Joseph Völk

Ein vergessener Pionier

28.04.2016

Joseph Völk ist ein Pionier des Genossenschaftswesens. Doch er steht im Schatten von großen Namen wie Schulze-Delitzsch oder Raiffeisen - obwohl er in den 1860er Jahren das bayerische Genossenschaftsgesetz auf den Weg brachte.

Artikel aus der April-Ausgabe 2016 von Profil - das bayerische GenossenschaftsblattJoseph Völk (* 9. Mai 1819 in Mittelstetten,† 22. Januar 1882 in Augsburg) war Jurist. Er lebte in Friedberg und Augsburg. Im Bayerischen Landtag vertrat er von 1855 bis 1882 liberale Interessen. Von 1871 bis 1881 gehörte Völk außerdem dem Deutschen Reichstag an.


Die Historie deutscher Genossen­schaften wird von den Namen Her­mann Schulze­-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen dominiert. Das kann zur These verleiten, die deutsche Genossenschaftsgeschichte habe ihren Ausgang ausschließlich im Norden Deutschlands genommen. Doch dem ist nicht so: Bay­ern brachte genauso seine Genossen­schaftspioniere hervor, auch wenn sie es vom Bekanntheitsgrad her nicht mit Raiffeisen oder Schulze­Delitzsch auf­nehmen können.

Einer dieser bayerischen Genossen­schaftspioniere war der Politiker Joseph Völk aus Schwaben, von 1855 bis 1882 Abgeordneter des Bayerischen Land­tags. Ihm hat Bayern sein Genossen­schaftsgesetz von 1869 zu verdanken.

Das bayerische Genossenschaftsgesetz: Ein langer Weg bis zur Umsetzung


In den Jahren 1861/62 reiften die ersten Ideen zu einem bayerischen Genossen­schaftsgesetz heran, die 1863 im Landtag aufgegriffen wurden – fast gleichzeitig mit den Initiativen von Schulze-­De­litzsch in Preußen. Innerhalb von kürzes­ter Zeit waren damals in Bayern mit Billigung der Regierung unter König Max II. gesetzgeberische Reformen an­gestoßen worden, auf die man seit dem Erlass der Verfassung von 1818, beson­ders aber seit der Revolution von 1848 vergeblich gewartet hatte.

Doch bis zur Verabschiedung des baye­rischen Genossenschaftsgesetzes gingen noch einige schwierige Jahre ins Land. Es wurde erst unter einem König erlas­sen, dem man noch heute vieles nach­sagt, nur nicht fortschrittliche Gesetze: Ludwig II. Dabei ist das Gegenteil rich­tig: Unter dem so genannten Märchen­könig wurden alle Reformen, die im Re­volutionsjahr 1848 angestoßen worden waren, vollendet. Das lag freilich nicht an der liberalen Gesinnung des Königs, sondern am Sieg der liberalen Beamten­schaft, die in Bayern das Ruder in die Hand genommen hatte und von der Op­positionsbank des Landtags auf die Re­gierungsbank gewechselt war.

Allerdings war mit dem Wechsel bei dem einen oder anderen auch eine deut­liche Mäßigung der politischen Ansich­ten verbunden. Ein Beispiel dafür ist der Würzburger Juraprofessor Ludwig Rit­ter von Weis, unter Max II. unerbittlicher Führer der Landtagsopposition. 1862 wurde er zum Ministerialrat im Justiz­ministerium ernannt – und vergaß viele seiner früheren Positionen.

Völks Entwurf setzt sich durch


Jener Ritter von Weis verfasste auch den Regierungsentwurf des bayerischen Genossenschaftsgesetzes von 1867. Aller­dings war dieser zu sehr am Vereinsge­setz orientiert und wurde deshalb auf Anregung des Abgeordneten Völk durch einen am preußischen Genossenschaftsgesetz orientierten Text ersetzt.

Dass die Regierung den Vorschlag von Völk letztlich als den besseren ansah, hängt mit einem weiteren Beamten zu­sammen: Johann Freiherr von Lutz. Er war von 1867 bis 1871 bayerischer Justiz­minister sowie von 1869 bis 1890 bayeri­scher Kultusminister und besaß das Ver­trauen Ludwigs II. Unter ihm wurden in kürzester Zeit mit die bedeutendsten Reformgesetze des Jahrhunderts erlas­sen, darunter die Gewerbeordnung 1868, das Heimatgesetz 1868, die Gemeinde­ordnung 1869, die Zivilprozessordnung 1869 und nicht zuletzt das Genossen­schaftsgesetz vom 29. April 1869.

Bemerkt sei in diesem Zusammen­hang, dass das Genossenschaftsgesetz ei­nes der wenigen bayerischen Gesetze war, das direkt auf Vorschlag der Abge­ordnetenkammer beziehungsweise von Völk zustande gekommen war, während die sonstigen Gesetze – wie heute – in der Regel von Ministerien stammten.

Völk integriert das Prinzip der beschränkten Haftung


Das von Völk angestoßene Gesetzeswerk kopierte keineswegs die von Schulze-­Delitzsch entworfene preußische Vor­lage, sondern wich in einem ganz ent­scheidenden Punkt davon ab: Es sah auch die Genossenschaften mit be­schränkter Haftung vor.

Nach dem preußischen Gesetz haf­teten Genossenschaftsmitglieder unbe­schränkt. Völk hingegen plädierte für eine beschränkte Haftung – nicht zuletzt deshalb, um den anfänglichen Wider­stand der Gewerbetreibenden in Bayern gegen Genossenschaftsgründungen zu überwinden. Zwar wurde das bayerische Genossenschaftsgesetz bereits 1873 durch das Gesetz des Norddeutschen Bundes über die privatrechtliche Stellung der Erwerbs- ­und Wirtschafts-Genossen­schaften ersetzt. Doch die Regelung der beschränkten Haftung aus dem bayeri­schen Gesetz wurde später in das Reichsgesetz übernommen.

Fazit: Der Entstehungsprozess des bayerischen Genossenschaftsgesetzes war im Vergleich zum Schulze-­Delitzsch-­Gesetz von 1867 in Preußen nicht minder kompliziert. Trotz seiner kurzen Geltungsdauer hat es zur Verbesserung der sozialen Verhältnisse in Bayern bei­getragen und dem von liberalen Politi­kern seit Beginn des 19. Jahrhunderts so heftig verfochtenen Gedanken frei­williger Zusammenschlüsse zum Sieg verholfen.


Der Autor Philipp Roeckl ist Prüfer beim Genossenschaftsverband Bayern. Der Artikel ist ein Auszug aus seiner Dissertation „Geschichte der Genossen­schaftsgesetzgebung im Königreich Bayern“.