Ein Jahr nach Ende der Milchquote

Weltmarkt im Ungleichgewicht

06.04.2016

Ein Jahr nach Quotenende: Milchbauern und Molkereigenossenschaften müssen weiterhin mit niedrigen Preisen rechnen. EIn Überlick über die aktuelle Situation.



Milchdurst: Eine Belebung der Nachfrage nach Milch und Milchprodukten ist weltweit derzeit kaum auszumachen.


Weniger Staat, mehr Markt: Auf diese einfache Formel lässt sich der Rückzug des Staats aus der Milchmengensteuerung ein Jahr nach Auslaufen der europäischen Milchquote reduzieren. Mit deren Wegfall haben die Landwirte unternehmerische Freiheit  zurückgewonnen. Dabei hat sich gezeigt, dass die Landwirte mit dieser Freiheit unterschiedlich umgehen. Zu kräftigen Produktionssteigerungen kam es unter anderem in den Niederlanden, Dänemark, Irland oder Polen. Die deutschen Erzeuger setzten den Markt vergangenes Jahr nicht unter Druck. Im Vergleich zu 2014 ergab sich eine Steigerung der Anlieferung der Molkereien um lediglich 0,3 Prozent. Dieses auf den ersten Blick verhaltene Plus der Milchproduktion ist jedoch insbesondere darauf zurückzuführen, dass noch in den ersten Monaten des Jahres 2015 die Milchquote gegriffen hatte und daher die Landwirte ihre Produktion drosseln mussten, um nicht empfindliche Strafen bei Überlieferung zahlen zu müssen. Diese Zurückhaltung fiel zum Jahresende hin weg.

Weltweite Marktschwäche


In den ersten Wochen des Jahres 2016 lag die Milchanlieferung durchweg über den Vorjahren. Auch in Bayern berichten Molkereien von Zuwachsraten bei einzelnen Milcherzeugern von über 50 Prozent zum Vorjahr. Aufgrund dieser individuellen Mengensteigerung insbesondere von wachstumswilligen Landwirten verwundert es nicht, dass Molkereien dazu übergegangen sind, ihre Milcherzeuger aufzufordern, das Wachstum zu bremsen. Hierbei spielen nicht nur die relativ schlechten Verwertungsmöglichkeiten für  zusätzliche Milchmengen eine Rolle, sondern auch Engpässe bei der Verarbeitung. Die globale Marktschwäche ist jedoch nicht allein auf das Auslaufen der Milchquote zurückzuführen.  Vielmehr verdichten sich verschiedene Entwicklungen auf der Angebots- und Nachfrageseite zu einem globalen  Marktungleichgewicht zu Ungunsten der Milcherzeuger und Milchverarbeiter. Nach wie vor belasten die reduzierte Nachfrage nach Vollmilch- und Magermilchpulver aus China sowie die Handelsrestriktionen zwischen der EU und der russischen Förderration die Märkte. Zudem leiden wichtige Importländer wie Mexiko und Nigeria unter dem massiven Preisverfall für Rohöl. Von einer steigenden Nachfrage Chinas nach Molkenpulver und Laktose – insbesondere für Babynahrung – und der erwarteten Marktöffnung Irans sind keine entscheidenden Impulse für eine nachhaltige Marktbelebung zu erwarten. Generell ist eine  Belebung der Nachfrage weltweit kaum auszumachen. 2015 stockte der seit Jahren expansive Welthandel mit Milchprodukten  erstmals und verharrte insgesamt auf dem Niveau des Vorjahres.

Starke Preisrückgänge

Der Milchmarkt stellt sich auch global  als Käufermarkt dar. Diese Marktkonstellation ist vor allem für stark exportorientierte Molkereien und Regionen eine große Herausforderung. War der Anstieg des Milchpreises seit 2012 auf zeitweise über 40 Cent pro Kilogramm (ct/kg) weltmarktgetrieben, so ist es der derzeitige Preisrückgang ebenso. Länder wie Neuseeland mit einem Exportanteil von über 95 Prozent verzeichnen dabei die schnellsten und stärksten  Preisrückgänge. Auch in der EU, mit einem Exportanteil von 12 Prozent der heimischen Milchproduktion zweitwichtigster Akteur  am internationalen Markt, sind die stark rückläufigen Preise Ergebnis des globalen Marktgeschehens. Lag der vorläufige Durchschnittspreis für konventionelle Kuhmilch in Bayern 2015 noch bei 31,2 ct/kg (4,0 Prozent Fett; 3,4 Prozent Eiweiß, ohne Nachzahlungen) wird aktuell ein Milchpreis von unter 30 ct/kg ausbezahlt. Im Jahresverlauf ist mit einem weiteren deutlichen Rückgang des Auszahlungspreises auch in Bayern zu rechnen. Das zeigt schon die Analyse der Verwertungsmöglichkeiten der Molkereien: der massive Rückgang der Verkaufserlöse für die wesentlichen Eckprodukte Magermilchpulver, Butter und Käse auf ein Niveau zum Teil unter der Interventionslinie von  rechnerisch zirka 21,0 ct/kg verdeutlichen eindringlich die derzeitige Marktlage.

Zusätzliche Produktionsmengen


Bislang ist jedoch eine Reaktion der Erzeuger auf die gesunkenen Markterlöse noch nicht erkennbar. Im Gegenteil führt die prekäre Marktlage sogar zu einer inversen Angebotsreaktion einzelner Milchbauern: Um die rückläufigen Erlöse auszugleichen, steigern oftmals die Landwirte bis zu einer gewissen Preisschwelle noch zusätzlich die Produktionsmengen. Die derzeitige Lage wie auch die Aussichten für die kommenden Monate sind sowohl für die Molkereien als auch für die Milcherzeuger besorgniserregend. Trotz intensiver Anstrengung kann es auch den Genossenschaftsmolkereien nicht gelingen, sich vollständig von dieser Marktentwicklung abzukoppeln. Die derzeit von der Politik diskutierten Sofortmaßnahmen zur Verbesserung der Marktverhältnisse zugunsten der Milcherzeuger erscheinen derzeit nicht ausreichend und zielgerichtet, um eine Trendumkehr am Markt auszulösen zu können. Auch auf Molkereiebene diskutierte Maßnahmen zur Steuerung der eigenen Milchanlieferung und -verwertung können nur Ansätze darstellen, unternehmensindividuell Verwertungen zu optimieren. Insgesamt bleibt die nüchterne Erkenntnis, dass ein Wiederherstellen des Marktgleichgewichts nur aus dem Markt heraus erfolgen kann.