Die Vielfalt bayerischer Energiegenossenschaften

20.07.2016

In Bayern gibt es rund 260 Energiegenossenschaften - so viel wie in keinem anderen Bundesland. Ihre Geschäftsmodelle sind vielfältig und reichen vom Betrieb von Stromnetzen über die Wärmeversorgung bis hin zur E-­Mobilität.


Ein Umspannwerk der Unterfränkischen Überlandzentrale eG in Lülsfeld. Die Genossenschaft betreibt neben ihren Anlagen zur Erzeugung regenerativer Energie sowie zur Wärmeversorgung auch ein Mittel- und Niederspannungsnetz.


Übertragungsnetze betreiben


Ein Geschäftsfeld mit langer genossen­schaftlicher Tradition ist die Stromver­sorgung, also der Betrieb von Übertra­gungsnetzen. Auf diesem Feld sind vor allem die 35 historisch gewachsenen Elektrizitätsgenossenschaften in Bayern tätig. Viele von ihnen haben ihren Ursprung in den Anfängen der Elektrifizierung, als weite Teile der ländlichen Bevölkerung noch keine Stromversorgung hatten und engagierte Bürger den Zugang zu Elektrizität selbst hergestellt haben.

Zu diesen Genossenschaften zählt zum Beispiel die 1910 gegründete Unter­fränkische Überlandzentrale eG in Lülsfeld. Sie betreibt neben ihren Anlagen zur Erzeugung regenerativer Energie sowie zur Wärmeversorgung auch ein Mittel- ­und Niederspannungsnetz von 5.400 Kilometern Länge. Damit versorgt die Genossenschaft rund 125.000 Men­schen. Wesentliche Anforderung an die Netzbetreiber ist es, eine stabile Stromversorgung zu gewährleisten. Die Über­landzentrale kommt auf eine jährliche Ausfallzeit von 3,1 Minuten pro Kunde. „Für einen Flächenversorger ist das ein absoluter Spitzenwert“, sagt der geschäftsführende Vorstand Gerd Bock.

Allerdings bringt der weiter steigende Anteil regenerativer Energie an der Stromversorgung auch für die genossenschaftlichen Versorger im Freistaat He­rausforderungen mit sich. Weht beispielsweise starker Wind oder Wolken schieben sich vor die Sonne, steigt oder fällt die erzeugte Energiemenge. Solche Spitzen belasten die Stromnetze, worauf auch die genossenschaftlichen Netzbetreiber vorbereitet sein müssen.

Um den Strom ohne größere Verluste nutzen zu können, sind intelligente Netze notwendig. Die Überlandzentrale investiert deshalb seit einigen Jahren in ein Glasfasernetz, das Stromverbraucher und Erzeugungsanlagen miteinander verbindet. So werden Verbrauchsgeräte wie Ladesäulen für E­-Autos und Strom­speicher gesteuert, wenn Strom im Über­fluss vorhanden ist. Doch solche Investi­tionen kosten viel Geld: Die Überlandzentrale allein hat in den vergangenen fünf Jahren 45 Millionen Euro in den Netzausbau gesteckt.


Photovoltaikanlage der VR EnergieGenossenschaft Oberbayern Südost eG in Tittmonig: Die Genossenschaft ist neben der Solarenergie auch im Bereich Energieeffizienz aktiv.


Strom erzeugen und vermarkten


Während die genossenschaftlichen Netz­betreiber auf eine lange Geschichte zu­rückblicken, sind die Stromerzeugergenossenschaften oft noch jung. Neben 112 Sonnenenergiegenossenschaften gibt es 19 Biogas­- und fünf Windenergiege­nossenschaften in Bayern. Eine davon ist die 2012 gegründete Friedrich­-Wilhelm Raiffeisen Energie eG Creußen mit 520 Mitgliedern. Derzeit betreibt die oberfränkische Genossenschaft drei Windkraftanlagen, für eine vierte wird in Kürze der Kaufvertrag unterzeichnet. Aktuell verhandeln die Creußener über den Kauf zweier weiterer Anlagen. Die gesunkene Einspeisevergütung und die anstehende Novelle des EEG sorgen jedoch für Unsicherheit. „Bevor das Risiko zu groß ist, machen wir besser kein Geschäft“, sagt Projektmanager Harald Mild.

Ins Stocken geraten ist der Ausbau erneuerbarer Energien auch bei der VR EnergieGenossenschaft Oberbayern Südost. Sie betreibt 48 Photovoltaikanla­gen im Landkreis Berchtesgadener Land und Traunstein. Aufgrund der gesunkenen EEG-­Vergütung kann die Genossenschaft mit 509 Mitgliedern kaum mehr Flächen finden, die sie zu einem ökonomisch tragbaren Preis pachten könnte. „Tarifhöhe und Pachthöhe passen nicht mehr zusammen“, sagt Geschäftsführer Norbert Zollhauser.

Hintergrund der gekürzten Einspeisevergütung ist das politische Ziel, den Ausbau der erneuerbaren Energien marktwirtschaftlicher zu gestalten. Eine Antwort darauf ist für die Energiegenossenschaften, die Vermarktung des Stroms selbst in die Hand zu nehmen. Dieser Weg ermöglicht bei Bestandsan­lagen nach Ablauf der garantierten EEG­-Vergütung den Weiterbetrieb.

Das haben einige Energiegenossenschaften erkannt: Die FWR­-Energie Creußen ist Harald Mild zufolge bereits im Gespräch mit Partnern und will die Direktvermarktung mittelfristig ange­hen. Die VR EnergieGenossenschaft Oberbayern Südost ist sogar weiter: Der Strom der vier größten Anlagen mit einer Spitzenleistung von insgesamt 5,8 Megawatt wird bereits direkt ver­marktet. Die Genossenschaft hat zudem in einem Pilotprojekt auf dem Dach der Grund­und Mittelschule Trostberg eine Photovoltaikanlage mit 55 Kilowatt Spit­enleistung installiert, deren Strom direkt an die Schule geliefert wird. „Langfristig wollen wir so unseren eigenen Strom vermarkten“, sagt Norbert Zollhauser.

Für das Gelingen der Energiewende ist die Akzeptanz von Seiten der Bürger entscheidend. Davon ist Projektmanager Mild von der FWR­-Energie Creußen überzeugt. Die Bürger erreiche man am besten durch aktive Beteiligung und Teilhabe. Bei der geplanten Ausschrei­bungspflicht neuer Anlagen im Rahmen der EEG­-Reform sei daher eine Baga­tellgrenze von einem Megawatt pro An­lage erforderlich. Diese Regel sieht vor, dass Anlagen bis zu einer gewissen Größenordnung auch nach der Novelle eine fixe Vergütung erhalten sollen. Sie würde kleinen Betreibern helfen, am Markt zu bestehen und die Akteursviel­falt zu erhalten. Neben der Bagatellgrenze hofft Mild darauf, dass bereits gemachte Vergütungsregeln eingehalten und nicht nachträglich verändert wer­den. Vor allem aber fordert er einen faireren Wettbewerb: „Die EEG-­Umlage findet man auf der Stromrechnung, Kohle­ und Atomstromsubventionen aber nicht.“


Die Biomasse-Anlage der Nahwärme Gössenheim eG in Unterfranken. Die Genossenschaft betreibt eine Hackschnitzelheizung sowie eine Holzvergaseranlage und versorgt so 210 Mitglieder mit Wärme. 


Versorgung mit Nahwärme


Bayerische Energiegenossenschaften er­zeugen nicht nur Strom, sondern auch Wärme, die sie über eigene Leitungen verteilen. Insgesamt gibt es in Bayern 71 Nahwärme­-Versorgungsgenossenschaften, zum Beispiel die Nahwärme Gössenheim eG in Unterfranken. Sie betreibt eine Hackschnitzelheizung sowie eine Holzvergaseranlage und versorgt über ein acht Kilometer langes Nahwärmenetz 210 Mitglieder, darunter auch die Kommune, die Kirchengemeinde und viele Unternehmer vor Ort. Damit spart Gössenheim jedes Jahr eine halbe Mil­lion Liter Heizöl, sagt Vorstand Karsten Heeschen.

Möglich war die Umsetzung der ambitionierten Pläne nach Angaben von Heeschen nur durch die breite Akzeptanz und Beteiligung der Bürger, von denen 90 Prozent Mitglied der Genossenschaft sind. Vor diesem stabilen Hintergrund zeigt sich Heeschen gelassen, dass Unter­nehmen wie die Nahwärme Gössenheim nach Ende der Förderung der Übergang in marktwirtschaftliche Strukturen gelingt: „Wenn wir uns refinanziert haben, gelingt der Übergang sicher. Im Moment wäre es aber sehr schwer.“ Wie auch die Stromversorger erwartet er deshalb, dass einmal gemachte Förderzusagen im Zuge der EEG-Novelle unangetastet bleiben.

Beratung und Mobilität


Viele Energiegenossenschaften sind ne­ben Netzbetrieb, Strom­- oder Wärmeer­zeugung in weiteren Geschäftsfeldern tä­tig, zum Beispiel in der Beratung und Umsetzung von Energieeffizienzmaß­nahmen. Die VR EnergieGenossenschaft Oberbayern Südost hat beispielsweise in einem Hotel den Austausch aller Leuchtmittel umgesetzt. Die jährlichen Stromkosten des Hauses wurden so von 68.000 auf 15.000 Euro jährlich gesenkt. In ei­nem anderen Projekt wurden in den sechs stromintensivsten Geschäftsstellen der Volksbank Raiffeisenbank Oberbay­ern Südost die Spannungswächter instal­liert. Der jährliche Energieverbrauch sank so insgesamt um rund 33.000 Kilowattstunden. Das entspricht dem Jahres­verbrauch von rund sieben Vier­-Personen­-Haushalten.

Maßnahmen zur Energieffizienz bietet auch die Unterfränkische Überlandzentrale an. Sie engagiert sich zudem in der regionalen Direktvermarktung ihres Ökostroms und im Bereich E-­Mobilität. Seit 2015 baut die Genossenschaft ein Schnell­- und Standardladenetz für Elektroautos auf. Privatkunden bietet sie zudem einen besonders günstigen Stromtarif für das Laden zu Hause an. Das Auto wird bei diesem Tarif nur dann geladen, wenn das intelligente Netz einen Überschuss an Ökostrom meldet. So gleicht die Genossenschaft Schwankungen bei der Erzeugung regenerativer Energien aus. „Wir halten die Mobilitätswende hin zur Elektromobilität für ein wichtiges Geschäftsfeld“, sagt Bock.


Der Artikel ist in der Juli-Ausgabe von „Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt“ erschienen.