Kreditrisiko­-Standardansatz

Mittelstand nicht regulatorisch diskriminieren

13.05.2015

Der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht will die Eigenmittelanforderungen für Kreditrisiken grundlegend überarbeiten. GVB-Vorstand Alexander Büchel warnt in diesem Beitrag, dass sich infolgedessen die Kreditversorgung von kleinen und mittleren Unternehmen verteuern könnte.

Alexander Büchel, Vorstand Genossenschaftsverband Bayern (GVB)
Sieht die geplanten Anpassungen des Kreditrisiko-Standardansatzes kritisch: Alexander Büchel, Vorstand des Genossenschaftsverbands Bayern (GVB).

Ausgangslage

Seit Inkrafttreten von Basel II im Jahr 2007 stehen den Instituten zur Ermittlung der Eigenmittelanforderungen für Kreditrisiken („erste Säule“) mit dem Kreditrisiko­-Standardansatz (KSA) und dem internen Rating-­Ansatz (IRBA) zwei alternative Verfahren zur Verfügung. Bei den bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken findet ausschließlich der Kreditrisiko­-Standardansatz Verwendung.

Nachdem der Standardansatz im Zuge der Basel­-III-­Umsetzung nur geringfügig modifiziert wurde, wird derzeit seine grundlegende Überarbeitung diskutiert. Hierzu hat der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht (BCBS) im Dezember 2014 das Konsultationspapier „Revisions of the Standardised Approach for credit risk“ vorgelegt, mit dem die Schwachstellen des bisherigen Ansatzes beseitigt werden sollen. Nach Auffassung des Baseler Ausschusses zählen hierzu insbesondere die übermäßige Abhängigkeit von externen Ratings sowie der Mangel an Risikosensitivität. BCBS kritisiert zudem die Vielzahl an nationalen Ermessensspielräumen, die einheitliche Wettbewerbsvoraussetzungen (level playing field) konterkarieren sollen.

Die finale Fassung des Baseler Papiers wird für 2016 erwartet. Unter Berücksichtigung der Transformationserfordernisse in europäisches Recht (Überarbeitung der CRR) und Übergangsfristen wird mit einem Inkrafttreten nicht vor 2019 gerechnet.

Im Folgenden wird der geplante Standardansatz in seinen Grundzügen dargestellt und kritisch gewürdigt. Nicht eingegangen wird auf Kreditrisikominderungstechniken und Kreditumrechnungsfaktoren für außerbilanzielle Geschäfte.

Der neue Standardansatz im Überblick

Der Baseler Ausschuss verfolgt bei der Quantifizierung der Kreditrisiken einen grundlegend neuen Ansatz. Entsprechend der Zielsetzung des Konsultationspapiers werden die Risikogewichte für die einzelnen Forderungsklassen nicht mehr auf Basis externer Ratings ermittelt oder pauschal vorgegeben. Stattdessen soll zur Differenzierung auf möglichst einfache, aber dennoch trennscharfe „Risikofaktoren“ zurückgegriffen werden. Der Stellenwert des Standardansatzes wird zunehmen: Für IRBA-­Institute soll dieser als Untergrenze für die Bemessung der Eigenmittelanforderungen gelten. Aus diesem Grund haben die Überlegungen des BCBS keineswegs nur für regionale Institute Bedeutung. Für Nachrangverbindlichkeiten, Eigenkapital und andere Kapitalinstrumente wird eine eigene Forderungsklasse geschaffen, unabhängig davon, ob es sich beim Emittenten um ein Institut oder ein Unterneh­men handelt. Vom aktuellen Konsultationspapier nicht erfasst werden die aufgrund ihrer Nullgewichtung vielfach kritisierten „risikolosen“ Forderungen an Staaten. Diese sollen Gegenstand einer eigenen Überarbeitung sein.

Forderungen an Institute: Aus für das Sitzstaatenprinzip

Das Risikogewicht für Forderungen an Institute außerhalb des Verbunds bestimmt sich derzeit entweder nach dem externen Rating des Instituts oder nach dem Rating des Staates, in dem das Institut seinen Sitz hat. Das ist der Regelfall bei den Volksbanken und Raiffeisenbanken.

Der neue Standardansatz kennt diese beiden Möglichkeiten nicht mehr. Vielmehr erachtet der Baseler Ausschuss die „CET1­-Ratio“ (harte Kernkapitalquote) und die „Net­-NPA-­Ratio“ (Verhältnis notleidender Forderungen nach Risikovorsorge zum Gesamtexposure) als geeignete Risikofaktoren zur Differenzierung von Instituten. Entsprechend der ermittelten Quoten ergeben sich Risikogewichte zwischen 30 und 300 Prozent (derzeit: 20 bis 150 Prozent).

Kurzfristige Interbankenforderungen werden mit einem um 20 Prozent verringertem Risikogewicht (Untergrenze: 30 Prozent) privilegiert. Spätestens bei der Umsetzung in europäisches Recht wird auf die Aufrechterhaltung der Verbundprivilegierung zu achten sein.

Forderungen an Unternehmen: Benachteiligung von KMU

Forderungen an Unternehmen – sofern nicht dem Mengengeschäft zugeordnet – gewichten die Volksbanken und Raiffeisenbanken heute im Regelfall pauschal mit 100 Prozent. Externe Ratings zur Ermittlung der Risikogewichte kommen allenfalls im Bereich der Eigenanlagen zum Einsatz. Der typische Kreditkunde verfügt über kein aufsichtsrechtlich anerkanntes externes Bonitätsurteil.

BCBS schlägt für Forderungen an Unternehmen, die weder eigenkapitalähnliche Eigenschaften aufweisen noch dem Mengengeschäft zugeordnet werden, ein Risikogewicht zwischen 60 und 300 Prozent vor. Die Einstufung erfolgt anhand der Risikofaktoren „Umsatz“ (absolute Höhe) und „Leverage“ (Verschuldungsgrad). Dabei gilt: Je höher (niedriger) der Umsatz (Verschuldungsgrad) eines Unternehmens, desto niedriger das Risikogewicht. Für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) ist es unmöglich, Risikogewichte unter 100 Prozent zu erreichen; die Spannweite liegt hier bei 100 bis 300 Prozent.

Für Spezialfinanzierungen gelten neu eingeführte Untergrenzen: 120 Prozent für Projekt­, Objekt­, Rohstoffhandels­und Mietimmobilienfinanzierungen sowie 150 Prozent für Bauträgerkredite.

Die Trennschärfe der vorgeschlagenen Risikofaktoren darf bezweifelt werden. Zum einen ist der Verschuldungsgrad stark branchenabhängig. Zum anderen ist es empirisch nicht nachweisbar, dass das (Geschäfts-­)Risiko deutscher Unternehmen mit steigender Größe (hier gemessen am Umsatz) sinkt. Ganz im Gegenteil: KMU gelten aufgrund ihrer höheren Flexibilität, ihrer niedrigeren Fixkosten und ihrer personalistischen Struktur sogar als resistenter gegenüber konjunkturellen Schwankungen (vergleiche Leißl, Der Beitrag der Kreditge­nossenschaften zur Finanzierung kleiner und mittlerer Unternehmen, 2011, Seite 29 f.). Zudem wird zu Recht darauf hingewiesen, dass durch den Risikofaktor Umsatz das Prinzip der Diversifikation ad absurdum geführt wird: Ein „großer“ Kredit an ein Großunternehmen wäre mit deutlich weniger Eigenkapital zu unterlegen als ein gleich großes Portfolio aus einer Vielzahl von „kleinen“ Krediten an KMU.

Keine pauschale Risikogewichtung für Realkredite mehr

Durch Immobilien besicherte Positionen (Hypothekarkredite, Realkredite) werden unter Voraussetzung der Artikel 125 beziehungsweise 126 CRR (unter anderem Hard Tests erforderlich) derzeit mit pauschalen Risikogewichten von 35 Prozent (Wohnimmobilien) beziehungsweise 50 Prozent (Gewerbeimmobilien) privilegiert.

Künftig sollen durch Wohnimmobilien besicherte Forderungen ein Risikogewicht zwischen 25 und 100 Prozent erhalten, abhängig von den Ausprägungen der Risikofaktoren „Loan-­to­-Value-­Ratio“ (Beleihungsauslauf) und „Debt­-Service­-Cover-­Ratio“ (Kapitaldienst in Relation zum verfügbaren Einkommen). Ein in Deutschland typischer Beleihungsauslauf zwischen 60 und 80 Pro­zent ergibt so ein Risikogewicht von 40 oder 50 Prozent.

Wie Forderungen behandelt werden sollen, die durch Gewerbeimmobilien besichert sind, ist noch offen. Entweder soll die Privilegierung abgeschafft werden (Behandlung als gewöhnliche Forderungen an Unternehmen) oder die Forderungsklasse je nach Beleihungsauslauf mit Risikogewichten zwischen 75 und 120 Prozent versehen werden.

Im Mengengeschäft weiterhin pauschale Risikogewichtung

Das Konsultationspapier sieht die Beibehaltung des pauschalen Risikogewichts von 75 Prozent für Retailforderungen (Mengengeschäft) vor. Um dem Mengengeschäft zugeordnet werden zu können, müssen Forderungen insbesondere folgende Kriterien erfüllen:

  • Der Kreditnehmer ist eine natürliche Person oder ein Kleinunternehmen.
  • Die zusammengefassten Kredite an einen Kreditnehmer dürfen den niedrigeren Betrag aus 1 Million Euro und 0,2 Prozent des gesamten für aufsichtsrechtliche Zwecke gebildeten Retailportfolios (Granularitätskriterium) nicht übersteigen.

Sofern Forderungen an natürliche Personen die oben genannten Kriterien nicht vollumfänglich erfüllen, erhalten diese ein pauschales Risikogewicht von 100 Prozent. Das Konsultationspapier räumt den nationalen Aufsichtsbehörden die Möglichkeit ein, neben der 0,2-­Prozent-­Grenze andere geeignete Methoden zur Sicherstellung einer ausreichenden Diversifizierung des Retailportfolios zu bestimmen. Um kleine Institute auch in Zukunft nicht zu benachteiligen, sollten die nationalen Aufsichtsbehörden diese Alternative auch weiterhin nutzen.

Zusammenfassung

Das Baseler Konsultationspapier läutet einen Paradigmenwechsel bei der Ermittlung der Eigenmittelanforderungen für Kreditrisiken ein. Statt externer Ratings soll eine Risikodifferenzierung anhand „einfacher“ Risikofaktoren (Kennzahlen) erfolgen. Auf diese Weise soll die Risikosensitivität des Standardansatzes erhöht werden.

Die vorgeschlagenen Risikogewichte lassen über nahezu alle Forderungsklassen hinweg eine deutliche Steigerung der Eigenmittelanforderungen erwarten. Dies steht im klaren Widerspruch zur Zielsetzung des Baseler Ausschusses, die durchschnittlichen Eigenmittelanforderungen durch die Überarbeitung des Standardansatzes nicht zu erhöhen. Hier sind entsprechende Korrekturen erforderlich. Beispielsweise könnte im Bereich der Realkredite an der pauschalen Risikogewichtung in Verbindung mit „Hard Tests“ festgehalten werden.

Kritisch zu sehen ist im Übrigen der Datenpflegeaufwand in den Instituten, um die unterschiedlichen Kennziffern zu berechnen (Nacherfassungsaufwand). Auch bei der Ausgestaltung der Risikofaktoren besteht Nachbesserungsbedarf. Es kann nicht sein, dass Institute für Forderungen an Unternehmen umso mehr Eigenmittel vorhalten müssen, je kleiner das Unternehmen ist. Diese Diskriminierung der KMU muss vermieden werden. Die geplante Regelung würde nämlich zu einer deutlichen Verteuerung der Kreditversorgung der KMU führen. Dies ist aus unserer Sicht nicht akzeptabel.


Der Beitrag ist in der April-Ausgabe von "Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt" erschienen.