Fintechs

Konsolidierungswelle absehbar

15.05.2015

Die sogenannten Fintechs sind derzeit in aller Munde. Fabian Prystav, Geschäftsführer des ikf-Instituts für Kredit- und Finanzwirtschaft an der Ruhr-Universität Bochum, geht jedoch davon aus, dass sich nur ein Bruchteil der Unternehmen am Markt halten wird.

Mobile Banking. Foto: Panthermedia / rostislavsedlacekZahlreiche Fintechs drängen derzeit auf den Markt der Finanzdienstleistungen. Foto: Panthermedia / rostislavsedlacek 

 

Herr Prystav, wie entwickelt sich die Fintech-Szene weltweit und in Deutschland?


Fabian Prystav: Für Deutschland haben Ernst & Young und die University of Cambridge in einer aktuellen Studie für das Jahr 2014 ein Marktvolumen digitaler, alternativer Finanzierungsformen von 140 Millionen Euro errechnet. Im Vergleich mit Großbritannien und den USA ist das überschaubar. Von etablierten Zahlungsverkehrsanbietern wie PayPal abgesehen ist der globale Markt noch stark fragmentiert. Länderspezifische regulatorische und kulturelle Rahmenbedingungen machen es schwieriger für Fintechs ihr Geschäftsmodell länderübergreifend zu skalieren, als dies in anderen Branchen, die von der Digitalisierung erfasst wurden, der Fall war.

Sind die Fintechs schon eine Konkurrenz für die deutschen Banken geworden?


Prystav:
Die Banken in Deutschland waren im Nachgang der Finanzkrise vor allem mit sich selber und steigenden aufsichtlichen Anforderungen beschäftigt, sind inzwischen aber wachgerüttelt. Die Umsatzverluste durch Konkurrenz von Fintechs halten sich bisher in Grenzen, viel stärker wirkt, dass die Ansprüche der Kunden an die Bedienbarkeit, Verfügbarkeit und auch den „Unterhaltungsfaktor“ von Finanzdienstleistungen rasant steigen. Auch wenn sich Fintechs häufig als „Alternative zur Bank“ positionieren, funktionieren nur die wenigsten Geschäftsmodelle ganz ohne Bank. Kritisch ist viel mehr, dass die Banken aus der Kundenwahrnehmung zu verschwinden drohen und die neuen Anbieter das in der digitalen Welt so wertvolle Kundenwissen an sich reißen.

Was sind die aktuellen Trends in der Szene?

Fabian Prystav, ikf Institut für Kredit- und Finanzwirtschaft BochumPrystav: Ein zentrales Thema der nächsten Monate und Jahre wird die Regulierung sein – das Kleinanlegerschutzgesetz steht in den Startlöchern. Je stärker die Fintechs in der öffentlichen Wahrnehmung aus der Nische treten und den Massenmarkt erreichen, desto mehr Aufmerksamkeit werden sie – durchaus berechtigt – von der Aufsicht erfahren. Nur wenige Fintechs haben bislang eine Banklizenz beantragt. Sie fürchten die regulatorischen Lasten. Klassische Banken stöhnen nämlich zum Beispiel über umfangreiche Dokumentationspflichten im Zuge des Verbraucherschutzes. Hier werden von allen Akteuren noch einige hitzige Debatten geführt werden.

Fabian Prystav

Sie teilen die Fintechs in vier Ober-Kategorien ein: Zahlungsverkehrsspezialisten, Spezialisten für Kreditgeschäft, innovative Wagnisfinanzierer sowie Spezialisten für Vermittlung, Verwaltung & Beratung. In welchem Geschäftsbereich sehen Sie das meiste Potential für Fintechs?

Prystav:
Das lukrativste weil am stärksten skalierbare Geschäft ist der Zahlungsverkehr, der dementsprechend auch am meisten umkämpft ist. Für ganz neue Fintechs besteht hier kaum noch eine Chance. Nach meiner Einschätzung wird das Kreditgeschäft für private aber auch Unternehmenskredite als nächstes den Massenmarkt erreichen. Im derzeitigen Niedrigzinsumfeld haben die dort erzielbaren Renditen eine hohe Anziehungskraft für Anleger und wer es einmal ausprobiert hat, weiß, dass es durchaus auch Spaß macht, sich durch die oftmals kuriosen Kreditprojekte zu klicken. Wer jetzt ein Fintech-Unternehmen gründet, braucht eine geniale Idee, um ganz spezifische Teilprozesse von Finanzdienstleistungen schneller, einfacher oder intelligenter zu machen. Damit stehen dann die Chancen auf lukrative Kooperationen gut.

Welche Chancen bieten die Fintechs für etablierte Banken?


Prystav: Mit der Agilität der Fintechs kann keine klassische Bank mithalten. Ohne Banklizenz sind derweil der Innovationskraft von Fintechs mittelfristig Grenzen gesetzt. Nach der ersten Goldgräberstimmung wird eine Konsolidierungswelle unvermeidbar sein. Nur ein Bruchteil der heutigen Fintechs wird sich langfristig selbständig im Markt halten können. Für beide Seiten ergeben sich daraus hervorragende Chancen, im Zuge von Kooperationen von den Stärken des jeweils anderen zu profitieren.

Herr Prystav, vielen Dank für das Gespräch.


Weitere Informationen

Webseite des ikf-Instituts für Kredit- und Finanzwirtschaft