Genossenschaften auf Kuba

Ein Experiment, das hoffen lässt

27.07.2016

Seit 2014 arbeitet der Deutsche Genossenschafts-­ und Raiffeisenverband (DGRV) an der Entwicklung des Genossenschaftswesens auf Kuba. Mit dabei ist GVB-Mitarbeiter Helmut Pabst. Ein Erfahrungsbericht.


Ein gravierendes Problem für die wirtschaftliche Betätigung der neuen Genossenschaften auf Kuba ist der Mangel an Transportmitteln.
Ein gravierendes Problem für die wirtschaftliche Betätigung der neuen Genossenschaften auf Kuba ist der Mangel an Transportmitteln.


Erste Kontaktaufnahme mit kubanischem Wirtschaftsprüferverband  


Der DGRV hat im November 2014 ein Kooperationsabkommen mit der Assoziation der kubanischen Ökonomen und Wirtschaftsprüfer ANEC abgeschlossen. Seitdem gewinnen die gemeinsamen Aktivitäten im Bereich der Aus­- und Fortbildung und der Beratung zu genossenschaftlichen Rahmenbedingungen an Fahrt. Finanziert werden die Maßnahmen vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

Auf ihrem VI. Kongress formulierte und beschloss die kommunistische Partei Kubas im April 2011 Richtlinien für die „Aktualisierung der Wirtschafts- ­und Sozialpolitik der Partei und der Revolution“, wie die offizielle Sprachregelung lautet. Eine besondere Rolle ist den Service- ­und Produktivgenossenschaften zugedacht. An ihnen will die Regierung erproben, inwieweit privatwirtschaftlich organisierte Genossenschaften den Bedarf der Bevölkerung an Konsum­ und Investitionsgütern besser decken können als staatliche Unternehmen. Der Plan, für rund 1,3 Millionen Angestellte des öffentlichen Diensts aus Verwaltung und Staatsbetrieben Arbeitsplätze in einer neu entstehenden Privatwirtschaft zu schaffen, ist eine immense Herausforderung für die Regierung von Raúl Castro.

Nachdem die DGRV­-Aktivitäten in Kuba im August 2015 der Zuständigkeit des Projekts Mexiko, El Salvador und Nicaragua zugeordnet wurden, verschaffte ich mir zunächst einen Eindruck von der Situation der genossenschaftlichen Grundstufe. In La Havana und in der Provinz Sancti Spíritus besuchte ich 15 der 428 Service­- und Produktivgenossenschaften, die in den vergangenen drei Jahren als Ergebnis der neuen Politik entstanden waren. Sie sind in den Bereichen Gastronomie, Formenbau, Ornithologie oder Abfallrecycling tätig. Hinzu kamen eine Autospenglerei, Obst­- und Gemüseläden und eine Reparaturwerkstätte für Personenwaagen.

Die Mitglieder der Neugründungen zeichnen sich durch gute Ausbildung, fachliche Kompetenz, Eigeninitiative und hohes Engagement aus. Trotz schwieriger Voraussetzungen bei der Beschaffung von Werkzeugen, Material sowie dem Mangel an Transportmitteln und Zugmaschinen sind sie sehr optimistisch und haben hohe Erwartungen an den wirtschaftlichen Modellversuch.

Genossenschaften ermöglichen höhere Einkommen auf Kuba


Die genossenschaftliche Geschäftstätigkeit wirkt sich schon jetzt positiv aus: Die Mitglieder verdienen deutlich mehr als früher. In einer Baugenossenschaft berichteten mir die Mitglieder, dass sie in ihrem Staatsbetrieb vorher den Gegenwert von 15 Euro im Monat verdient haben. Jetzt gehen sie mit rund 140 Euro im Monat nach Hause. Zufrieden sind auch die Auftraggeber und Kunden, zum Beispiel die medizinische Fakultät der Universität Las Americas in Sancti Spíritus, an der Studenten aus 39 Ländern studieren und die von der Baugenossen­schaft saniert wird.

Das DGRV-­Engagement in Kuba befindet sich noch in der Anfangsphase. Dabei unterscheidet es sich in vielfacher Hinsicht von den Herausforderungen und Gegebenheiten in vielen Ländern Lateinamerikas. Die Gründungen von einer Vielzahl von Genossenschaften auf der Primärebene werden von hoher Eigeninitiative sowie von einer großen Nachfrage aus der Bevölkerung getragen. Die Welle von über 400 Neugrün­dungen in den Jahren 2013 und 2014 wird aktuell von der Regierung abgebremst, damit sich die Bewegung konsolidiert.


Steinmetze einer Produktivgenossenschaft auf Kuba bearbeiten mit veralteten Maschinen und großem körperlichem Einsatz das Material.Steinmetze einer Produktivgenossenschaft bearbeiten mit veralteten Maschinen und großem körperlichem Einsatz das Material.


Es besteht jedoch weiter der politische Wille, den Realsektor durch Produktivgenossenschaften zu entwickeln. Die ersten rechtlichen Grundlagen liegen vor. Der DGRV hilft bei der Weiterentwicklung der Gesetze, Durchführungsverordnungen und Statuten. Genossenschaftliche Verbände und Zentralen auf der Sekundärebene bestehen noch nicht. Zunächst müssen die rechtlichen Grundlagen geschaffen werden. Die Projektarbeit des DGRV konzentriert sich in dieser Phase zunächst auf die Grundlagenberatung und den Aufbau einer tragfähigen Gesprächs- ­und Vertrauensbasis mit den kubanischen Gesprächspartnern, die jahrzehntelang in einem abgekapselten System agierten.

Vorteile genossenschaftlicher Unternehmen deutlich machen


Der DGRV hat in den vergangenen zwölf Monaten zahlreiche Fachreisen nach Brasilien, Deutschland, Mexiko und Paraguay organisiert. Sie dienten dazu, den kubanischen Partnern anhand von konkreten Beispielen aufzuzeigen, welchen ökonomischen Nutzen unternehmerisch ausgerichtete, erfolgreich in Marktwirtschaften operierende Genossenschaften für ihre Mitglieder haben und welche positiven Effekte von ihnen für die Entwicklung von Volkswirtschaften ausgehen. Im April dieses Jahres begann der DGRV mit der Vorbereitung zu ersten betriebswirtschaftlichen Schulungen für Basisgenossenschaften, um die Voraussetzungen für den Aufbau eines curricularen Aus­- und Fortbildungssystems auf E-­Learning-­Basis zu sondieren. Eine funktionierende Intranet­-Plattform auf der Insel bietet dafür gute Voraussetzungen.

Die Gründung von Service- ­und Produk­tivgenossenschaften bezeichnet die ku­banische Regierung noch als ein Experi­ment, von dem – bei Erfolg – Reformen ausgehen können. Während die ehemali­gen Ostblockstaaten sowie China, Vietnam, Kambodscha und Laos nach 1990 ihre sozialistischen Wirtschaftssysteme vorwiegend nach marktwirtschaftlichem Muster reformierten oder gemischte Formen mit Anreizsystemen des Wettbe­werbs implementierten, blieb Kuba der ineffizienten Planwirtschaft treu. Raúl Castro gab für den angestrebten Moder­nisierungskurs die Order aus: „Ohne Eile, aber ohne Pause.“

Den zeitlichen Vorsprung von gut 25 Jahren, den viele andere ehemalige, so­zialistische Bruderländer für wirtschaftli­che Reformen genutzt haben, muss die Inselwirtschaft erst noch einholen, um im globalen Wettbewerb bestehen zu kön­nen. Das Genossenschaftsmodell steht für wirtschaftlichen Erfolg, auf den bereits jetzt viele junge Insulaner setzen. Der DGRV verfügt nach Jahrzehnten der Entwicklungsberatung über die Erfahrung, diese vielversprechenden Ansätze auch vor dem komplexen politischen und wirtschaftlichen Hintergrund Kubas zu fördern. Das Genossenschaftskonzept der privatwirtschaftlichen Initiative nach deutschem Vorbild soll den Aufbruch in der Karibik mittragen.


Von Helmut Pabst, Genossenschaftsverband Bayern. Der vollständige Artikel ist in der Juli-Ausgabe von „Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt“ erschienen.



Impressionen von den Genossenschaften auf Kuba