: Für die mittelständische Wirtschaft in Bayern und Deutschland führt der eingeschlagene Weg in eine Sackgasse. Denn der Finanzierungsbedarf von KMU ist meist überschaubar und eine Kapitalmarktfinanzierung deshalb zu bürokratisch und zu teuer. Aus diesem Grund basiert die externe Finanzierung mittelständischer Betriebe auf Krediten der jeweiligen Hausbank. Umso dramatischer wären die Folgen einer regulatorisch bedingten Verknappung und Verteuerung von Bankkrediten für diese Unternehmen. Deshalb muss in die europäische Diskussion über die Ausgestaltung der Kapitalmarktunion auch der bankregulatorische Rahmen einbezogen werden. Maßnahmen, die der Unternehmensfinanzierung zuwiderlaufen, müssen kritisch hinterfragt werden.

Ist es nicht widersprüchlich, dass einerseits der Baseler Ausschuss die Kreditfinanzierung erschweren will, während die EU-Kommission die Kapitalmarktfinanzierung erleichtern möchte?

Götzl: Das ist der springende Punkt. Stellt man die Ansätze der EU-Kommission zur Kapitalmarktunion den Plänen der internationalen und europäischen Bankregulatoren gegenüber, wird deutlich: Die Maßnahmen laufen sich zuwider. Denn einerseits müht sich die EU-Kommission um eine Verbesserung der Möglichkeiten der Unternehmensfinanzierung – sie setzt dabei auf Kapitalmarktinstrumente. Andererseits sollen die regulatorischen Anforderungen an den in der Unternehmensfinanzierung bewährten Bankkredit weiter verschärft werden. Hier wird das politische Ziel besserer Finanzierungsbedingungen für die Unternehmen in Europa konterkariert.

Wie kann das verhindert werden?

Götzl: Erstens sind die Pläne zur Schaffung einer Kapitalmarktunion kritisch daraufhin zu hinterfragen, ob sie tatsächlich der Finanzierung des Mittelstands dienen. Vor allem aber müssen zweitens die Regeln für die Kreditvergabe von Banken mittelstandsfreundlich ausgestaltet werden. Im Interesse der mittelständischen Wirtschaft muss der drohende Systemwechsel von der Bank zur Kapitalmarktfinanzierung in jedem Fall verhindert werden.