Katrin Langhans

Der Mann, der Gefahren sucht

05.10.2018

Die Gewinnerin des Hermann-Schulze-Delitzsch-Preis für Verbraucherschutz 2018 porträtiert in ihrem Seite-Drei-Artikel Gert Kretschmann. In seinem Kellerbüro in Nordrhein-Westfalen betreibt der Bundeswehr-Pensionär das Portal „produktrueckrufe.de“. Er gründete es, nachdem sein Fernseher in Brand geriet, weil ihn eine Hersteller-Rückrufaktion nicht erreicht hatte. Akribisch durchsucht er seither Tag für Tag das Internet nach Rückrufen und macht das, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: Verbraucher bei lebensbedrohlichen Gefahren klar und vor allem schnell informieren.


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Die Autorin porträtiert in ihrem Seite-Drei-Artikel Gert Kretschmann. In seinem Kellerbüro in Nordrhein-Westfalen betreibt der Bundeswehr-Pensionär das Portal „produktrueckrufe.de“. Er gründete es, nachdem sein Fernseher in Brand geriet, weil ihn eine Hersteller-Rückrufaktion nicht erreicht hatte. Akribisch durchsucht er seither Tag für Tag das Internet nach Rückrufen und macht das, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: Verbraucher bei lebensbedrohlichen Gefahren klar und vor allem schnell informieren. So warnt er vor Glasscherben im Gurkenglas, Plastikteilchen im Nasi Goreng und Salmonellen in Eiern oder Käse. Seit dem Ehec-Skandal 2011 betreibe das Bundesamt für Verbraucherschutz zwar ein digitales Informationsportal mit dem Namen „lebensmittelwarnung.de“, so die Autorin. Beamte aus allen Bundesländern würden dort Warnungen vor Lebensmitteln einstellen. Das geschehe aber nur lückenhaft, langsam und schlampig, kritisiert Kretschmann. Selbst bei lebensgefährlichen Mängeln würde verzögert zurückgerufen. So ist „Überzeugungstäter“ Kretschmann oft schneller als die Behörden.

Der doppeldeutige Titel zieht den Leser in die wunderbare Porträt-Reportage des Online-Portalbetreibers hinein. Ein Rentner, der auf eigene Faust und mit bewundernswertem Engagement Gefahrenmeldungen veröffentlicht und damit den „Verbraucherschelmen“ im Nacken sitzt. Schon die Leistung der Autorin, diesen engagierten Menschen entdeckt zu haben, ist hoch einzuschätzen. Langhans hat darüber hinaus umfänglich recherchiert: Sie erklärt unterschiedlichste Aspekte des Verbraucherschutzes bis hin zu juristischen Fragen der Haftung. Auch menschelt die Geschichte und sie ist gut sowie spannend erzählt. Ein wichtiger Artikel, weil er symptomatisch aufzeigt: Bei Produktrückrufen kommen die zuständigen Behörden ihren Informationspflichten offenbar zu spät nach. Es ist empörend, dass der Einzelkämpfer Kretschmann oft schneller warnt. Das ist Verbraucherschutz pur und spiegelt die Intention des Hermann-Schulze-Delitzsch-Preises am stärksten wider.

Fragen an die Preisträgerin Katrin Langhans

Katrin Langhans

Wie sind Sie auf Herrn Kretschmann gestoßen?

Katrin Langhans: In einem Gespräch mit Foodwatch zum Thema Lebensmittelsicherheit erfuhr ich, dass es jemanden gibt, der im Münsterland privat bloggt, in welchen Produkten Glasscherben oder Salmonellen stecken. Da war für mich sofort klar: Ich will diesen Mann kennen lernen.
Ich bin nach Greven gefahren und habe mir angeschaut, wie Gert Kretschmann, Rentner und IT-Fachmann, in seinem Keller im Schummerlicht arbeitet. Er hat sich Google-Alerts eingerichtet, die ihn schnell informieren, wenn ein Hersteller gefährliche Produkte zurückruft. Vor Ort konnte ich live miterleben, wie auf seiner Seite „produktrueckrufe.de“ schneller eine Warnmeldung zu mit Fipronil kontaminierten Eiern stand als auf der von Behörden gespeisten Seite „lebensmittelwarnung.de“. Wieder in der Redaktion wollte ich wissen, wie oft Kretschmann schneller war als die Behörden. Und ein Datenvergleich der Seiten ergab: Allein binnen eines halben Jahres war Kretschmann neun Mal zügiger darin, vor Gefahren in Lebensmitteln zu warnen als die Bundesseite.

Mit welchen Herausforderungen waren Sie bei der Recherche konfrontiert?

Langhans: Es war gar nicht so leicht, Insider der Rückrufbranche zu finden, die ehrlich darüber sprechen wollten, an welchen Schwachstellen das System hackt. Mich hat dann überrascht, dass Insidern zufolge etwa 90 Prozent der Rückrufe still ablaufen. Das bedeutet, Hersteller rufen Produkte zurück, bei denen Spülmittel oder Listerien vorliegen, aber noch nicht den zulässigen Grenzwert überschreiten. So erfuhr ich, dass auch Backwaren, die mit Fipronil belastet waren, still vom Markt verschwanden – ohne dass die Öffentlichkeit davon erfuhr.

Worin liegt ihr persönlicher Erkenntnisgewinn?

Langhans: Erstaunt hat mich ein behördliches Schreiben, das mir im Zuge der Recherchen zugespielt wurde. Es zeigt, wie kompliziert die Rechtslage für Lebensmittelkontrolleure ist. Nach EU-Kriterien für Lebensmittelsicherheit darf ein Hersteller Hackfleisch nicht mehr verkaufen, wenn er bei einer Eigenkontrolle feststellt, dass zum Beispiel zu viele Salmonellen gemessen werden. Wenn aber ein amtlicher Kontrolleur dieselbe Belastung findet, muss er zusätzlich nachweisen, dass tatsächlich eine Gesundheitsgefahr besteht. Das ist absurd.