Gastbeitrag von Professor Paul Thomes

Was Digitalisierung und Globalisierung für Regionalbanken bedeuten

01.12.2016

Wie können Genossenschaftsbanken ihre Werte und Traditionen in eine globalisierte und digitalisierte Gemeinschaft übertragen, ohne ihre Identität preiszugeben? Mit dieser Frage setzt sich Professor Paul Thomes von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH) in einem Gastbeitrag auseinander.

Aushängeschild einer VR-Bank. Foto: dpaWerten wie die Verbundheit zur Region treu bleiben und gleichzeitig auf die Zukunft eingestellt sein: Diesen Spagat müssen Genossenschaftsbanken auf dem Weg der Globalisierung und Digitalisierung schaffen. Foto: dpa



Als die ersten deutschen Kreditgenossenschaften in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden, geschah dies aus einer besonderen Situation heraus. Einerseits galt es eine akute Notlage zu meistern. Mehrere aufeinanderfolgende schlechte Ernten führten zur letzten agrarisch bedingten Wirtschaftskrise. Hinzu kam politische Instabilität im Kontext der bürgerlichen 1848er Revolution. Nicht zuletzt galt es strukturelle Herausforderungen zu bewältigen. Die Industrialisierung der Wirtschaft schien kleinen Handwerkern und Bauern die Existenzgrundlage zu entziehen, auch weil vielfach die passenden Finanzdienstleistungsstrukturen fehlten.
 
Diese Kombination aus akuten und strukturellen Defiziten erzeugte einen Handlungsdruck, der zu den innovativen, bis heute erfolgreichen genossenschaftlichen Lösungen führte. Lokal basiert, ermöglichten sie die gemeinschaftliche Überbrückung von Krisensituationen ebenso wie die betriebliche Modernisierung. Die Konzepte von Friedrich Wilhelm Raiffeisen, Hermann Schulze­-Delitzsch und anderen Genossenschaftspionieren spiegelten unterschiedliche Bedürfnisse, sie dokumentieren aber auch die beachtlichen Gestaltungsspielräume innerhalb der Grundidee auf dem Weg zum Ziel.

Globaler Exportschlager

Paul Thomes


Bis heute hat die Genossenschaftsidee über diverse Schwierigkeiten hinweg ihre Tauglichkeit bewiesen. Sie überstand schwerste Wirtschaftskrisen, Inflationen und Währungsreformen ebenso wie radikale politische Systemwechsel und zwei desaströse Weltkriege. Nicht von ungefähr erwies sie sich auch als globaler „Exportschlager“, und zwar über kulturelle Verschiedenheiten hinweg. Ihr Erfolg beruht auf ihren wesentlichen Merkmalen: persönliche Mitgliedschaft samt Mitbestimmung und Mithaftung, transparente Geschäftsbedingungen und Orientierung an den lokalen Kundenbedürfnissen.

Paul Thomes

Daraus leiten sich bestimmte weitere Erfolgsfaktoren ab: persönliches Kennen, Vertrauen, ein lokal beziehungsweise regional zentriertes Geschäft, Verbund­ und nicht zuletzt Kontrollstrukturen. Dieses Konglomerat aus persönlicher Einbeziehung, Bodenständigkeit, Vertrauen, Kontrolle und Vernetzung trug entscheidend und langfristig zur Beherrschbarkeit von Risiken und damit zum geschäftlichen Erfolg bei.

Die seit den 1980er Jahren Fahrt aufnehmende Globalisierung der Weltwirtschaft, die Marktliberalisierung und die beginnende Digitalisierung schienen dem Erfolg des analogen Ortsbankenansatzes zunächst keinen Abbruch zu tun. Das lag auch daran, dass ländliche und gewerbliche Genossenschaften 1972 unter dem Dach des Deutschen Genossenschafts-­ und Raiffeisenverbands (DGRV) zusammengefunden hatten. Ein wesentliches Ziel des neuen Verbunds war die Steigerung der Leistungs- ­und Wettbewerbsfähigkeit.

Das Doppellogo und der 1988 lancierte Slogan „Wir machen den Weg frei“ erwiesen sich als starke Botschaft der VR­-Banken nach außen wie nach innen. Steigende Mitgliederzahlen der gesamten genossenschaftlichen Bankengruppe, von 6,9 Millionen (1972) über 11,4 Millionen (1990) auf 18,3 Millionen (2015), dokumentieren jedenfalls eindrucksvoll die Erschließung ungehobener Potenziale; wahrhaft eine Erfolgsgeschichte. Parallel dazu reduzierte sich die Zahl der Volksbanken und Raiffeisenbanken bundesweit infolge von Fusionen von 5.753 im Jahr 1972 auf 1.021 im vergangenen Jahr, ohne die Ortsbankenidee aufzugeben.
 

Lokalität und Globalität verwischen


Deren Inhalt begann sich gleichwohl zu wandeln, zumal seit 1995 bis heute auch die Zahl der Geschäftsstellen um über ein Drittel sank. Dahinter stand neben der Wohlstandsexplosion nach dem Zweiten Weltkrieg und internen Entwicklungen vor allem der technologische Wandel: Massenautomobilität, bargeldlose Lohn­- und Gehaltszahlung, Automation, effizientere drahtgebundene und drahtlose Kommunikation – sowie spätestens seit der Jahrtausendwende die Digitalisierung des Alltags.

Im zweiten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends ist die Welt bereits in vielerlei Hinsicht zum Dorf geworden. Infolge historisch einmaliger Veränderungsprozesse kann heute theoretisch jeder Mensch jederzeit rund um den Globus aktiv in Echtzeit kommunizieren und Geschäfte tätigen. Selbstfahrende Autos, sich selbst verwaltende Haushaltssysteme inklusive eines Finanzmanagements oder Echtzeit-Gesundheitskontrolle: Digitalen Realphantasien scheinen keine Grenzen gesetzt. Fest steht: Selbstlernende Algorithmen bestimmen künftig weitenteils unser Leben. Eng damit verknüpft ist der Trend zu einer Ökonomie des Teilens unter dem Motto „nutzen statt besitzen“.

Die Kultur von Sparen und Kredit verändert sich in einem solchen Umfeld; momentan überdies noch getrieben durch die Nullzinspolitik der EZB. Gleiches gilt für das individuelle Bedürfnis nach lokaler Bindung. Die Folgenabschätzung dieser Prozesse steckt noch in den Kinderschuhen.

Vorwärtsdenken ist gefragt


Dessen ungeachtet wächst die Zahl der „Digital Natives“ und mit ihnen die digitale Affinität unaufhaltsam, während diejenige der „Digital Immigrants“ und der „Analogen“ sinkt. Parallel dazu etablieren sich neue Finanzdienstleister, oft Nichtbanken, Währungs-­ und Zahlungssysteme in geradezu rasender Geschwindigkeit, technische und gesetzliche Freiräume ausnutzend – ebenso wie die zunehmende digitale Affinität der Menschheit.

Im Ergebnis verschwimmen Lokalität und Globalität in nie dagewesener Weise. Reflexartige, instinktive widerständig­konservative Abschottung als institutionelle Gegenreaktion in dynamischen, kaum normierbaren systemischen Szenarien ist allenfalls begrenzt erfolgreich. Das hat die Geschichte oft genug gezeigt.
 

Alles fließt – schneller denn je


Wie könnten Zukunftslösungen geschneidert sein? Es wäre vermessen, sich konkrete Antworten anzumaßen. Denkanstöße zu generieren ist es nicht. Die Basis einer Veränderungsstrategie muss eine vorbehaltlose Stärken­-Schwächen-­Analyse des genossenschaftlichen Geschäftsmodells sein. Grundsätzlich sollten liebgewonnene Gewohnheiten, in der Vergangenheit erfolgreiche Struk­turen, Strategien und Pfadabhängigkeiten überprüft werden. Anstößiges Vorwärtsdenken ist gefragt, gepaart mit konstruktiv­kritischer Neugier.

Vorbehaltlich den Ergebnissen einer solchen Analyse lassen sich durchaus generelle Diskussionsangebote machen. Zunächst gilt es, die verfügbaren technischen Gegebenheiten vorausschauend und aus eigener Initiative zu instrumentalisieren. Die analog­digitale Hybridisierung des Produktangebots und der Kommunikationskanäle ist ein absolutes Muss, möchte man auch künftig alle Kundenbedürfnisse bedienen, und sie ist ja auch bereits auf gutem Wege.

Komplizierter dürften sich die Überlegungen zur geografischen Anpassung des Geschäftsmodells gestalten. Im globalen Dorf verändern sich die Maßstäbe von Lokalität. Im Extremfall globalisiert und permanentisiert sich die Ortsbank, bereits implizit aufgegriffen im „Immer­-und­-überall­-Banking“. Der aktuelle Zuschnitt würde dann allenfalls in sozial­romantischen Tante-­Emma­-Nischen überleben. Das hat das Konzept freilich nicht verdient. Also stellt sich die Frage nach der Definition des bislang bewährten Regionalprinzips.

Die künftige Definition des Regionalprinzips


Denkbar wären beispielsweise weit gefasste geografische Geschäftsbezirke beziehungsweise deren komplette Aufgabe im nationalen beziehungsweise transnationalen Rahmen. Immerhin steht die Menschheit vor der Mammutaufgabe der nachhaltigen sozio­ökonomischen Annäherung von Erdteilen. Ein Modell, das die Elemente Mitgliedschaft und nachhaltigkeitszentrierte Allgemeinwohlorientierung im Sinne eines regionalen Ankers vereint, mag auch im digital­individualistischen Zeitalter als attraktives Argument der Kundenbindung und ­-gewinnung taugen. Zudem harmonisiert es mit der Vision der Ökonomie des Teilens.

Daraus könnten sich überdies neue Geschäftsfelder im Sinne eines umfassenden Dienstleistungsangebots jenseits der „Allfinanz“ entwickeln lassen. Die Mitgliedschaft in einer auf Nachhaltigkeit und Inklusion fokussierten Gemeinschaft könnte künftig attraktiver denn je werden – als werteorientiertes Gegengewicht zu profitmaximierenden, flüchtig­anonymen Geschäftskonzepten.

Der Ansatz nähme der Vorstellung des globalen Cyber­-Dorfs die Anonymität und Kälte, machte es lebenswert. Das wiederum unterstellt, dass sich Menschen in ihrer Kultur nicht wesentlich ändern. Der Gegenentwurf des Cyborgs – also eines untrennbar mit der ihn umgebenden Technik verbundenen Menschen – „tickt“ möglicherweise völlig anders. Alles fließt – schneller denn je. Umso mehr braucht es Impulse, die helfen, ähnlich wie vor rund 160 Jahren, den Transfer von Traditionen in Zukunft zu bewerkstelligen.


Professor Paul Thomes, RWTH Aachen