Gewerbliche Genossenschaften in Bayern

Vorsprung durch Kooperation

01.12.2016

Handwerk, Einkauf, Soziales: Gewerbliche Genossenschaften gehören fest zum Alltag in Bayern - und sie sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Ihre Vielfalt macht sie stark.

Münchener Werkstätten für Sport-, Sattler- und Lederwaren
Vom Fach: Feintäschner Stefan Pohorsky von den Münchner Werkstätten für Sport-, Sattler- und Lederwaren eG.


Sie sind im Handwerk genauso zu Hause wie im Handel, im Dienstleistungssektor oder in den Bereichen Gesundheit, Soziales und Kultur: Gewerbliche Genossenschaften sind so vielfältig wie das Leben selbst – und sie sind ein bedeutender Wirtschaftsfaktor im Freistaat. Rund 220 gewerbliche Unternehmen der Rechtsform eG sind in Bayern aktiv, Tendenz steigend. Sie werden von rund 83.000 Mitgliedern gehalten.

Das Geschäft wächst: Die gewerblichen Genossenschaften im Freistaat setzten vergangenes Jahr 6,2 Milliarden Euro um und beschäftigten rund 11.100 Mitarbeiter. „Sie sind eine wichtige Säule der regionalen Wirtschaft, insbesondere im ländlichen Raum, aber zunehmend auch in den Städten“, sagt Professor Reiner Doluschitz, Leiter der Forschungsstelle für Genossenschaftswesen an der Universität Hohenheim.

Fester Bestandteil des Lebens


Gewerbliche Genossenschaften begleiten die Menschen von früh bis spät – auch wenn das nicht sofort ersichtlich ist. Das Mehl für die Frühstückssemmeln vom Bäcker zum Beispiel kommt mit ziemlicher Sicherheit von einer der drei bayerischen Einkaufsgenossenschaften für Bäcker und Konditoren Bäko. Die Wurst darauf stammt vielleicht von einer der zehn Metzgergenossenschaften. Mit dem Taxi geht es dann zum Zahnarzt – am Steuer sitzt ein Mitglied der örtlichen  Taxigenossenschaft, während der Doktor die Behandlungskosten über die ABZ Abrechnungs- und Beratungsgesellschaft für Zahnärzte eG mit der Krankenkasse abrechnet. Die Schmerztablette wurde von der Sanacorp eG Pharmazeutische Großhandlung an die Apotheke geliefert. Mittags kommt der Kaminkehrer vorbei – auch er ist Mitglied in einer Genossenschaft.

Weiter geht’s: Nach dem Einkauf im genossenschaftlichen Dorfladen steht ein Termin beim Steuerberater an. Er verwendet Software der Datev. Dann geht es zum Spielwarenladen – morgen ist Kindergeburtstag. Der Händler hält Anteile an der Vereinigung der Spielwaren- Fachgeschäfte eG. Abends gibt es zum Entspannen ein süffiges Bier von einer der zwölf bayerischen Brauereigenossenschaften.

Professionelle Dienstleister


„Gerade die Inhomogenität macht den unendlichen Charme der Gruppe aus“, sagt Bruno Weber. Der scheidende Vorsitzende des GVB-Fachausschusses Gewerbliche Genossenschaften kennt viele Argumente, warum es sich lohnt, eine gewerbliche Genossenschaft zu gründen. „Im Grunde ist es die Effizienzsteigerung durch Kooperation. Wenn es Bereiche gibt, in denen einzelne Unternehmen und  Betriebe zwar auf dem Markt konkurrieren, aber ihre Stellung durch die Zusammenarbeit verbessern können, ist die Genossenschaft meist die richtige Rechtsform“, sagt er.

Einkaufsgenossenschaften sind dafür ein klassisches Beispiel. Sie erzielen durch den gemeinsamen Einkauf Preisvorteile und geben diese an die Mitglieder weiter. Darüber hinaus gewährleisten sie die sofortige Verfügbarkeit der Betriebsmittel und liefern diese oft bis vor die Haustüre. Das ist aber längst nicht alles: Viele gewerbliche Genossenschaften haben sich zu professionellen Dienstleistungsunternehmen weiterentwickelt, die für ihre Mitglieder innovative Produkte oder Marketingkonzepte entwerfen und für Wissenstransfer sorgen. Die P.E.G. Einkaufs- und Betriebsgenossenschaft etwa hat in München eine eigene Akademie gegründet und bietet den Mitarbeitern der angeschlossenen Kliniken kostengünstige und bedarfsorientierte Fortbildungsseminare an

Die Sanacorp eG Pharmazeutische Großhandlung geht einen ähnlichen Weg. „Wir verstehen uns als echten Systemdienstleister, der Unterstützungsleistungen an seine Mitglieder weitergibt, die sie sich als Einzelunternehmer sonst nicht leisten könnten“, sagt der Vorstandsvorsitzende Herbert Lang. Die Genossenschaft existiert seit über 90 Jahren. Auch das ist ein Beleg für ihren Erfolg, mit dem sie allerdings nicht alleine ist. Eine ganze Reihe gewerblicher Genossenschaften hat ihr 100. Jubiläum hinter sich, etwa die 1902 gegründeten Münchener Werkstätten für Sport-, Sattler- und Lederwaren e.G. oder die Bayerische Schneidereigenossenschaft Orag, die es seit 110 Jahren gibt. Sie gehört zu den vielen Kleinoden gewerblicher Genossenschaften in Bayern, die kaum einer kennt, die am Markt aber trotzdem eine
wichtige Rolle spielen.

Ein neues Gemeinschaftsgefühl


Zu den gewerblichen Genossenschaften mit langer Tradition gesellen sich mittlerweile viele Neugründungen. Die Novelle des Genossenschaftsgesetzes im Jahr 2006 löste einen regelrechten Gründungsboom aus. „Neben der Vereinfachung des Gründungsprozederes war die Ausdehnung des Förderzwecks auf den sozialen und kulturellen Bereich mitverantwortlich für den Boom“, erklärt Professor Doluschitz. Rund die Hälfte der gewerblichen Genossenschaften in Bayern wurde in den vergangenen zehn Jahren aus der Taufe gehoben.

Dazu gehören auch die „Ein Dorf wird Wirt“ Altenau eG und die Senioren- Wohnen eG aus Neukirchen beim Heiligen Blut. Ohne deren Einsatz würde es heute weder den Dorfwirt noch die Senioren-WG geben. In beiden Fällen hat das Engagement der Genossenschaft auch bei den Bürgern etwas verändert. „Durch das Wirtshaus ist ein ganz neues Zusammengehörigkeitsgefühl im Dorf entstanden“, sagt Robert Soukup, Aufsichtsrat der Altenauer eG. Und Johann Sperl, Vorstand der Senioren-Wohnen eG, sagt: „Die Bürger Neukirchens sind stolz, dass sie selbst etwas geschaffen haben. Nicht der Staat oder ein Investor haben die Wohngemeinschaft ermöglicht, sondern sie selbst in einer Gemeinschaftsaktion.“


Der Artikel ist in der Dezember-Ausgabe von „Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt“ erschienen.