Julian Nida-Rümelin im Interview

„Ethik ist Bedingung für ökonomischen Erfolg“

23.09.2016

Warum sich Führungskräfte in der Finanzbranche auch ethischen Fragen widmen sollten, erklärt Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin.


Professor Julian Nida-RümelinPhilosophieprofessor Julian Nida-Rümelin über Ethik in der Finanzbranche.



Herr Nida-Rümelin, wie wichtig ist Vertrauen in der Finanzbranche?


Julian Nida-Rümelin: Geld ist ein besonderes Gut. Es bezieht seinen Wert aus dem Vertrauen, dass ein Papierschein oder ein Betrag auf einem Kontoauszug eine bestimmte Werthaltigkeit hat, obwohl ein materieller Gegenwert fehlt. Das heißt, Geldwirtschaft und Banken sind abhängig von einer Vertrauenskultur. Außerdem  erwarten Kunden von ihrer Bank, dass sie in ihrem Interesse handelt und nicht allein das eigene Gewinnstreben in den Vordergrund stellt. Das ist wie beim Arzt:  Der Patient muss sich darauf verlassen können, dass der Arzt die Diagnose nach  bestem Wissen erstellt und nicht den eigenen Umsatz maximieren will. Sonst wäre dieses Vertrauensverhältnis schwer gestört. In der Finanzbranche ist genau das passiert. Immer mehr Menschen sind der Auffassung, dass mancher Bankberater, der ihnen gegenübersitzt, in erster Linie die eigenen Interessen vor Augen hat. Diese Vertrauenskrise ist noch nicht überwunden.

Woher rührt dieses Misstrauen?

Nida-Rümelin: Es gab Zeiten, in denen Bankangestellte als Beamte bezeichnet wurden. Damals waren Banken ähnlich seriös wie staatliche Einrichtungen. Bankvorstände waren gleichzeitig moralische Autoritäten. Dieses Vertrauen ist durch den „Kasinokapitalismus“, also das verantwortungslose Handeln vieler großer Finanzinstitute weltweit, massiv erschüttert worden. Die Weltfinanzkrise hat das noch verstärkt – nicht zuletzt deshalb, weil die Steuerzahler vor allem private Investmentund Geschäftsbanken retten mussten. Die Genossenschaftsbanken haben sich hingegen als Stabilitätsanker in der Krise erwiesen.

Liegt die Gewinnmaximierung nicht in der Natur des Menschen?

Nida-Rümelin: Die Antwort ist ein klares Nein. Menschen wollen sich langfristig auf etwas verlassen können. Natürlich optimieren Menschen Kosten und Ertrag, das ist auch völlig legitim. Allerdings passiert das in einem geordneten Rahmen: Ich lüge nicht, um etwas zu erreichen; ich stelle meine Interessen nicht verzerrt dar; ich gebe keine falschen Tatsachen wider und ich halte mich an die Gesetze, auch wenn das niemand kontrollieren kann. Das heißt, die Optimierung von Kosten und Nutzen ist in Ordnung, solange Strukturen wie Vertrauen, Verlässlichkeit, Planbarkeit oder Kooperation nicht verletzt werden.

Das passt zur Beschreibung des „ehrbaren Kaufmanns“.


Nida-Rümelin:
Das trifft es ganz gut. Ich leite in München einen Studiengang, der sich an Berufstätige richtet, die in ihrem Job schon etwas erreicht haben. In vielen Diskussionen kristallisierte sich eine Art Generationenkonflikt heraus: Die Älteren halten noch am Ideal des ehrbaren Kaufmanns fest oder beklagen dessen Verlust. Die Jüngeren können mit diesem Begriff nicht mehr viel anfangen. Sie wurden anders sozialisiert und haben gelernt, ihr Eigeninteresse zu optimieren. Das sollte sich wieder ändern. Wir müssen die Botschaft vermitteln, dass Wirtschaft ohne Ethos nicht funktioniert. Die Menschen müssen darauf vertrauen, dass Regeln und Anstand etwas gelten. Ohne diese Grundlage geht es nicht.

Braucht es also gleichlautend zum ehrbaren Kaufmann das Leitbild eines „ehrbaren Bankers“?


Nida-Rümelin: In der Finanzwelt ist so ein Leitbild noch dringlicher als in anderen Branchen. Wenn zum Beispiel der Kfz-Mechaniker um die Ecke schludrig arbeitet, dann wechsle ich die Werkstatt. Bei Banken liegt der Fall ganz anders. Nehmen Sie den Durchschnittsverdiener, der sich den Traum vom Eigenheim erfüllt. Wenn er bei seiner Bank eine Hypothek aufnimmt, geht er eine Bindung ein, die in der Regel Jahrzehnte währt. Wenn er dann wie in Amerika feststellen muss, dass sein Hypothekenvertrag längst zu zehntausenden gebündelt nach Singapur weiterverkauft worden ist und er dort keinen Ansprechpartner findet, dann bricht die Basis einer auf Dauer angelegten Geschäftsbeziehung. Banken handeln also mit einem sehr kostbaren Gut, nämlich Vertrauen. Wenn dieses Vertrauen enttäuscht wird, geht viel mehr kaputt als nur eine normale Geschäftsbeziehung.

Die Finanzkrise war der Auslöser für eine zunehmende Bankenregulierung. Kann
Regulierung fehlende Werte ersetzen?


Nida-Rümelin:
Ich sehe durchaus die Gefahr, dass Regulierung ethische Normen und Werte verdrängen kann. Regulierung kann nie so feinfühlig und flexibel reagieren wie ein ehrbarer Kaufmann. Gerade die Genossenschaftsbanken und die Sparkassen, die sich in der Krise als Stabilitätsanker erwiesen haben, geraten durch die Regulierung zunehmend unter Druck. Um nicht missverstanden zu werden: Ich bin für Regulierung, wo sie nötig ist, um Geschäftspraktiken mit einem hohen Risiko für die Allgemeinheit zu unterbinden. Allerdings dürfen wir die Diskussion über Werte und Normen und ihre Kontrolle nicht pauschal an den Gesetzgeber übertragen. Das halte ich für einen gefährlichen Irrweg. Eine Entmoralisierung der ökonomischen Praxis führt in jedem Fall zu einem massiven Vertrauensverlust und am Ende in die nächste Krise. Ein Übermaß an Regulierung ist immer auch eine Reaktion auf einen moralischen Verfall. Nehmen Sie zum Beispiel die Verschärfung des Sexualstrafrechts. Das wäre nicht nötig gewesen, wenn es Übergriffe wie in der Silvesternacht in Köln nicht gegeben hätte.

Sie unterrichten Banker in Finanzethik. Warum?

Nida-Rümelin:
Im Kern geht es mir darum, die Teilnehmer für das komplexe Verhältnis zwischen ökonomischer Rationalität und ethischer Vernunft zu  ensibilisieren. Das ist viel enger miteinander verkoppelt als man meint. Auch der Erfolg einer Führungsperson hängt in einem hohen Maße davon ab, ob sie von den Mitarbeitern als integer wahrgenommen wird. Ethik ist Bedingung für ökonomischen Erfolg. Ein Hauptproblem der Entmoralisierung der Finanzwirtschaft und der folgenden Weltfinanzkrise war die fehlende regionale Anbindung international operierender Investmentbanken. Statt einer auf Vertrauen basierenden Geschäftsbeziehung – wie etwa beim örtlichen Mittelständler und seiner örtlichen Genossenschaftsbank – wurde weitgehend anonym um die besten Konditionen gepokert.

Findet der Ruf nach einer Stärkung des wirtschaftlichen Ethos Widerhall in der Finanzbranche?


Nida-Rümelin:
Der Schock, den die Weltfinanzkrise ausgelöst hat, sitzt nach wie vor tief. Im Grunde ist allen klar, dass verloren gegangenes Vertrauen  zurückgewonnen werden muss. Wenn junge Menschen keine Banker mehr werden wollen, weil sie den schlechten Ruf dieses Berufsstands fürchten, dann hat die Branche ein großes Problem. Viele Führungskräfte haben die Notwendigkeit eines Wertewandels erkannt. Allerdings ist es von dieser Erkenntnis bis zu konkreten Änderungen noch ein weiter Weg.

Was können Führungskräfte tun, um diesen Wertewandel in der Finanzbranche voranzubringen?

Nida-Rümelin:
Zwei Dinge sind wichtig: Erstens sollte die Mitarbeitermotivation nicht ausschließlich über Belohnungen gesteuert werden. Je kleinteiliger dieses Belohnungssystem ausgestaltet ist, desto verheerender wirkt es sich auf das  Berufsethos aus. Die ureigene Motivation des Mitarbeiters, seinem Unternehmen zu dienen und seine Sache gut zu machen, wird durch externe Belohnungsfaktoren und die Frage „Was bekomme ich dafür?“ ersetzt. Ich habe nichts dagegen, wenn jemand mehr verdient als andere, weil er bessere Arbeit leistet. Aber Unternehmen dürfen kein Rattenrennen veranstalten, bei dem der Profit des Einzelnen im Vordergrund steht. Der zweite Punkt ist ein psychologischer: Alle Einsicht in die richtige Praxis bleibt unwirksam, wenn sie nicht durch das Umfeld verstärkt wird. Wenn nicht von der Spitze eines Unternehmens entsprechende Botschaften an die Mitarbeiter gesendet werden, wird jeglicher Kulturwandel im Sande verlaufen.

Was überwiegt, wenn Sie die Wertediskussion in der Wirtschaft betrachten: Optimismus oder Pessimismus?

Nida-Rümelin:
Tatsächlich bin ich optimistisch. Vor allem bin ich der Meinung, dass die ökonomische Vertrauenskultur als Ganzes bei uns weitgehend intakt ist. Aber sie erodiert von den Rändern her. Im Internet lassen sich Verträge bequem per Mausklick abschließen, aber die Kündigung wird schwierig, weil sie nur per Fax möglich ist. Da wären wir wieder beim Vertrauen, das durch solche Praktiken verloren geht. Deshalb ist es so wichtig, ökonomische Werte und Normen – ich spreche sogar ganz altmodisch von  Tugenden – zu stärken, nicht nur an  Universitäten und Hochschulen, sondern auch in den Ausbildungsberufen.

Ist die Unternehmensform Genossenschaft dazu geeignet, diese Tugenden zu transportieren?

Nida-Rümelin: Genossenschaften sind keine Garantie, aber ein günstiges Modell für unternehmerischen Erfolg innerhalb eines Wertegerüsts. Sie sollten diesen Unterschied auf keinen Fall verstecken. Das ist ein Vorzug gegenüber vielen anderen Unternehmen. Die regionale Verankerung von Genossenschaften und ihre Kultur, miteinander zu reden, bevor man ins Geschäft kommt, darf man keinesfalls als altmodisch abtun.


Das Interview ist in der September-Ausgabe von "Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt" erschienen.