HWK zur Wohnimmobilienkreditrichtlinie

Schlagbauer sieht Stolperstein für bayerisches Handwerk

03.05.2016

Die Ende März in Kraft getretene europäische Wohnimmobilienkreditrichtlinie zwingt Banken zu einer deutlich restriktiveren Kreditvergabe. Georg Schlagbauer, Präsident des Bayerischen Handwerkskammertags, warnt in einem Gastbeitrag vor negativen Konsequenzen für das Baugewerbe.

Georg Schlagbauer, Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern (2. v. re.), in einem Handwerksbetrieb.Georg Schlagbauer (2. v. re., beim Besuch eines Modellbaubetriebs): Die Wohnimmobilienkreditrichtlinie hätte „gravie­rende Auswirkungen für die Bau- ­und Ausbau­branche“. Foto: Handwerkskammer für München und Oberbayern



Die Umsetzung der EU­-Wohnimmobilienkre­ditrichtlinie in deutsches Recht erfolgte unter anderem mit dem Ziel, Verbraucher vor Über­schuldung zu schützen. So weit, so gut. Da aber ab sofort das Einkommen und das frei verfügbare Vermögen bei der Kreditwürdig­keitsprüfung eine noch größere Rolle spielen, die zu finanzierende Immobilie aber gleich­zeitig als Sicherheit an Wert einbüßt, gibt es gleichzeitig auch viele Verlierer: Senioren bei­spielsweise, die zwar eine Wohnung besitzen, aber nur eine kleine Rente beziehen, werden sich den altersgerechten Umbau ihrer eige­nen vier Wände wohl nicht mehr leisten kön­nen. Auch potenzielle Häuslebauer, die aber wegen ihres jungen Alters weder über ein üppiges Gehalt verfügen noch ein großes Ver­mögen ansparen konnten, drohen leer auszu­gehen. Das kann nicht im Sinne des Erfinders, beziehungsweise des Gesetzgebers sein.

Auch das bayerische Handwerk wäre betrof­fen: Wenn Investitionen ins eigene Heim künf­tig deutlich zurückgehen, hätte dies gravie­rende Auswirkungen für die Bau- ­und Ausbau­branche. Alleine in Bayern gibt es über 96.600 Betriebe des Bau- ­und Ausbaugewer­bes, das sind 48 Prozent aller Handwerksbe­triebe. Dort sind über 361.000 Personen be­schäftigt, 40 Prozent aller Beschäftigten des bayerischen Handwerks. Hinzu kommen mehr als 26.300 Lehrlinge, die in bayerischen Bau­und Ausbaubetrieben ausgebildet werden. Hierbei handelt es sich um 37 Prozent aller Auszubildenden. Es ist höchst zweifelhaft, dass Arbeitsplätze und Lehrstellen in vollem Umfang erhalten bleiben, wenn weniger gebaut und renoviert wird. Ganz abgesehen davon, dass zum Beispiel im Ballungsraum München schon heute ein Mangel an Wohn­raum herrscht. Anstatt den Wohnraum künst­lich zu verknappen, sollte die Politik ihn lieber fördern. Außerdem sind die eigenen vier Wände ein wichtiger Bestandteil der Alters­vorsorge. Damit diese ihren Wert behalten, sind Modernisierungen unverzichtbar.

Zum Stolperstein könnte die Wohnimmobi­lienkreditrichtlinie auch für die energetische Gebäudesanierung werden. Immer mehr deutsche Immobilien brauchen kurz­oder zu­mindest mittelfristig eine gedämmte Fassade, ein neues Dach oder eine bessere Heizungs­anlage – auch, um die Klimaziele der Bundes­regierung zu erfüllen. Zwar gibt es verschie­dene Förderprogramme, doch eine Komplett­sanierung ist ohne weitere Kredite der Ban­ken nicht zu stemmen. Wenn dafür die zu sanierende Immobilie nicht als Sicherheit herangezogen werden kann, droht die Energie­wende auf halber Strecke stehen zu bleiben.


Von Georg Schlagbauer, Präsident der Handwerkskammer (HWK) für München und Oberbayern und des Bayerischen Handwerkstags (HWT). Zum Thema Wohnimmobilienkreditrichtlinie äußerte er sich kürzlich auch in einer Pressekonferenz der HWK.