Geschichte der Zinsentwicklung

Vom Saatgut bis zum Nullpunkt

27.06.2016

Sparer stöhnen, Kreditnehmer jubeln: Alle Welt spricht vom historisch niedrigen Zinsniveau in Europa. Aber stimmt das auch? Ein Blick in die 5.000-­jährige Kreditgeschichte gibt Aufschluss.

Schule von Athen. Foto: Imago / UIGAusschnitt aus dem Fresko „Die Schule von Athen“ des italienischen Malers Raffael: Im Mittelpunkt diskutieren Aristoteles (re.) und Platon (li.). Beide Philosophen verteufelten Zinsen, dennoch wurden im antiken Griechenland nie gesetzliche Zinsobergrenzen festgelegt. Foto: imago/UIG

Die Anfänge der Zinsen in der Frühgeschichte

Die Erfindung von Zinsen liegt im Nebel der menschlichen Urgeschichte verborgen. Einiges spricht dafür, dass in der Jungsteinzeit (ab 11000 v. Chr.) durch Ackerbau und Viehzucht die Grundlagen für ein Kreditwesen geschaffen wurden. Ein Bauer, der seinem Nachbarn Saatgut lieh, gewährte einen Kredit. Bekam er nach der Ernte eine größere Menge zurück, waren das Zinsen. Damit wären Zinsen älter als Banken, Münzprägung und sogar das Geld selbst.

Beweise für die Höhe von Zinssätzen lassen sich freilich erst mit dem Ende der Prähistorie und dem Auftreten von Schrifterzeugnissen finden. Aus der sumerischen Epoche (3000 bis 2000 v. Chr.) sind für Mesopotamien zwei gewohnheitsrechtliche Zinssätze bekannt: 33,3 Prozent (alle Zinssätze im Text per annum) auf Gerste und 20 Prozent für Kredite in Silber.

Eben jene Werte wurden in der nachfolgenden babylonischen Zeit als gesetzliche Obergrenzen fixiert und sind beispielsweise im berühmten Kodex Hammurapi (1800 v. Chr.) nachzulesen. Obwohl die rechtlichen Grenzen für zwölf Jahrhunderte Bestand hatten, deuten vereinzelte Quellen darauf hin, dass der Normalzinssatz für Silberkredite im Lauf der Zeit auf 10 Prozent fiel. Gegen Ende des babylonischen Reichs stiegen die üblichen Zinsen wieder stark an.


Antikes Griechenland: Unterschiedliche Kreditinstrumente und Bonitäten


Schon wesentlich umfangreicher ist das Datenmaterial aus dem antiken Griechenland, anhand dessen sich erstmals auch unterschiedliche Kreditinstrumente und Bonitäten erkennen lassen. So wurden etwa Hypothekendarlehen gelegentlich in die Marksteine (horoi) eingraviert, die seit den Reformen Solons (circa 570 v. Chr.) Grundstücke in Attika auswiesen.

Die erhaltenen horoi zeigen, dass die Zinsen bei grundbesicherten Darlehen vom 5. Jahrhundert (8 bis 12 Prozent) bis zum 2. Jahrhundert (6 bis 10 Prozent) leicht sanken. Erstaunlich ist, dass trotz der Verteufelung von Zinsen durch Gelehrte wie Platon und Aristoteles im antiken Griechenland nie gesetzliche Obergrenzen festgelegt wurden.


Sinkende Zinsen in der Römerzeit


Stattdessen kann das untere Ende des durchschnittlichen Kreditzinssatzes in der Antike als Maßstab für die Gesamtentwicklung herhalten. Dieser bewegte sich von 16 Prozent (6. Jahrhundert v. Chr.) über den absoluten Tiefpunkt von 6 Prozent (2. Jahrhundert v. Chr.) wieder auf 8 Prozent im 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Da war Griechenland aber bereits Teil des Römischen Reichs.

Es mag an ihrem Selbstverständnis als Bauern und Soldaten gelegen haben, dass die Römer den Handel und das Bankwesen weitgehend Ausländern überließen. In jedem Fall ist die Überlieferung von Zinssätzen aus dem Römischen Reich dürftig. Für den Beginn der Römi­schen Republik liegen nur gesetzliche Obergrenzen vor. So ist im Zwölftafelgesetz (443 v. Chr.) ein Limit von 8,3. Prozent angegeben.

Mit der Ausdehnung des Römischen Reichs wuchs auch die Wirtschaftskraft. Damit einher ging ein stetiges Sinken der Durchschnittszinsen, unterbrochen von hohen Ausschlägen nach oben in Krisenzeiten. Den absoluten Tiefpunkt erreichten die Zinsen während der „Pax Romana“ genannten Friedenszeit unter der Herrschaft Kaiser Augustus ab 27 v. Chr. Mit gerade einmal 4 Prozent ähnelten die Zinssätze nicht nur denen moderner Zeiten, sondern waren auch die niedrigsten in der gesamten antiken Epoche.


Nach der Römerzeit: Zinsen verschwinden im Dunkel des frühen Mittelalters


Wie zuvor schon in Babylon und Griechenland stiegen die Zinsen mit dem Niedergang des Römischen Imperiums wieder stark an. Im 4. Jahrhundert nach Christus wurde die gesetzliche Obergrenze letztmalig auf 12,5 Prozent erhöht. Danach gibt es keine Aufzeichnungen mehr. Mit dem Zerfall des weströmischen Reichs versinkt die Geschichte der Zinssätze im Dunkel des frühen Mittelalters.

Obwohl Handel und Kreditwesen sicher nie ganz zum Erliegen kamen, ist in der Zeit vom 5. bis 11. Jahrhundert kaum etwas über die Zinsentwicklung in Europa bekannt. Die Bedrohung des Mittelmeerraums durch die Araber, die Raubzüge der Wikinger und die Einfälle der ungarischen Reitervölker sind nur die extremsten Beispiele andauernder Instabilität. Das Verschwinden der römischen Infrastruktur verstärkte die Regionalisierung. Einfache Subsistenzwirtschaft war allerorts üblich.

Bis zum 12. Jahrhundert hatte sich Europa jedoch wieder so weit stabilisiert, dass Finanzzentren entstehen konnten. Venedig und Genua dominierten den Mittelmeerhandel, die deutsche Hanse etablierte sich in der Ostsee und in der Champagne trafen sich europäische Händler sechsmal im Jahr zu einer großen Messe. Es sind zwar nur wenige Zinssätze bekannt, diese deuten aber aufgrund ihrer Höhe auf ein noch unsicheres und von Misstrauen geprägtes Kreditumfeld hin. Aus England sind Zinsen von 40 Prozent bei guter Kreditwürdigkeit überliefert und bis zu 120 Prozent bei schlechter. In Genua und den Niederlanden lagen die Zinssätze für Geschäftskredite bei 20 beziehungsweise 16 Prozent.


Mittelalter: Dornenkrone des Fürsten als Sicherheit

 
Im 13. und 14. Jahrhundert wuchs die Kreditwirtschaft stark an und Daten sind reichlich vorhanden. Besonders auffällig sind die sehr unterschiedlichen Zinssätze für Kredite an staatliche Institutionen. Obwohl beispielsweise die Republik Venedig ihre reichen Bürger zur Zeichnung von Zwangsanleihen (prestiti) verpflichtete, genossen diese sehr hohes Vertrauen. Es entwickelte sich eine regelrechte Börse, und die Anleihen wurden in ganz Europa als Zahlungsmittel verbreitet. Nominal mit 5 Prozent verzinst, rentierten die prestiti durch freien Handel in der Zeit von 1303 bis 1375 zwischen 4,8 und 7,7 Prozent.

Während freie Städte also eine gute Kreditwürdigkeit besaßen, sah das bei den europäischen Fürsten ganz anders aus. Ihnen wurde nur zu hohen Zinsen (20 bis 80 Prozent) und zudem oft gegen physische Sicherheiten geliehen. So verpfändete Balduin II. von Konstantinopel 1238 eine der bedeutendsten Reliquien, die Dornenkrone, an einen venezianischen Geldleiher. Als der Kredit ausfiel, verkaufte der Banker die Dornenkrone an Ludwig IX. von Frankreich. Zudem entledigten sich manche Herrscher auch gewaltsam ihrer Schulden. Philipp IV. von Frankreich beispielsweise ließ 1312 den zum Kreditinstitut gewandelten Templerorden auflösen und seine Gläubiger kurzerhand verbrennen.


Renaissance: Frisches Geld für die Kriegskasse


In der Renaissance verbesserte sich die Kreditsituation weiter. Die Zinsen für Geschäftskredite fielen auf 4 bis 12 Prozent. Große Kreditinstitute wie die Augsburger Bankhäuser Fugger und Höchstetter gewährten im 16. Jahrhundert zwischen 5 und 7 Prozent Zinsen auf Bankeinlagen. Die Fürsten hingegen machten sich mancherorts die gute Kreditwürdigkeit der Städte zunutze. So zwang die spanische Krone Antwerpen mehrfach, ihr frisches Geld für die Kriegskasse zu besorgen – mit desaströsen Folgen. Als Philipp II. von Spanien 1576 einmal mehr bankrott war, plünderten und zerstörten seine unbezahlten Soldaten Antwerpen und machten der Finanzmetropole so ein Ende.


17. Jahrhundert: Kreditmarkt unter nationalen Grenzen und erste Notenbanken


Das 17. Jahrhundert brachte einige grundlegende Veränderungen mit sich. Der im Mittelalter europaweit organisierte Kreditmarkt wurde zunehmend nationalen Grenzen unterworfen. Einen wichtigen Beitrag leistete das Aufkommen von Staatsbanken. Nach Vorläufern wie der Rialto­-Bank in Venedig (1587) und der Amsterdamer Wechselbank (1609) folgten mit der Stockholm Banco (1656) und der Bank of England (1694) echte Notenbanken. Die niedrigsten Zinssätze für Geschäftskredite sind aus England (3 Prozent) und den Niederlanden (1,75 Prozent) bekannt.


Bank of England. Foto: Panthermedia
Die Bank of England in London, gegründet 1694: Mit dem Aufkommen von Staatsbanken im 17. Jahrhundert wurde der Kreditmarkt zunehmend nationalen Grenzen unterworfen. Foto: Panthermedia/doethion

Moderne: Zersplitterung in nationale Geldmärkte

 
Mit der Gründung von Zentralbanken professionalisierte sich auch die Haushaltsführung der nationalen Regierungen. Staatsanleihen sind ab dem 18. Jahrhundert daher am besten geeignet, einen Überblick über die Entwicklung der Zinssätze zu geben. Allerdings bringt die Zersplitterung in nationale Geldmärkte auch eine große Menge unterschiedlicher Entwicklungen mit sich. Bei den dominanten Wirtschaftsmächten England (bis 1919) und den USA (ab 1919) lässt sich eine erstaunliche Stabilität der langfristigen Zinsen feststellen. Von 1660 bis 1960 schwankte der Durchschnittszins zwischen 6 und 2 Prozent.


Heute: Zinsentwicklung unter dem Eindruck von Finanzkrisen


Erst in den letzten 50 Jahren kam es zu extremen Veränderungen. In Deutschland zum Beispiel lag der durchschnittliche Darlehenszinssatz Anfang der 1980er Jahre bei über 10 Prozent – Werte, wie sie seit dem Mittelalter nicht mehr erreicht worden waren. Die rasche Folge von Finanzkrisen (2000 und 2008) sorgt nun für etwas, das in der Kreditgeschichte bisher tatsächlich unbekannt war: Durchschnittszinsen nahe dem Nullpunkt.


Der Artikel stammt von Michael Spotka und ist in der Juni-Ausgabe von "Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt" erschienen.