Genossenschaften als Erfolgsformel

Den Wandel gestalten


Im 19. Jahrhundert erlebten viele Regionen in Bayern und ganz Deutschland tief greifende wirtschaftliche und soziale Veränderungen. Ursache dafür war neben der neu eingeführten Gewerbefreiheit insbesondere die industrielle Revolution. Sie stürzte viele Menschen in die Arbeitslosigkeit und damit in tiefe existenzielle Not. Die neuen Fabriken fertigten hohe Stückzahlen zu niedrigen Stückkosten und brachten die Erzeugnisse zu konkurrenzlos günstigen Preisen auf den Markt. Gewerbe und Handwerk konnten nicht mithalten.

Hinzu kam, dass im Zuge der Bauernbefreiung die Landwirte vielerorts um ihr Überleben kämpfen mussten. Diese Wirtschaftszweige waren gefordert, zu investieren und Innovationen zu entwickeln, um Schritt zu halten. Doch dafür fehlte nur zu oft das notwendige Kapital. Für die bestehenden großen Banken lohnte sich das kleinteilige Geschäft mit den kleinen und mittleren Betrieben nicht und der Staat hielt sich im 19. Jahrhundert größtenteils aus dem Wirtschaftsleben fern. Als Alternative blieben damit nur private Geldverleiher, die nicht selten Wucherzinsen verlangten.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen, Hermann Schulze-Delitzsch„Anstatt sich über die Eingriffe der Fabrik und des Handels, über die Übermacht des Kapitals zu beklagen, sollte man sich lieber selbst der Vorteile des fabrikmäßigen, des kaufmännischen Betriebs bemächtigen, und sich das Kapital dienstbar machen“, forderte damals Hermann Schulze-Delitzsch (1808 – 1883), einer der Urväter des Genossenschaftswesens in Deutschland.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen (re.) und
Hermann Schulze-Delitzsch. Foto: BVR

Und tatsächlich wurden der Mittelstand und die ländliche Bevölkerung innovativ: Sie gründeten in der Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Genossenschaftsbanken und bald darauf auch andere Genossenschaften.

Zum Motto avancierte vielerorts der Wahlspruch Friedrich Wilhelm Raiffeisens (1818–1888), dessen Name die genossenschaftliche Organisation bis heute prägt: „Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele.“ Entsprechend wurden Spargelder regional in Darlehensvereinen gebündelt und Haftungsverbünde geschlossen. So gelang es, regionale Finanzmärkte zu etablieren und die  mittelständischen Betriebe mit Kapital zu versorgen.

Dabei organisierten sich die Genossenschaften nach den bis heute gültigen Prinzipien der Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung. Das Vertrauen auf die eigene Stärke und die Kombination dieser drei Prinzipien begründeten eine Kultur der Nachhaltigkeit und Stabilität, die in der demokratischen Eigentümerstruktur der Genossenschaften – ein Mitglied, eine Stimme – fest verankert ist.

Genossenschaften als Stabilitätsanker


Die Kombination von Demokratie und Unternehmertum war ein Segen für viele Regionen. Genossenschaftsbanken konnten Kredite gewähren, wo es früher keine gab, an Menschen, die anderswo keine bekamen, um Geschäfte zu finanzieren, die sonst unterblieben wären. Diese kooperativen Kreditinstitute ermöglichten damit dem regionalen Mittelstand, innovativ zu sein und effizienter zu werden. Dadurch wurde der Bevölkerung ein stabiles wirtschaftliches Umfeld geboten. Friedrich Wilhelm Raiffeisen hatte das vorhergesehen, als er die Selbsthilfe beschwor: „Wir müssen uns selbst helfen. Alle Bedingungen dazu sind vorhanden, alle Mittel und Kräfte stehen uns reichlich zu Gebote. Wir brauchen dieselben nur zur Anwendung zu bringen.“

Der Wandel wurde also nicht bekämpft, sondern nach den regionalen Bedürfnissen gestaltet. Und weil Genossenschaften vermögen, was dem Einzelnen nicht möglich ist, haben sie sich als ein Garant der Stabilität gerade in Umbruchzeiten erwiesen. Das gilt aber nicht nur für die Finanzbranche: Auch in anderen Wirtschaftszweigen entstanden damals Genossenschaften. Zunächst schlossen sich insbesondere Landwirte zusammen, um gemeinschaftlich Saatgut, Futtermittel oder Ackergeräte zu beziehen. Sie erlangten dadurch mehr Marktmacht und profitierten damit von günstigeren Konditionen.

GenossenschaftskasseIn den ländlichen Regionen vereinigten sich nicht selten Kredit- und Warengenossenschaften. Ein Modell, das sich in der Gegenwart noch vielfach findet: Rund zwei Drittel der 99 heute bestehenden genossenschaftlichen Warenunternehmen in Bayern sind direkt bei einer Kreditgenossenschaft angeschlossen, ein Drittel in separaten Gesellschaften organisiert.

Emaille-Schild einer Genossenschaftskasse:
Wirtschaften nach dem Prinzip Selbsthilfe.

Ein Meilenstein im Genossenschaftswesen war das Inkrafttreten des Preußischen  Genossenschaftsgesetzes im Jahr 1868. Dieser Rechtsrahmen war die Vorform des 1889 verabschiedeten Genossenschaftsgesetzes, das mehrfach überarbeitet und modernisiert wurde, aber in seinen Grundzügen bis heute gilt. Es löste einen wahren Gründungsboom aus. Allein zwischen 1890 und 1912 vervielfachte sich die Zahl der Genossenschaften von rund 6.700 auf mehr als 33.600. Dabei beschränkte sich das Spektrum nicht nur auf weitere Kredit-, Raiffeisen-Waren- oder Agrargenossenschaften. Vielmehr entstanden auch gewerbliche Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften oder Konsumgenossenschaften.

Neue Herausforderungen, bewährte Antworten: Genossenschaften im 21. Jahrhundert
Die Veränderungen, vor denen die regionale Wirtschaft heute steht, sehen anders aus als im 19. Jahrhundert. Es sind nicht zuletzt der demografische Wandel, der Klimawandel, die globalisierte Wirtschaft, die Herausforderungen der Finanzmärkte und der Regulierungsdruck in vielen Branchen. Für die Bewältigung dieser Entwicklungen sind technologischer Fortschritt, internationale Wettbewerbsfähigkeit und eine nachhaltige Wirtschaftsordnung notwendig.

Genossenschaften: Antwort auf Herausforderungen des 21. Jahrhunderts


Hier werden Genossenschaften auch in Zukunft eine entscheidende Rolle spielen. Insbesondere beim Thema Nachhaltigkeit zeigten sich die Möglichkeiten der Rechtsform eG in den vergangenen Jahren deutlich. Genossenschaften sind dafür prädestiniert, einen Beitrag zur Energiewende zu leisten, denn sie stellen eine Blaupause für dezentrale Konzepte dar, bei denen eine räumliche Nähe zwischen Energieerzeuger und -verbraucher besteht.

Solaranlage EnergiegenossenschaftIn der Praxis sind das Windräder, Solar- oder Biogasanlagen, die Strom produzieren, sowie Nahwärmenetze. Solche Projekte werden vor Ort von und für Bürger initiiert und ermöglichen die Energiewende von unten. Dabei zählt nicht nur, dass diese Genossenschaften einen Versorgungsbeitrag leisten. Sie sorgen auch dafür, die Akzeptanz der Bevölkerung für eine nachhaltige Energiewirtschaft zu steigern.

Solaranlage der BürgerEnergie Essenbach eG

Allein in Bayern haben sich seit 2006 durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz und die Novelle des Genossenschaftsgesetzes 218 der zum Jahresende 2014 bestehenden 255 bayerischen Energiegenossenschaften gegründet. Inzwischen hat die Gründungsdynamik aufgrund der vom Gesetzgeber reduzierten Förderung nachgelassen. Unabhängig davon haben sich die jungen Energiegenossenschaften mit ihren Anlagen und Projekten erfolgreich am Markt etabliert.

Ein weiteres Beispiel für das Potenzial des Genossenschaftswesens sind auch im 21. Jahrhundert die Kreditgenossenschaften. Heute gibt es zwar flächendeckend Kredite an fast jeden Personenkreis. Doch die Prinzipien der Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung grenzen Genossenschaftsbanken immer noch von anderen Instituten ab. Die börsennotierten Geschäftsbanken haben sich dem Shareholder-Value verpflichtet und müssen deshalb dem Willen der Aktionäre folgen. Bei den Genossenschaftsbanken hingegen zählt allein der Nutzen für die Mitglieder, wobei das Nutzenverständnis auf Langfristigkeit angelegt ist. Ein Verkauf der Anteile ist – anders als bei Aktien – nur zum Nennwert möglich. Die Rücklagen der Genossenschaft lassen sich so nicht veräußern.

Besonders deutlich wurde die stabilitätsstiftende Rolle der Genossenschaftsbanken in der Finanzkrise, die 2007 ausgehend vom US-Immobilienmarkt über Europa hereinbrach und auch die deutsche Finanzwirtschaft traf. Während der Staat viele private und einige öffentliche Banken retten musste, konnten die Genossenschaftsbanken ihr Kreditgeschäft sogar ausweiten – ohne dass sie Hilfen der Steuerzahler in Anspruch nehmen mussten. Damit trugen die Genossenschaftsbanken erheblich zur Stabilisierung der deutschen Wirtschaft bei. Unterstützt wurden und werden sie dabei von genossenschaftlichen Verbundunternehmen wie der DZ Bank, die Spezialleistungen anbieten, die bei einzelnen Volksbanken und Raiffeisenbanken aus Kostengründen nicht vorgehalten werden können. Etwa wenn es darum geht, Unternehmenskunden bei ihren wachsenden Exportaktivitäten in ausländische Absatzmärkte zu begleiten.

Genossenschaften als Netzwerke für die Region


Im Zuge der fortschreitenden Globalisierung tragen die Genossenschaften auch in Bayern zum Erhalt der Strukturen im ländlichen Raum bei. Durch Kooperationen können Skalen-, Verbund- und Netzwerkeffekte in der Fläche erzielt werden. Die Raiffeisen-Warenunternehmen beispielsweise erschließen sich Größenvorteile in der Lagerung, Verarbeitung und dem Vertrieb landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Ähnlich verhält es sich bei den Molkereigenossenschaften. Die Wertschöpfung, die dabei entsteht, verbleibt in der Region.

Dadurch erfüllen Genossenschaften eine wichtige gesellschaftliche Funktion: Sie fördern die regionale Entwicklung und tragen dazu bei, den Menschen Perspektiven und Entfaltungschancen innerhalb ihrer Heimatregion zu bieten – und zwar nicht nur in großen Städten und Ballungszentren, sondern auch in ländlichen Gebieten. Das lässt sich auch daran ablesen, dass Genossenschaften in ganz Bayern heute 53.000 Bürgerinnen und Bürger beschäftigen.

Nicht nur das: Genossenschaften dienen auch dazu, die Verbundenheit der Bürger mit ihrer Region zu festigen. So produzieren beispielsweise als Kooperativen organisierte Winzereien, Brauereien, Sennereien oder Molkereien oft schon seit Jahrzehnten Genuss- und Lebensmittel vor Ort und setzen dabei Rohstoffe aus der Region ein. Das stiftet Identität. Zudem leisten die Volksbanken und Raiffeisenbanken mit ihren mehr als 2.900 Geschäftsstellen und der Raiffeisen-Warenhandel mit seinen 338 Standorten ein hohes Maß an finanzieller und materieller Grundversorgung. Das gilt auch für Genossenschaften, die in der Fläche soziale, medizinische oder pflegerische Dienstleistungen anbieten. Darüber hinaus bereichern genossenschaftliche Dorfläden oder Wirtshäuser in mancher ländlichen Kommune das Dorfleben.

Innovation sichert Zukunftsfähigkeit


Filiale Volksbank Raiffeisenbank TabletGenossenschaften waren in der Vergangenheit erfolgreich und sie sind heute erfolgreich. Damit sie es auch morgen bleiben können, müssen sie sich immer wieder aktiv verändern und anpassen, wie sie das in den vergangenen Jahrzehnten getan haben. Sie müssen die aktuelle Gesetzgebung und neue Kundenbedürfnisse ebenso aufnehmen können wie technische Innovationen.

Digitalisierung: Eine der nächsten
Herausforderungen für die Genossenschaften.

Die Chancen, die sich daraus ergeben können, zeigen sich unter anderem bei der weiter zunehmenden Digitalisierung von Geschäftsprozessen. Genossenschaften wie die Datev haben darauf schon in den 60er- und 70er-Jahren ihr Geschäftsmodell aufgebaut. Weil immer mehr Menschen mit onlinefähiger Digitaltechnik ausgestattet sind, bieten längst auch Volksbanken und Raiffeisenbanken oder der genossenschaftliche Warenhandel Produkte und Dienstleistungen verstärkt über Online-Kanäle an.

Die Genossenschaften nutzen aber nicht nur bestehende Innovationen, sie entwickeln auch selbst welche. Das können Standards für elektronische Schließsysteme ebenso sein wie hochwertige Blechblasinstrumente oder neue Milchprodukte – um nur ein paar aktuelle Beispiele aus der bayerischen Genossenschaftswelt zu nennen. Eine besondere Aufgabe übernehmen zudem die Volksbanken und Raiffeisenbanken: Sie schaffen ein innovationsfreundliches Klima, indem sie fast ein Fünftel aller Mittelstandsinvestitionen im Freistaat finanzieren. Die Kreditgenossenschaften sind zudem einer der größten Vermittler von Förderdarlehen. Dadurch werden viele Unternehmensgründungen ermöglicht, die für die Innovationsaktivität besonders wichtig sind.

Genossenschaften - eine Idee für morgen


Gemeinsam etwas für die Zukunft aufzubauen, das war schon immer der genossenschaftliche Weg, und er ist noch nicht zu Ende. Denn der Erfolg der genossenschaftlichen Idee zeigt, dass Demokratie,  freies Unternehmertum und eine nachhaltige Wirtschaftsweise keine Gegensätze sind. Vielmehr treibt ihr gemeinsames Wirken die wirtschaftliche Entwicklung ökonomisch, ökologisch und sozial ausgewogen voran. Die Prinzipien der Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung sind auch heute noch ein probates Mittel, um den Herausforderungen der Zukunft zu begegnen.