Julia Häglsperger und Robert Grantner

„Jetzt mal ehrlich: Wie sicher sind unsere Daten?“

21.10.2016

Die beiden Fernsehjournalisten besuchten gemeinsam mit einem Mitglied des Augsburger Chaos Computer Clubs eine repräsentative bayerische Familie. Sie wollen sich schlau machen, wie sie mit dem Thema Datensicherheit umgeht. Hierfür werden sie mit dem Förderpreis 2016 für junge Journalisten zum Thema Digitalisierung ausgezeichnet.


Begründung der Jury


„Alle Mitglieder der Familie A. aus Schönberg im Bayerischen Wald haben ein Facebook-Profil, alle nutzen gerne den Like-Button. Auch bei Ebay kaufen sie gerne ein, generell shoppen sie viel online. Mit Freunden und Bekannten sind sie über den Chat-Dienst WhatsApp in Kontakt. Wenn sie Sport treiben, kontrollieren sie online, wie es um ihre Fitness steht. Was der Familie nicht bewusst ist: Allein durch diese eigentlich harmlosen alltäglichen Handlungen hinterlassen sie Spuren. Diese verraten viel über ihre Risikobereitschaft, Vorlieben, ja über Charaktereigenschaften. Denn die Datenmengen sammeln nicht nur Internetgiganten wie Google und Amazon, um beispielsweise passgenaue Werbung zu platzieren. Die sorglosen Nutzer machen sich durchschaubar für Dritte – auch für Personalchefs, wenn es um eine mögliche Jobsuche geht.

Die Presenter-Reportage „Wie sicher sind unsere Daten?“ ist ein schönes, handwerklich sehr gut gemachtes und verbraucherorientiertes TV-Stück. Der Reporter ist dabei selbst vor der Kamera zu sehen und betreibt quasi eine Nabelschau. Er begibt sich in der Rolle des Spurensuchers hinaus in das Alltagsleben der Familie und in die Spezialisten-Welt, zum Beispiel zu den Trackingprogrammherstellern Refined ADS.

Das macht das Format unheimlich lebendig und spannend. Die O-Töne sind authentisch, nichts ist aufgezwungen, die Autoren haben es hervorragend verstanden, die Leute einfach sprechen zu lassen. Die Tipps, wie sich jeder einzelne Nutzer vor der Daten-Sammelwut von Unternehmen schützen kann, sind wertvoll – sowohl für die jungen Zuschauer als auch für die Elterngeneration, die hier ganz offensichtlich einen ernst zu nehmenden Erziehungsauftrag hat. Zum Beispiel, wenn herausgearbeitet wird, dass ein auf Facebook gepostetes Fotos des Sohns mit einem vollen Weißbierglas in der Hand ihn um jede Jobchance bringen könnte.

Die Dimension des Ausschlachtens der Spuren, die ein Verbraucher online hinterlässt, wird in seiner ganzen Relevanz aufgezeigt: Für Versicherer ist es interessant, wenn es Hinweise auf die  Risikobereitschaft eines Kunden gibt. Für Versicherte kann das sogar kostenrelevant sein. Ebenso können Spuren im Internet Aufschluss über die Kreditwürdigkeit eines Verbrauchers geben. Diese Informationen sind für viele Branchen von unschätzbarem Wert. Alle Expertenaussagen eint die dringende Warnung: Die eigene Identität sollte nicht leichtsinnig preisgegeben werden.

Herausragend ist der nachdenklich stimmende Schluss der Reportage: Den Zuschauer ergreift das Gefühl der Resignation, wenn die Familienmitglieder zugeben, dass sie an ihrem unbefangenen Surfverhalten auch künftig nichts ändern werden. Das ist ebenso traurig wie symptomatisch. Es erschreckt und alarmiert. Gerade dieses Ende macht den hohen Aufklärungswert dieses Stücks und damit seine Preiswürdigkeit aus.“



Fragen an die Preisträger


Julia Hägelsperger und Robert GrantnerWie sind Sie auf die Idee für den Beitrag gekommen?

Häglsperger und Grantner: Die Idee entstand im Rahmen der interaktiven Webdoku-Reihe „Do not track“ vom Bayerischen Rundfunk und arte. Zusammen mit der Redaktion wollten wir das Thema rausholen aus der reinen „Nerd-Ecke“ und runterbrechen auf unsere Zuschauer. Das heißt, auf ganz normale Internetnutzer, die sich bisher wenig mit Datensicherheit und Tracking beschäftigt haben. Wir wollten ein Bewusstsein schaffen für die Brisanz des Themas. Denn auch wenn in den Nachrichten immer wieder die Rede davon ist, dass beispielsweise der Bundestag oder Banken gehackt wurden, fühlen sich trotzdem die wenigsten persönlich betroffen und denken: „Warum soll ausgerechnet ich Opfer eines Hacker-Angriffs werden?“. Dabei sind unsere Daten von großem Interesse, zum Beispiel für Firmen, die uns gezielt Werbung schicken. Das klingt zunächst ungefährlich, aber wir wollen in unserem Film verdeutlichen, dass bereits jetzt so gut wie jeder online ausgespäht und jeder einzelne Klick verfolgt wird.

Mit welchen Herausforderungen waren Sie bei der Recherche und Umsetzung des Themas konfrontiert?

Häglsperger und Grantner: Eine grundsätzliche Herausforderung war es, so sperrige und abstrakte Begriffe wie „Tracking“ oder „Cookies“ zu erklären und visuell anschaulich darzustellen. Das schwierige bei Themen rund um Internet oder Daten ist ja immer die bildliche Umsetzung, denn Einser und Nuller, die wie bei „Matrix“ über den Bildschirm flitzen, haben sich schnell erschöpft. Wir haben uns dann überlegt, mit Animationen zu arbeiten und diese gemeinsam mit der Grafik-Abteilung erstellt. Eine weitere große Herausforderung war es, eine Familie zu finden, die unseren Versuch mitmachen wollte. Stellen Sie sich vor, es kommt Sie ein Computer-Spezialist besuchen und der durchforstet dann Ihren PC! Der Mann weiß innerhalb von ein paar Stunden alles über Sie! In unserem Fall wusste der Experte schnell Bescheid über die letzten 50.000 Suchanfragen der Familie, und konnte sämtliche besuchten Seiten wieder aufrufen. Möchten Sie das? Sicherlich nicht, schon gar nicht, wenn das Fernsehen mit dabei ist!

Worin liegt Ihr persönlicher Erkenntnisgewinn?

Häglsperger und Grantner: Zum einen war es erschreckend zu erfahren, welch umfassendes Bild von jedem von uns entsteht:  allein durch unsere Aktivitäten im Netz, durch die Spuren, die jede Suchanfrage, jede Online-Buchung hinterlässt. Denn – es werden nicht nur Daten gesammelt, sondern auch zu einem Profil verdichtet! Beunruhigend war es zum anderen auch, festzustellen, dass es um die Medienkompetenz unserer  Gesellschaft gar nicht gut bestellt ist. Jeder von uns nutzt das Internet, viele haben auch schon mal was von den Gefahren gehört – aber kaum einer ändert sein Verhalten! Der Hauptgrund: es besteht keinerlei Bewusstsein für die Folgen des eigenen Surfverhaltens. Das war auch bei uns so, bis wir diesen Film gemacht haben. Seither versuchen wir, bewusster und vorsichtiger zu surfen, auch wenn das einen gewissen Aufwand bedeutet.