Heimfahrt mit der Plätte

16.10.2020

Mit dem Almabtrieb von der Fischunkelalm am Königssee endet die Almsaison für die Molkereigenossenschaft Berchtesgadener Land

Um 5 Uhr morgens liegt die Fischunkelalm am Königssee noch in tiefer Dunkelheit. Im Südwesten hebt sich die Silhouette der 2.300 Meter hohen Teufelshörner vom sternklaren Himmel ab. Das Sternbild Orion ist deutlich über den nachtschwarzen Felswänden zu erkennen.


Die Fischunkelalm liegt auf 618 Meter über NN im Nationalpark Berchtesgaden und ist über die Königsseeschifffahrt erreichbar.


Nur im Stall der Alm brennt schon Licht. Für Senner Sebastian Willibald (Wastl, 20 Jahre aus Wackersberg), Sennerin Franziska Riedel (Franzi, 23 Jahre aus Altenmarkt) und Almbauer Hans Leitner – Mitglied der Molkereigenossenschaft Berchtesgadener Land – ist dieser Samstag, der 10. Oktober, ein ganz besonderer Tag. Heute werden die Kühe abgetrieben. Elf Pinzgauer Kühe, drei Kalbinnen und drei Kälber haben seit dem 23. Mai den ganzen Sommer auf den Bergweiden rund um die Fischunkelalm verbracht. Das vierte Kalb „Knöpferl“ kam am 1. August auf der Alm zur Welt.

Doch Mitte Oktober ist nach 20 Wochen Schluss. Bald wird der erste Schnee fallen. Höchste Zeit also, den Weg zurück in den heimatlichen Stall anzutreten. Der gehört zum Grafllehen oberhalb von Berchtesgaden auf gut 800 Meter über Meereshöhe. Die Alm selbst liegt auf 618 Meter über Meereshöhe. Genau genommen ist der Almabtrieb in diesem Fall also ein „Auftrieb“. Das Grafllehen wird von der Familie Leitner bewirtschaftet und befindet sich schon seit über 500 Jahren im Familienbesitz. Ungefähr genauso lang gehört die Fischunkelalm zum Grafllehen. Sie wurde 1486 erstmals urkundlich erwähnt.

Hans Leitner ist heuer einer der letzten Bauern im Berchtesgadener Land, der seine Tiere von der Alm abtreibt. Im Sommer verarbeiten die Senner die Milch seiner Kühe zu Butter und Käse, im Winter liefert Leitner die Milch an die Molkerei Berchtesgadener Land. Er ist zufrieden mit der Genossenschaft. „Die Molkerei ist nicht weit weg, und einen guten Milchpreis haben wir auch.“

Die Milch ist die Grundlage, ohne die sich die Fischunkelalm und der Bergbauern-Hof nicht wirtschaftlich betreiben ließen. Deshalb hat Hans Leitner 2018 in einen modernen Laufstall mit Freilauf investiert, damit die Kühe wohlbehalten durch den Winter kommen.

Auf der Fischunkelalm werden die Kühe ein letztes Mal gemolken, dann hängen Bauer Hans Leitner sowie die Senner Franzi und Wastl den kräftigen Tieren schwere Bronzeglocken um. Sechs Treiberinnen und Treiber sind am Vortag auf die Hütte gekommen, um die Tiere auf dem Weg nach Hause zu begleiten. Denn der Weg ist beschwerlich und gerade am Anfang auch gefährlich. Vom Kaser geht es entlang des Obersees über einen steilen Felspfad in Richtung Saletalm. Dort werden die Tiere auf eine Plätte – also eine Art Fähre – verladen und über den Königssee gefahren. An der Seelände heißt es aussteigen. Dann führt der Weg über den großen Königssee-Parkplatz und die Bundesstraße 20, ehe es im Berchtesgadener Ortsteil Mitterbach rechts ab und steil den Berg hinauf in Richtung Grafllehen geht.

Um 8 Uhr betet Hans Leitner zusammen mit Treibern und Sennern ein „Vater unser“ als Dank für den unfallfreien Almsommer, dann geht es los. Leitkuh „Fleckerl“ macht den Anfang. Ein Tier nach dem anderen stürmt aus dem Stall, die Treiber haben alle Mühe, die Herde auf dem Weg zu halten. Ein letztes Mal dürfen sie am Obersee saufen, dann geht es den steilen Felspfad hinauf – die feuchten Steine sind glatt und rutschig. „Die Tiere finden ihren Weg, sie wissen genau, was sie tun“, beruhigt Michael Kriner die anderen Treiber. So ist es auch, alles geht gut.

Eine Stunde später stehen die Tiere bereits auf der Plätte, die sie über den Königssee bringen wird. Es ist kalt und neblig, die Treiber ziehen Jacken an. „Abfahrt“, sagt Hans Leitner. Er selbst fährt mit seinem Motorboot vor, um an der Seelände bei Schönau alles vorzubereiten für das „Aufkranzen“ der Tiere. Dort erhalten die Kühe ihre „Fuikl“, einen prunkvollen Kopfschmuck aus Kränzen und Blumen, von den Sennern und den Familienmitgliedern von Hans Leitner in mühevoller, tagelanger Handarbeit aus gefärbten Holzspänen gefertigt.

Sobald alle Tiere aufgekranzt sind, treten sie im Eilmarsch den letzten Teil der Reise an. Gesäumt von Touristen und Einheimischen, die den bunt geschmückten Zug bewundern, geht es ein letztes Mal den Berg hinauf.

Am Grafllehen angekommen, werden die Tiere abgekranzt und auf die heimatliche Wiese zum Fressen entlassen. Anschließend gibt es für die Treiber in der guten Stube noch Schweinsbraten mit Knödel und anschließend Kaffee und Kuchen als Dank für ihre Hilfe. Hans Leitner ist zufrieden. „Das Wetter hat gehalten und die Tiere sind gut heimgekommen, das ist das Wichtigste.“ Das mit dem Wetter hätte allerdings auch anders ausgehen können. Die Treiber haben es sich gerade in der Stube gemütlich gemacht, da fängt es draußen an zu schütten. Aber so ist das eben. Das Glück ist mit den Tüchtigen.

Eine ausführlichere Reportage finden Sie in der kommenden Ausgabe von „Profil – das bayerische Genossenschaftsblatt“