Jahrelange Niedrigzinsphase in Japan

Wie sich Nippons Banken angepasst haben

16.06.2015

Europa lernt gerade, sich mit dauerhaften Minizinsen zu arrangieren. In Japan ist das seit mehr als einem Jahrzehnt Normalität. Wie die dortigen Banken mit dieser Herausforderung umgegangen sind, erklärt der Japan-Experte Professor Franz Waldenberger.

Tokyo bein Nacht. Foto: Bernd Lamprecht / pixelio.deJapans Hauptstadt Tokyo bei Nacht: Die Banken im Land kämpfen schon mehr als ein Jahrzehnt mit Minizinsen. Foto: Bernd Lamprecht / Pixelio.de



Profil: Herr Professor Waldenberger, seit Ende der 1990er­Jahre bewegen sich die Zinsen in Japan auf einem extrem niedrigen Niveau. Welche Folgen hatte dies für japanische Banken?


Franz Waldenberger: Wichtiger als das Zinsniveau ist ja eigentlich die Zinsmarge. Die Differenz zwischen kurzfristigen Ausleih­ und Einlagenzinsen bewegte sich bis Anfang der 90er­Jahre zwischen drei und sechs Prozentpunkten, war aber schon Mitte der 90er­Jahre auf 1,5 Prozentpunkte abgeschmolzen und liegt seither noch darunter. Hier sieht man deutlich, wie schnell und drastisch sich das Zinsumfeld verschlechtert hat. Ein Zustand, der seit 20 Jahren anhält.

Profil: Wie kam es zu dieser drastischen Entwicklung?


Waldenberger:
Der Sektor durchlebte damals seine größte Krise seit Ende der 1920er­Jahre. Die Niedrigzinsen waren ein Symptom, ja eigentlich sogar ein Faktor zur Stabilisierung des Systems. Das Platzen der Immobilien­ und Aktienmarktblase Anfang der 90er­Jahre führte im Bankensektor unmittelbar zu hohen Vermögenswertverlusten. Hinzu kam eine gefährliche Anhäufung uneinholbarer, sogenannter „fauler“ Kreditforderungen. Der Ausbruch der Währungs­ und Finanzkrise in Südostasien 1997/1998 verschärfte die Lage zusätzlich. Auf regulatorischer Seite sorgten Ende der 90er-­Jahre die Einführung der Baseler Eigenkapitalanforderungen und die „Big Bang“­Reformen zur umfassenden Deregulierung für zusätzlichen Anpassungsdruck. Eine strengere Aufsicht sowie transparentere und marktorientierte Rechnungslegungsvorschriften bedingten schließlich, dass das Ausmaß der Krise nicht mehr länger vertuscht werden konnte und sich einzelne Banken auch nicht mehr hinter dem „System“ verstecken konnten, sondern als Einzelinstitute am Kapitalmarkt bewertet wurden.

Profil: Wie haben die Banken auf diese Herausforderung reagiert?

Waldenberger:
Die naheliegende Anpassung, nämlich die Ausweitung des Kreditgeschäfts, war angesichts des wirtschaftlichen Umfelds nicht möglich. Also setzte man auf Fusionen. Gab es 1995 noch elf Großbanken, so sind es heute nur noch vier. Die Zahl der Regionalbanken erster Kategorie blieb konstant (64), während die Zahl der Regionalbanken zweiter Kategorie und die der Shinkin­ und Genossenschaftsbanken um fast 50 Prozent zurückging.

Profil: Einige Großbanken zogen sich aus dem internationalen Geschäft zurück, um den hier vorgegebenen höheren Eigenkapitalvorschriften zu entgehen.
 
Franz WaldenbergerWaldenberger: Die Großbanken waren um eine Diversifizierung des Geschäftsfelds bemüht. Japanische Banken waren hier traditionell durch strenge Trennbankauflagen behindert. Die neue Möglichkeit, verschiedene Finanzdienstleistungen unter dem Dach einer Holding zu organisieren, hob diese Beschränkung weitgehend auf. Bemühungen um eine Reduktion der Abhängigkeit vom Zinsgeschäft durch Ausweitung von Gebühren­ und Kommissionseinnahmen gelang den Großbanken besser als den kleineren Instituten. Sie konnten den Anteil der Zins­ an den Gesamteinnahmen von 67 Prozent im Geschäftsjahr 2001 auf 56 Prozent im Geschäftsjahr 2013 senken.

Franz Waldenberger

Profil: Gibt es Banken, denen die Anpassung an das Niedrigzinsumfeld besonders gut gelungen ist?

Waldenberger: Den meisten Banken, die überlebt haben, ist es ja irgendwie gelungen, sich an das lang andauernde Niedrigzinsumfeld anzupassen. Es gibt zwischen den Instituten Unterschiede in der Eigenkapitalausstattung und der Eigenkapitalrendite. Sie reflektieren zum Teil eine bessere oder konsequentere Neuausrichtung auf lukrativere Branchen und Kundengruppen. Teilweise sind die Unterschiede aber auch Ergebnis „glücklicherer“ Ausgangs­ beziehungsweise Umfeldbedingungen.

Profil: Andererseits haben zahlreiche Banken die Niedrigzinsphase nicht überlebt. Warum?

Waldenberger: Das ist die Kehrseite zum Erfolg. Eine schlechte Ausgangslage, aber auch ein zu langes Festhalten an „schlechten“ Kunden – bedingt durch falsch verstandene Loyalität oder politischen Druck – haben viele Banken in den Konkurs getrieben. Untersuchungen zeigen, dass gesunde Unternehmen sich rascher aus der Abhängigkeit von Banken befreien konnten. Zurückgeblieben sind die schlechteren Kreditnehmer, also eine Art negative Risikoselektion. Nicht selten wurden die Ursachen für das Scheitern in der noch gesunden Phase gelegt, wo man es versäumte, aus niedergehenden Branchen auszusteigen und die Kundenbasis zu diversifizieren.

Profil: Ist der japanische Bankensektor trotz aller Umbrüche mittlerweile wieder solide aufgestellt?

Waldenberger: In ihren halbjährlichen Berichten zur Stabilität des Finanzsystems attestiert die Bank of Japan dem Sektor trotz sehr niedriger Risikomargen und einer insgesamt geringen Profitabilität eine robuste Konstitution. Sie geht davon aus, dass Finanzintermediatoren auch einer signifikanten Verschlechterung der gesamtwirtschaftlichen Lage und einem deutlichen Anstieg der Zinsen standhalten können. Als Beleg verweist man auf die gesunde Kapitalausstattung und die Liquiditätsreserven.


Weitere Informationen

Webseite von Professor Franz Waldenberger