Karl Kunz im Interview

„Die Trendwende ist geschafft“

20.10.2016

Keine Markteingriffe, sondern verlässliche Rahmenbedingungen in der Milchwirtschaft - das wünscht sich Karl Kunz, Geschäftsführer der Milchwerke Ingolstadt-Thalmässing, von der Politik. Im Interview erklärt der Vorsitzende des GVB-Fachausschusses Milchwirtschaft außerdem, wo er Wachstumspotenzial für Molkereien sieht.

Milchkühe. Foto: Peter Fenge / pixelio.de
Kühe im Stall als Ausgangspunkt der milchwirtschaftlichen Wertschöpfung: „Der Milchmarkt ist seit eineinhalb Jahren ein freier Markt. Alle Akteure müssen sich erst daran gewöhnen“, so Karl Kunz im Interview. Foto: Peter Fenge/pixelio.de



Herr Kunz, welche Vorteile hat es für Milcherzeuger, Mitglied in einer Molkereigenossenschaft zu sein?


Karl Kunz: Genossenschaften sind demokratische Organisationen. Die Mitglieder sind Miteigentümer und können damit die Politik des Unternehmens maßgeblich mitgestalten. Das ist für mich der  wesentliche Vorteil dieser Rechtsform.

Zuletzt ist allerdings Kritik am genossenschaftlichen Modell in der Milchwirtschaft laut geworden. Gefordert wird eine stärkere Flexibilisierung der Lieferbeziehungen. Was halten Sie davon?

Kunz: Die Milchwirtschaft durchlebt gerade zum zweiten Mal binnen weniger Jahre eine sehr schwierige Phase. Da fühlen sich viele vermeintliche Experten dazu berufen, Kommentare abzugeben. Ich kann die Kritik an den genossenschaftlichen Strukturen aber überhaupt nicht nachvollziehen. Wir wollen an der vollständigen Andienungsverpflichtung und an der Abnahmegarantie festhalten, weil wir sie für sinnvoll halten. Diese Prinzipien schaffen Planungssicherheit für Erzeuger und Abnehmer. Und sollte von den Genossenschaftsmitgliedern mehr Flexibilität gewünscht sein, können sie diese selbst schaffen. Es gab schon immer die Möglichkeit, die Lieferbeziehungen offener zu gestalten. Die Andienungspflicht  kann gelockert werden und die Kündigungsfristen können verkürzt werden. Beides obliegt den Mitgliedern, die die Geschäftspolitik eigenständig und gleichberechtigt mitbestimmen können.

Molkereigenossenschaften gibt es schon seit vielen Jahrzehnten. Sie haben sich stets erfolgreich an den Markt angepasst und so eine starke Position aufgebaut. Auf welche Herausforderungen brauchen die bayerischen Molkereigenossenschaften eine Antwort?

Kunz: Wir haben im genossenschaftlichen Bereich teilweise noch immer zu wenig Markenprodukte, die uns unabhängiger von den schwankenden Milchpreisen machen. Außerdem stehen wir vor der Herausforderung, neue Absatzmärkte zu erschließen und die Internationalisierung voranzutreiben. Schließlich sind die Inlandsmärkte weitgehend gesättigt. Ich sehe aber durchaus noch Potenzial in Europa und vor allem in China, dem Fernen Osten und Afrika. Darauf müssen die Molkereigenossenschaften ein noch stärkeres Augenmerk legen.

Karl KunzSind sie dafür gut gerüstet?

Kunz: Die Voraussetzungen sind gegeben, zumal viele Molkereien längst im Ausland aktiv sind und bayerische Milchprodukte einen exzellenten Ruf genießen. Allerdings erfordert es einen langen Atem und finanzielle Mittel, Märkte zu erschließen. Schnelle Erfolge kann es hier nicht geben.


Karl Kunz

Wurden die Molkereien von der steigenden Milchmenge nach dem Quotenende 2015 tatsächlich überrascht?

Kunz: Nein. Es war absehbar, dass die Milchanlieferung nach Quotenende steigt. Es war aber auch klar, dass die Reaktionen je nach Region sehr unterschiedlich ausfallen werden. Insbesondere in Bayern waren die Wachstumsraten moderat, weil die Kapazitäten für eine große Ausweitung gar nicht vorhanden sind. Ganz anders sah das in Holland oder Irland aus, wo die Anlieferung bis Mitte 2016 erheblich anstieg. Diese Entwicklung war mit ausschlaggebend für das globale Überangebot, das die Preise in den vergangenen Monaten so stark einbrechen ließ.

Hätte die Politik früher eingreifen sollen?

Kunz: Schauen Sie sich die Beschlüsse für das Milchreduzierungsprogramm an: Die
sind im Oktober in Kraft getreten. Das ist zu spät. Dieses Programm hätten wir schon im Frühjahr gebraucht. Mittlerweile haben wir in Bayern und der EU ohnehin schon wieder einen starken Rückgang der Milchanlieferung. Wenn jetzt noch das Programm greift, besteht die Gefahr, dass das Milchaufkommen zu stark fällt. Dann bekommen wir am Ende Schwierigkeiten, unsere Lieferverpflichtungen einzuhalten.

Was halten Sie von der teilweise geforderten Mengensteuerung?

Kunz: Der Milchmarkt ist seit eineinhalb Jahren ein freier Markt. Alle Akteure müssen sich erst daran gewöhnen und mit den stärkeren Schwankungen von Mengen und Preisen arrangieren. Ich bin der Meinung, dass Angebot und Nachfrage aus dem Markt heraus zu einem Gleichgewicht finden müssen. Nur für den Fall, dass sich die Märkte dauerhaft nicht an die Erfordernisse anpassen, wäre eine Mengensteuerung EU-weit sinnvoll. Ob dann alle mitmachen, ist eine andere Frage.

Vonseiten der Landwirtschaft wird eine stärkere Preisdifferenzierung je nach Verwertung der angelieferten Milch vorgeschlagen. Würde das den Erzeugern helfen?

Kunz: Diese sogenannten A/B-Preismodelle sind nicht zielführend und werden von uns klar abgelehnt. Denn unter dem Strich wird der durchschnittliche Milchpreis gleich bleiben. Damit ist niemandem geholfen.

In den vergangen Monaten haben eine Reihe von Milchgipfeln und Krisen treffen stattgefunden, die nur bedingt messbare Ergebnisse gebracht haben. Was würden Sie sich von der Politik wünschen?

Kunz: Wir wünschen uns verlässliche Rahmenbedingungen. Dazu gehört auch die  Einsicht, dass wir einen liberalisierten Milchmarkt haben, auf dem es immer wieder Schwankungen geben kann. Die Ausschläge werden wahrschein lich sogar noch größer werden. Wir müssen lernen, damit zu leben. Der Markt sollte sich weitgehend selbst regulieren. Was ich aber für sinnvoll halte, sind steuerliche Maßnahmen, die Landwirten helfen, gute und schlechte Jahre gegeneinander zu verrechnen. Das hilft den Betrieben, die Volatilität abzupuffern.

Sie haben gesagt, dass die jetzige Krise ihrem Ende entgegengeht. Wird 2017 ein besseres Milchjahr?

Kunz: Davon gehe ich aus. Die Trendwende ist geschafft. Die Milchpreise sind zuletzt nicht mehr weiter zurückgegangen und werden wahrscheinlich bis zum Jahresende ansteigen. Ich rechne bis zum Jahresanfang 2017 mit Preisen von 30 Cent oder sogar etwas mehr. Durch die Verringerung des angelieferten Rohstoffaufkommens sind die Notierungen bei Butter und Milchpulver zuletzt enorm angestiegen. Das gilt auch für Schnittkäse. Ich gehe davon aus, dass im November auch die weiße  Linie, also die Milchprodukte für den Lebensmitteleinzelhandel, deutlich ansteigen  wird. Das ist aus Sicht der Landwirte auch dringend notwendig. Die Jahre 2015 und 2016 waren schließlich eine enorme Durststrecke.


Das ungekürzte Interview ist in der Oktober-Ausgabe von "Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt" erschienen.