Interview Gerhard Walther

Antworten auf brennende Fragen

27.06.2016

Wie die genossenschaftlichen Werte zum Erfolg von Genossenschaftsbanken beitragen, hat Gerhard Walther, Vorstandssprecher der VR-Bank Mittelfranken-West, in seiner Dissertation untersucht.

Die genossenschaftlichen Prinzipien sind ein Pfund, mit dem die bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken wuchern können, sagt Gerhard Walther. In seiner Dissertation hat der Vorstandssprecher der VR-Bank Mittelfranken West untersucht, wie sich genossenschaftliche Managementprinzipien auf den Erfolg von Genossenschaftsbanken auswirken. „Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt“ sprach mit ihm über seine Erkenntnisse und welche Handlungsempfehlungen er daraus ableitet.

Profil: Herr Walther, Sie beginnen das Vorwort Ihrer Dissertation mit den Worten „Genossenschaftsbanken sind anders“. Inwiefern sind sie „anders“?

Gerhard Walther: Anders sind Genossenschaftsbanken einerseits vor dem Hintergrund ihres Entstehens. Während die Entstehung anderer Bankengruppen von „oben“ initiiert wurde – also durch kommunale Verantwortungsträger wie im öffentlich-rechtlichen Sektor oder durch Kapitalallokation wie im Privatbankensektor –, sind Genossenschaften eine Art Bewegung, wo sich eine Gruppe von Menschen von „unten“ mit einem gemeinsamen Anliegen zusammengeschlossen hat. Dieses gemeinsame Anliegen war zur Gründerzeit vorrangig der dringend benötigte, faire Zugang zu Kredit- und Rohstoffmärkten. Dieser Unterschied bedingte von Anfang an das Zusammenstehen der Gruppe und die Führung des Genossenschaftsunternehmens auf Basis von Prinzipien, die ein Erreichen der gemeinsamen Ziele sicherstellen sollten. Diese Genossenschaftsprinzipien und wie sie gelebt werden, machen den Unterschied von Genossenschaftsbanken gegenüber den anderen Bankengruppen aus. Damit sind Genossenschaftsbanken Unternehmen für die Menschen, die das Ziel haben, wirtschaftlichen Nutzen zu schaffen, den die Menschen ohne Zusammenarbeit mit der Genossenschaftsbank so nicht hätten. Genossenschaftsbanken haben daher keinen Selbstzweck.

Profil: Welche genossenschaftlichen Werte sind für die Genossenschaftsbanken essenziell?

Walther: Entscheidend ist das in § 1 GenG dokumentierte zeitlose Verständnis, dass die Genossenschaftsbanken ihre Mitglieder zu fördern haben. Das bedeutet, dass bei allen geschäftlichen Aktivitäten einer Genossenschaftsbank immer der wirtschaftliche Nutzen der Mitglieder im Vordergrund stehen muss. Das gilt in der Leistungsbeziehung zwischen Bank und Mitglied, also wenn es um Beratungsqualität, Produkte oder sonstige Leistungen geht. Und es gilt natürlich auch im Bereich der Mitgliederpartizipation sowie bei der genossenschaftlichen Willensbildung, die von einem demokratischen Willensbildungsprozess unter starker Einbindung der Mitglieder geprägt sein soll. Die „klassischen“ Solidaritätsprinzipien Selbsthilfe, Selbstverantwortung, Selbstverwaltung und Regionalität können als Leitplanken der Genossenschaft verstanden werden, um die Mitgliederförderung im internen Geschäftsbetrieb abzusichern. Dazu zählen Bereiche wie Konzentration der geschäftlichen Aktivitäten auf die Realwirtschaft, Selbstbeschränkung über Limit-Systeme und Kapitalausstattung, Erzeugen von genossenschaftlicher Identität bei den Führungskräften und Mitarbeitern sowie Engagement in der Region.

Profil: Welchen Stellenwert sollten Kreditgenossenschaften den genossenschaftlichen Werten einräumen?

Walther: Nachdem es sich – und das arbeite ich in meiner Dissertation deutlich heraus – um Werte handelt, die maßgeblich für die erfolgreiche Institutionalisierung von Genossenschaftsbanken stehen, sind sie als zeitloser Überbau zu verstehen. Das heißt, dass Genossenschaftsbanken von heute sich die Frage stellen müssen, wie Mitglieder im 21. Jahrhundert gefördert werden können. Dazu sind die großen Entwicklungen wie etwa die Globalisierung, die Demografie oder der Wertewandel und die aus diesen Trends resultierenden neuen Bedürfnisse für die Menschen zu analysieren. Auf dieser Basis können Genossenschaftsbanken dann Maßnahmen identifizieren, die sie -  abgeleitet aus den genossenschaftlichen Werten und Prinzipien – umsetzen, um die Menschen von heute zu erreichen. Übrigens sind die Gründer genau nach dieser Methode vorgegangen. Meines Erachtens geht es für heutige Genossenschaftsbanken darum, die genossenschaftlichen Werte für die Zeit, in der wir leben, neu zu interpretieren und daraus die richtigen Schlüsse für die operative Geschäftspolitik zu ziehen. Deshalb ist der Stellenwert der genossenschaftlichen Werte heute so bedeutend wie vor 160 Jahren. Entscheidend ist, wie wir sie in unseren Banken umsetzen.

Profil: Was heißt das konkret?

Walther: Ich mache das beispielhaft an den Folgen der demografischen Entwicklung deutlich. Unsere Gesellschaft wird immer älter. Derzeit leben wir von der sogenannten Demographie-Dividende, weil die Generation der Babyboomer noch voll im Berufsleben steht. Das wird sich in etwa zehn Jahren gravierend ändern. Die Folgen sind heute schon absehbar: Die staatlichen Alterssicherungssysteme werden nicht mehr ausreichen. Durch das aktuelle Nullzinsniveau wird der Aufbau einer Zukunftsvorsorge sogar noch erheblich erschwert. Dazu kommt, dass die Bevölkerungsentwicklung zu einer strukturellen Veränderung der Regionen führen wird. Während Metropolen und Ballungsräume weiter wachsen, wird die Bevölkerung im ländlichen Raum abnehmen. Dies führt zu neuen Fragen hinsichtlich der Aufrechterhaltung infrastruktureller Einrichtungen in ländlichen Regionen. Für Genossenschaftsbanken bedeutet dies, dass einerseits Beratungskonzepte mit entsprechenden Produktbündeln für eine auskömmliche finanzielle Zukunftsvorsorge entwickelt werden müssen. Andererseits gilt es, zu überlegen, in welchem Rahmen Genossenschaftsbanken innovative Konzepte wie zum Beispiel Seniorengenossenschaften oder Mehrgenerationenprojekte unterstützen oder initiieren können.

Profil: Wie stark werden die genossenschaftlichen Prinzipien heute tatsächlich gelebt?

Walther: Hierzu habe ich eine empirische Umfrage gestartet, an der sich bundesweit 95 Genossenschaftsbanken beteiligt haben. Es ergibt sich ein ambivalentes Bild. Mitgliederförderung und Mitgliederpartizipation sind nur sehr gering ausgeprägt. Die Solidaritätsprinzipien hingegen erfahren eine starke Ausprägung. Dieses Umfrageergebnis zeigt, dass sich Genossenschaften offensichtlich damit schwer tun, genossenschaftliche Werte als Alleinstellungsmerkmal erkennbar zu machen. Bei systemimmanenten Werten wie den Solidaritätsprinzipien, wo es lediglich um die Umsetzungsintensität geht und weniger darum, ein Prinzip zeitgemäß zu interpretieren, funktioniert die Realisierung wesentlich besser.

Profil: Inwiefern wirken sich die genossenschaftlichen Managementprinzipien positiv auf den ökonomischen Erfolg von Kreditgenossenschaften aus?

Walther: Die Studie hat ergeben, dass ein quantitativer Zusammenhang besteht. So werden zum Beispiel 43 Prozent des Betriebsergebnisses durch die genossenschaftlichen Managementprinzipien erklärt. Das bedeutet, dass neben anderen branchenspezifischen und allgemeinen Erfolgsfaktoren die genossenschaftlichen Prinzipien fast die Hälfte des Betriebsergebnisses „ausmachen“. Für Genossenschaftsbanken lässt sich daraus die Erkenntnis ableiten, dass eine intensive Umsetzung unserer Prinzipien sich positiv auf den ökonomischen Erfolg unserer Bankengruppe auswirkt.

Profil: Sind alle genossenschaftlichen Werte gleichwichtig für den Erfolg von Genossenschaftsbanken?

Walther: Es hat sich gezeigt, dass die aktive Mitgliederförderung und die Mitgliederpartizipation nur wenig Einfluss auf den ökonomischen Erfolg haben, weil sie faktisch kaum stattfinden. Die Haupttreiber sind auch hier die Solidaritätsprinzipien, und zwar insbesondere Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung. Dass gerade die aktive Mitgliederförderung kaum Wirkung auf den ökonomischen Erfolg entfaltet, liegt daran, dass sie in der Lebenswirklichkeit unserer Bankengruppe zu wenig eingesetzt wird. Hier sehe ich deutliche Ausbaumöglichkeiten.

Profil: Welche Schlüsse und Handlungsempfehlungen leiten Sie aus Ihren Erkenntnissen für Kreditgenossenschaften ab?

Walther: Für Genossenschaftsbanken geht es darum, ihre Aktivitäten anhand der Bedürfnisse der Menschen von heute neu zu justieren. Wir müssen der Bevölkerung Dienstleistungen anbieten, die genossenschaftliche Antworten auf die brennenden Fragen der Menschen wie etwa die Zukunftsvorsorge geben. Das bedingt die unbedingte Konzentration unserer Aktivitäten auf Mitglieder, Kunden und Realwirtschaft. Gleichzeitig haben wir Genossenschaftsbanken den Mitgliedernutzen in Form von hervorragender Qualität auf allen Ebenen unserer Leistungserstellung zu untermauern. Schließlich wird es in der Zukunft noch wichtiger, bei Führungskräften und Mitarbeitern die Bedeutung genossenschaftlicher Werte zu verankern, um zu verhindern, dass unsere Werte nur im Schaufenster stehen, aber intern nicht mit der nötigen Umsetzungskonsequenz gelebt werden. Ich meine, dass dies ein Beitrag dazu sein kann, dass wir uns einerseits wahrnehmbar vom Wettbewerb abheben können und andererseits sowohl den wirtschaftlichen Nutzen unserer Mitglieder steigern als auch den ökonomischen Erfolg unserer Genossenschaftsbanken verbessern können.

Profil: Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Was hat Sie motiviert, zusätzlich zu Ihrer Arbeitsbelastung als Bankvorstand eine so umfangreiche Dissertation zu stemmen?

Walther: Wie ich das geschafft habe, frage ich mich manchmal selbst. Aber nein, ganz im Ernst: Ich war von Anfang an motiviert, dieses Projekt anzugehen, weil ich von der Bedeutung der genossenschaftlichen Werte für unsere Bankengruppe überzeugt bin. Deshalb wollte ich herausfinden, wie es aktuell in den Genossenschaftsbanken aussieht, um die richtigen Schlüsse zu ziehen. Mit dem vorliegenden Ergebnis kann jetzt die Diskussion beginnen. Ich selbst bin mit dem Ergebnis insoweit zufrieden, als es zeigt, dass wir mit den genossenschaftlichen Prinzipien ein Pfund haben, mit dem wir wuchern können. Gleichzeitig wird bestätigt, dass Werte kein Selbstläufer sind, sondern aktiv gepflegt werden müssen. Das wird die Aufgabe von uns Vorständen sein. Abschließend möchte ich erwähnen, dass ein solches wissenschaftliches Projekt, das sich über mehrere Jahre erstreckt, nur in einem fördernden Umfeld möglich ist. Hier möchte ich die Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut für Genossenschaftswesen an der Universität Erlangen-Nürnberg nennen, namentlich meinen Doktorvater Prof. Kai-Ingo Voigt und den Zweitgutachter Prof. Dr. Richard Reichel.


Eine Kurzfassung des Interviews ist in der Juli-Ausgabe von "Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt" erschienen.

Gerhard Walther, „Genossenschaftliche Managementprinzipien als rechtsformspezifische Erfolgsfaktoren für Genossenschaftsbanken – eine empirische Analyse“, vorgelegt am Forschungsinstitut für Genossenschaftswesen an der Universität Erlangen-Nürnberg, 2016. Auf deren Webseite kann die Dissertation bezogen werden.