Fairkauf Handelskontor eG

Die Welt zu Gast in München

05.06.2015

Die Fairkauf Handelskontor eG bietet fair gehandelte Produkte aus Entwicklungs- und Schwellenländern an.

Fairkauf Handelskontor eG
Die Vorstände der Fairkauf Handelskontor eG (von links): Peter Eicher, Michael Drechsler und Moritz Meisel. In der Hand halten sie Bambusschalen, die in Vietnam produziert wurden.


Wer fair gehandelte Produkte liebt, der fühlt sich im Untergeschoss eines Bürogebäudes im Münchner Stadtteil Giesing wie ein Pirat in einer Schatzkammer. In den Regalen liegt Schokolade mit Kakao aus der Dominikanischen Republik, die Verpackungen zieren Abbildungen von Haselnüssen und Zuckerrohr. Daneben steht indischer Tee in farbigen Behältern. Gegenüber sind Bambusschalen aus Vietnam in den verschiedensten Leuchtfarben aufgereiht. Darunter lagern Seidenschals aus Nepal, die in allen Tönen des Regenbogens erstrahlen.

Der Lagerraum gehört der Fairkauf Handelskontor eG, die dort ihren zentralen Sitz hat. Die Lebensmittel und handwerklich erstellten Waren sind allesamt fair gehandelt. Sie entstammen den „Ländern des globalen Südens“, also Entwicklungs­ und Schwellenländern.

Fairkauf Handelskontor als Großhändler

Lange bleiben die meisten Produkte nicht in den Regalen liegen. Dafür sorgen die Besitzer von Weltläden und Fair­-Trade-­Gruppen. „Wir agieren als Großhändler für fair gehandelte Produkte im Großraum München“, erklärt Gründungs-­ und Vorstandsmitglied Peter Eicher. Daneben besitzt die Genossenschaft noch ein zweites Standbein, einen Weltladen in München-­Haidhausen. Dieser befindet sich nach drei Umzügen mittlerweile an der Weißenburger Straße. „Damit liegt er auf einer der zentralen Verkaufsstraßen der bayerischen Landeshauptstadt“, sagt Eicher.

„Fairer Handel“ – bei dieser Form des Warenaustauschs erhalten die Erzeuger üblicherweise einen Mindestpreis, der ein Einkommen garantiert und über dem Preis für die konventionelle Herstellung liegen soll. Gleichzeitig versuchen Erzeuger und Händler eine dauerhafte Geschäftsbeziehung aufzubauen. Hauptsächlich umfasst das Sortiment landwirtschaftliche Produkte wie Kaffee, Bananen und Schokolade.
 
1985 agierte Eicher als Mitgründer des oben genannten Weltladens, der heute zur Genossenschaft gehört. Die Entscheidung in der damaligen Zeit war riskant, denn eigentlich ging Eicher selbst ungern in Weltläden. Sie wirkten nicht einladend, sondern „antiquiert und missionarisch“, wie er selbst sagt.
 
Der Weltladen in Haidhausen sollte anders werden – offen und begehbar für alle Menschen. Das Konzept setzte sich durch, der Handel verlief zufriedenstellend. Zunächst betrieb ein Verein den Laden. Doch um die wachsenden Geschäftsaktivitäten zu koordinieren, gründeten Eicher und andere Mitglieder 1988 eine Trägergenossenschaft, die Alternative Handelskontor eG. 1997 änderte die Genossenschaft ihren Namen in die aktuelle Form um.

„Wir haben uns bewusst für dieses Wirtschaftsmodell entschieden, um jedes Mitglied gleich zu beteiligen“, erzählt Eicher. Heute halten vor allem Mitarbeiter Anteile an der Genossenschaft. „So stellen wir sicher, dass immer die Interessen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Vordergrund stehen.“

Der Faire Handel als Berufung

Die Gründung des Weltladens in den 1980er-­Jahren ging vornehmlich aus dem Einsatz für die Anti-Atomkraft­-Proteste hervor. Eicher kam über die Friedensbe­wegung mit alternativen Handelsformen in Berührung. „Ich wollte etwas verändern und dadurch wurde der Faire Handel zu meiner Berufung.“ Wie schafft man es, aus diesem Antrieb eine erfolgreiche Genossenschaft zu gründen? „Die Marktchancen waren gewaltig“, erzählt Eicher, der eigentlich gelernter Klima- ­und Heizungsingenieur ist. „Vielen Menschen öffnete die Anti-­Atom-­Bewegung die Augen.“

Durch den derzeitigen Trend zu Fair-Trade-Produkten hat sich auch die Zusammensetzung der Käuferschaft geändert. „Die Zielgruppe ist viel breiter geworden. Gerade junge Leute sind sehr informiert über öko­soziale Themen und kaufen gerne hier ein“, erklärt Eicher. Diese Entwicklung ist indes ein zweischneidiges Schwert. „Wir müs­sen aufpassen, dass wir unsere Ziele nicht aus den Augen verlieren. Die Stan­dards werden flacher, die Qualität schlechter“, sagt er. Die hohe Nachfrage hat also auch Schattenseiten. „Nur auf Masse setzen wird dem Fairen Handel nicht gerecht“, betont Eicher.

Papier aus Indien, Kaffee für Peru

Obwohl der Großhandel mit den fair ge­andelten Produkten funktioniert, hat sich die Genossenschaft Handelsbeziehungen jenseits der üblichen Wege aufgebaut. Eine erfolgreiche Partnerschaft führt nach Südasien. 1991 flog Eicher nach Indien, wo er neue Produktideen suchte. Die Reise führte ihn auch in den nördlichen Bundesstaat Rajasthan, wo er auf die handwerkliche Papierproduktion aufmerksam wurde. Die Idee für ein neues Produkt war geboren: „Zusammen mit einigen indischen Partnern habe ich mich dazu entschlossen, fair gehandelte Papierprodukte anzubieten“, sagt Eicher.

Unter dem Begriff der „Ethic Art“ vertreibt die Fairkauf Handelskontor eG nun zahlreiche Schreibwarenprodukte wie Briefpapier oder Fotoalben. Besonders beliebt ist die Serie „Hindi Zeitung“. Bei dieser besteht das erste Blatt jeweils aus originalen indischen Zeitungen.

Das Produkt mit der konsequentesten Umsetzung des Fair-­Trade­-Gedankens bildet aber sicherlich der „München Kaffee“. „Wir haben vor mehr als zehn Jahren das Projekt initiiert“, erzählt Eicher. Mittlerweile gibt es das Produkt nicht mehr nur im Weltladen, sondern auch bei Biomärkten und einer Öko-­Bäckerei­-Kette zu kaufen. Neben den besseren Bedingungen für die Produzenten unter­stützen Käufer mit jeder Packung das Volk der Asháninka, welches im Regenwald von Peru lebt. „Von dem Geld konnten sie sich einen Teil ihres ursprünglichen Landes am Amazonas kaufen“, sagt Eicher. Es passt perfekt zur Ausrichtung der Genossenschaft, dass sie ein fair gehandeltes Produkt aus Zen­tral­- und Südamerika in München verkauft und mit einem Teil des Erlöses ein indigenes Volk unterstützen kann.


Der vollständige Artikel ist in der Mai-Ausgabe von „Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt“ erschienen.


Impressionen vom Fairkauf Handelskontor eG