Genossenschaftliche Werte

„Der Kern langfristigen Erfolgs“

04.04.2016

Die traditionellen genossenschaftliche Werte sind zeitlos - und auch im 21. Jahrhundert von großer Bedeutung. Warum das so ist, erklärt der Wissenschaftler Thorn Kring von der Steinbeis-Hochschule Berlin im Interview.


Thorn KringProfessor Thorn Kring


Herr Professor Kring, die Grundsätze des Genossenschaftswesens – Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung – stammen aus dem 19. Jahrhundert. Sind sie heute noch aktuell?


Thorn Kring: Auch wenn diese Werte nicht zum Standardvokabular der Wirt­schaftspresse oder junger Mitarbeiter ge­hören, haben diese Grundsätze inhalt­lich nicht an Relevanz und Aktualität verloren. Viele Produkte und Dienstleis­tungen werden heute darauf ausgerich­tet, einen Beitrag zur individuellen Selbstentfaltung zu leisten – sie leisten mithin Hilfe zur Selbsthilfe. Organisati­onsformen mit einem hohen Grad an Selbstorganisation durchdringen ehe­mals hierarchisch geprägte Branchen mehr und mehr. Wirft man einen Blick auf die innovative Gründerszene in Deutschland, so streben nicht nur Fin­Techs danach, selbstverantwortlich krea­tive Geschäftsmodelle in den Markt zu bringen. Genossenschaftliche Grund­sätze scheinen generell en vogue zu sein.

Aus den genossenschaftlichen Grundsätzen hat sich in den vergangenen 160 Jahren ein umfangreicher Wertekanon entwickelt. Welche Prinzipien zählen Sie zu den Kernelementen?

Kring: Ich orientiere mich dabei gerne an dem Wertekanon, wie er im Jahr der Genossenschaften 2012 durch die Ver­einten Nationen publiziert wurde. Im Zentrum steht dort die Bereitschaft, sich in einer Kooperation gemeinsam zum Nutzen der Mitglieder und darüber hinaus zum Wohle der Gesellschaft ein­zubringen. Damit sind für mich neben den bereits angeführten Grundprinzi­pien und dem Zweck der Mitgliederför­derung Werte wie Dienstbereitschaft, Kooperation und gesellschaftliche Ver­antwortung zentral.

Die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen Mitte des 19. Jahrhun­derts waren ganz andere wie heute. Inwie­fern haben sich auch die genossenschaftli­chen Wertevorstellungen in den vergange­nen 160 Jahren gewandelt?

Kring: Ich glaube, dass sich die Werte substanziell nicht grundsätzlich verän­dert haben. Jede Generation steht aller­dings vor der immer neuen Herausforde­rung, die Werte in den Kontext der je­weiligen wirtschaftlichen und gesell­schaftlichen Rahmenbedingungen zu übersetzen. Während die Gründerväter der genossenschaftlichen Idee die Ziele verfolgten, Armut zu überwinden, Wu­cher zu umgehen und Teilhabe an einem Wirtschaftssystem zu ermöglichen, sind Genossenschaften heute gefordert, mo­derne Knappheiten zu identifizieren und Lösungen zu schaffen. Genossenschafts­neugründungen zur Sicherung der regio­nalen Daseinsvorsorge im Gesundheits­bereich, der Bildung oder der Energie­gewinnung können als Beispiele genannt werden. Etablierte Genossenschaften wie die Volksbanken und Raiffeisenban­ken stehen vor der Aufgabe, die aktuel­len Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu er­kennen und ihr Leistungsportfolio inno­vativ darauf anzupassen. In dem einen Fall kann das die Zusage sein, Mitglieder durch Vorsorgeberatung vor der Alters­armut zu bewahren, für die anderen ist es die Entwicklung einer Banking App, die eine innovative Antwort auf neue digi­tale Bedürfnisse der Mitglieder liefert.

Der Wettbewerbsdruck auf Genos­senschaften nimmt stetig zu, nicht nur in der Finanzwirtschaft. Sind genossenschaft­liche Prinzipien in dieser Situation eher hin­derlich – oder sogar von Vorteil?


Kring: Authentische Werteorientierung ist aus meiner Sicht kein Hindernis im Wettbewerb, sondern der Kern langfris­tigen Erfolgs. Missbrauch von Vertrauen der Kunden mag kurzfristig wirtschaftli­che Erfolge generieren. Auf lange Sicht aber trägt ein solches werteentleertes Verhalten nicht – nicht in Banken, nicht in anderen Branchen. Wenn sich Werte wie Dienstbereitschaft, Kooperation oder die Übernahme von Verantwortung zu leeren Worthülsen entwickeln oder als Marketinginstrument missbraucht werden, wird dies früher oder später vom Markt enttarnt und bestraft.


Das gesamte Interview mit Professor Kring ist in der April-Ausgabe von „Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt“ erschienen.