Genossenschaften in Vietnam

Drachenfrucht und Tee von der eG

06.05.2016

Christian Albrecht hat fünf Jahre lang Genossenschaften in Vietnam betreut. Im Rückblick berichtet der Bankenprüfer des Genossenschaftsverbands Bayern (GVB) darüber, was er dort erlebt hat - und warum er sogar auf eine vietnamesische Hochzeit eingeladen wurde.

Genossenschaft in VietnamChristian Albrecht (4. v. li.) mit Angehörigen der Genossenschaft Tam Vu auf einem Drachenfruchtfeld.


Drachenfruchtgenossenschaft Tam Vu


Vor zehn Jahren wollte Truong Quang An sein Leben verbessern. Der Landwirt aus der vietnamesischen Provinz Long An, südlich der Metropole Ho Chi Minh City, probierte daher etwas Neues aus: Drachenfrüchte. Der Anbau dieser lichtempfindlichen Kakteenart ist nicht trivial. Doch sie lassen sich gut exportieren, weil exotische Früchte im Ausland zunehmend begehrt sind. 2008 schloss sich An mit zwölf Nachbarn und einem Startkapital von umgerechnet 9.000 Euro zur Drachenfruchtgenossenschaft Tam Vu zusammen.

Heute hat sie ein eigenes Gebäude für Verarbeitung, Verpackung und Lagerung so groß wie ein Fußballfeld. Die Anbaufläche ist von 20 auf 90 Hektar ge- wachsen. Das Geschäftskapital hat sich verzwölffacht und statt 13 Mitgliedern hat die Genossenschaft nun deren 70. Einer der Hauptimporteure ist Deutschland.

Warum deutsche Verbände vietnamische Genossenschaften unterstützen


Diese Erfolgsgeschichte geht auch auf Christian Albrecht zurück. Der Bankenprüfer beim Genossenschaftsverband Bayern (GVB) war von 2010 bis Herbst 2015 Programmdirektor des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbands (DGRV) in Vietnam. Tam Vu ist eines seiner Paradebeispiele für die erfolgreiche Arbeit des DGRV, der seit vielen Jahren im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) den Aufbau genossenschaftlicher Strukturen in Südostasien unterstüzt.

„Wir wollen die Genossenschaften vor Ort befähigen, marktwirtschaftlich zu denken“, erklärt Albrecht. Das bringt nicht nur wirtschaftliche Vorteile für die Mitglieder, sondern verbessert die sozialen  Strukturen  in  der  ganzen  Region. „Tam Vu zum Beispiel bietet viele Arbeitsplätze und zahlt in der Erntesaison mit umgerechnet 4 bis 7 Euro einen attraktiven Tageslohn. Außerdem kooperiert sie mit 200 bis 300 Bauern in der Region“, erzählt Albrecht.

Mittlerweile sei das Geschäftsmodell der Genossenschaft mehrfach kopiert worden. „Mit Unterstützung des Regionalverbands haben sich drei weitere Drachenfruchtgenossenschaften gegründet. So setzt Tam Vu ein Zeichen für die Bedeutung der Solidarität und gegenseitigen Hilfe innerhalb der genossenschaftlichen Organisation“, betont der GVB-Prüfer.

Teegenossenschaft Tan Huong


Auch die Teegenossenschaft Tan Huong in der Provinz Thai Nguyen hat sich prächtig entwickelt. Das Bergland nordwestlich von Hanoi ist ein traditionelles Teeanbaugebiet. In der Genossenschaft arbeiten hauptsächlich Frauen. Von 2002 bis 2014 verdreifachte sich die Anbaufläche auf 30 Hektar. Anfangs waren 30 Teebäuerinnen Mitglied in der Genossenschaft, heute sind es 46. Mit 28 weiteren Familien werden Geschäfte gemacht.

Der DGRV half bei der Zertifizierung des Tees mit dem UTZ-Gütesiegel. Produkte mit diesem Zertifikat lassen sich zu deutlich besseren Preisen verkaufen. Außerdem beriet der DGRV die Bäuerinnen, wie sie die Qualität des Tees steigern können. Seit 2013 verkauft die Genossenschaft Tee unter der Eigenmarke Tan Huong. Inzwischen hat sich dessen Qualität herumgesprochen: Die Genossenschaft wurde für ihre Produkte mit zahlreichen Auszeichnungen prämiert.

Wie die Genossenschaften in Vietnam unterstützt werden


Albrecht und seine drei vietnamesischen Mitarbeiter unterstützten die Genossenschaften und ihre Verbände mit Workshops, Trainings, Beratungen und anderen Maßnahmen zu allen Themen, die für eine moderne Organisation wichtig sind, etwa Personal- und Betriebsmanagement, Marketing oder Buchführung. 90 Prozent der Aufgaben übernahmen Albrecht und sein Team selbst, ansonsten buchten sie Referenten aus Vietnam oder aus Deutschland. „Wir wollten möglichst viel selbst machen, das fördert die Akzeptanz vor Ort“, sagt Albrecht.

Die Vietnamesen erlebte er anfangs als sehr reserviert, aber dann habe sich schnell eine Beziehung über die reine Arbeit hinaus entwickelt. „Sie sind wiss begierig und am Erfahrungsaustausch interessiert.“ Zu etwa 20 der 63 genossenschaftlichen Regionalverbände Vietnams hatte Albrecht engeren Kontakt. Auch der GVB hat Albrecht während seiner Zeit in Vietnam unterstützt. „Mit vielen Fachabeilungen des GVB stand ich regelmäßig in Kontakt. Alle Kollegen haben bereitwillig geholfen“, betont Albrecht.

Ganz von Vietnam hat sich der Bankenprüfer noch nicht verabschiedet, doch sein Engagement beschränkt sich nun auf kurzzeitige Aufenthalte in Südostasien. Von den Begegnungen und Erfahrungen mit den Menschen in Vietnam habe er sehr profitiert, sagt Albrecht. Und auch auf persönlicher Ebene bleiben Freundschaften. Weil er sich so nachhaltig für die Drachenfruchtgenossenschaft Tam Vu engagiert hatte, lud Cong Hoang Bach, Präsident des Genossenschaftsverbands der Provinz Long An, den Deutschen aus Dankbarkeit zur Hochzeit seiner Tochter ein. „Das hat mich sehr bewegt“, sagt Albrecht.


Der vollständige Artikel ist in der Mai-Ausgabe von „Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt“ erschienen.


Impressionen aus Vietnam