Kreditversorgung im Mittelstand

Warum Regionalbanken für die Wirtschaft so wichtig sind

07.03.2016

Dorothea Schäfer, Forschungsdirektorin für Finanzmärkte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), erklärt in einem Gastbeitrag für „Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt“, warum Regionalbanken für die deutsche Wirtschaft einen so hohen Stellenwert haben.

Architekten auf BaustelleArchitekten auf der Baustelle: Im Freistaat sind viele Mittelständler auf eine Hausbankbeziehung, räumliche Nähe und die Möglichkeit zur persönlichen Kontaktaufnahme angewiesen, schreibt Professorin Dorothea Schäfer vom DIW Berlin.


Das Bankensystem in Deutschland ist traditionell vielfältig. Im Jahr 2014 gab es in Deutschland knapp 2.000 Kreditinstitute. Wenige Großbanken teilen sich das Geschäft mit vielen kleineren Banken. Mehr als die Hälfte der Banken sind genossenschaftliche Kreditinstitute, ein knappes Viertel gehört dem Sparkassensektor an.

Die durchschnittliche Bilanzsumme der Kreditgenossenschaften liegt bei weniger als 1 Milliarde Euro, die der Sparkassen bei weniger als 3 Milliarden Euro. Systemrelevant und damit für die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler potenziell riskant sind solche Größenordnungen nicht. Die durchschnittliche Bilanzsumme jener deutschen Banken, die 2014 am Stresstest der Europäischen Bankenaufsicht teilgenommen haben, betrug etwa 190 Milliarden Euro. Die getesteten französischen Kreditinstitute brachten es im Durchschnitt sogar auf über 600 Milliarden Euro Bilanzsumme.
 
Im Gegensatz zu den Großbanken macht die überwältigende Mehrheit der Kreditgenossenschaften und Sparkassen ausschließlich Geschäfte in der angestammten Region. Einst gegründet als Selbsthilfeeinrichtungen von kleinen Gewerbetreibenden oder Landwirten zum Schutz gegen marktbeherrschende Abnehmer und Zulieferer, verstehen sich die Genossenschaftsbanken heutzutage in erster Linie als Banken für kleine und mittlere Unternehmen. Darüber hinaus zielt das Geschäftsmodell der Regionalbanken auf die Kommunen und Privathaushalte in der Region ab.

Vielfalt im deutschen Kreditsektor


Eine ähnliche Vielfalt wie im deutschen Kreditsektor findet man in der Europäischen Union selten. In Deutschland liegt der Anteil der fünf größten Institute am Bilanzvolumen aller Banken trotz anhaltend starker Konzentrationstendenzen immer noch unter 33 Prozent. In Spanien und Schweden hingegen vereinen die fünf größten Banken mehr als 58 Prozent, in Frankreich mehr als 47 Prozent des gesamten Bilanzvolumens auf sich.

Auch Großbritannien gehört zu den Ländern mit einer hohen Konzentration im Bankgeschäft. So lag 2013 bei den Unternehmenskrediten der Marktanteil der vier größten Banken bei über 90 Prozent. 2006 wird in einer britisch­deutschen Studie beklagt, dass in Großbritannien bei der Bereitstellung von Zahlungsverkehrsdiensten und Krediten für kleinere Unternehmen ein „komplexes Monopol“ herrsche. Demgegenüber würden die regionalen und lokalen Filialnetze der Genossenschaftsbanken und Sparkassen in Deutschland den Bürgern ebenso wie den klein­ und mittelständischen Unternehmen einen sehr viel besseren Zugang zu diesen Dienstleistungen eröffnen.

Eine schwere Finanzkrise und mehrere offizielle Untersuchungen später ringt Großbritannien weiterhin um ein weniger konzentriertes und vielfältigeres Bankensystem. Auch die vergleichsweise hohe und teure Kreditkarten­Verschuldung der britischen Privathaushalte wird häufig mit der geringen Vielfalt im britischen Bankensystem in Verbindung gebracht.

Intensiver Wettbewerb


Niedrige Konzentration kann natürlich intensiven Wettbewerb und starken Kostendruck bewirken. Kreditinstitute könnten sich in einem solchen Umfeld dazu verleiten lassen, insbesondere bei kostenintensiven Dienstleistungen wie der Kreditprüfung und der Kundenbetreuung zu sparen. Die Folge könnte ein ungesunder und stabilitätsgefährdender Anstieg der notleidenden Kredite sein.

Dorothea SchäferEin Blick auf die Zahlen bestätigt allerdings solche Befürchtungen für den deutschen Bankensektor nicht. So lag die Quote der ausfallgefährdeten Kredite im spanischen Kreditsektor 2014 bei hohen 8,5 Prozent. Im ähnlich hoch konzentrierten schwedischen Bankensystem betrug sie dagegen weniger als 1 Prozent. Mit 2,3 Prozent ebenfalls sehr niedrig blieb die Quote im wettbewerbsintensiven deutschen Bankensektor. Natürlich spielt den Banken hierzulande dabei die gute konjunkturelle Situation in die Hände. Dennoch zeigt die niedrige Quote an notleidenden Krediten in Deutschland, dass Vielfalt und Wettbewerb durchaus mit Stabilität im Bankensektor kompatibel sein können.

Dorothea Schäfer

Auf räumliche Nähe angewiesen


Über 99 Prozent der deutschen Unternehmen sind kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Mehr als 85 Prozent aller KMUs sind inhabergeführt. Ende 2013 waren gut vier Fünftel aller Auszubildenden in Betrieben mit weniger als 500 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten tätig. Etwa 60 Prozent aller Beschäftigten arbeiten im KMU­Segment. Die überwältigende Mehrheit der Unternehmen liegt bei unter zehn Beschäftigten und setzt pro Jahr weniger als 2 Millionen Euro um.

Für die kleineren Unternehmen bleibt die Kreditaufnahme schwieriger als für mittlere und größere Unternehmen. Viele der Klein­ und KleinstUnterneh­men sind wegen minimalistischer Rechnungslegung und Dokumentation für ein automatisiertes Kreditscoring nur schwer bis gar nicht zugänglich.Trotz Digitalisierung und Internetbanking sind viele mittelständische Unternehmen auf eine Hausbankbeziehung, räumliche Nähe und die Möglichkeit zur persönlichen Kontaktaufnahme angewiesen. Das wird auch von finanzwirtschaftlichen Forschungen bestätigt.

Konzentrationstendenzen in Italien


Zum Beispiel hat sich gezeigt, dass den lokalen Unternehmen die Übernahmewelle im US­Bankensektor Ende der 1980er­Jahre stark zugesetzt hat. Viele, über Jahre aufgebaute Hausbankbeziehungen gingen dadurch verloren. Auch Studien zur Unternehmensfinanzierung in der Finanzkrise haben ergeben, dass kleinere Unternehmen überproportional leiden, wenn ihre Hausbank in eine Krise gerät. Ein Bankwechsel ist für diese Unternehmen schwieriger und teurer als für mittlere und große Unternehmen.

Im Zuge der Immobilienkrise haben sich in Spanien viele der regionalen Cajas zu Großsparkassen zusammengeschlossen. Damit sind die Anzahl der Kreditinstitute und ihre Präsenz in den Regionen und Kommunen stark zurückgegangen. Ähnliche Tendenzen zeichnen sich gerade in Italien ab. Die Finanzmarktkrise hat die ohnehin vorhandenen Konzentrationstendenzen verschärft. Gleichzeitig bleibt der mangelnde Kreditzugang für kleinere und mittlere Unternehmen in den europäischen Krisenländern eine der Hauptsorgen der Politik.

Von vielen empirischen Studien be­stätigt, gelten Kreditbeschränkungen zu Recht als Wachstums­ und Innovationsbremse schlechthin. Dementsprechend hat die Europäische Investitionsbank die Hilfen für die KMU in den Krisenjahren stark gesteigert, ohne freilich damit das Problem der Kreditklemme zu beseitigen.

In einem stark ländlich geprägten Flächenland wie Bayern sind Regionalbanken ein zentraler Baustein der finanziellen Infrastruktur und von überragender Bedeutung für die regionale Wirtschaft. Nehmen die Regionalbanken diese Aufgaben wahr und richten ihr Geschäftsmodell auf die spezifischen Bedürfnisse der mittelständischen Wirtschaft aus, haben sie gute Aussichten, von einem prosperierenden Umfeld zu profitieren und zur nachhaltigen Stabilität des Bankensystems beizutragen.


Der Beitrag ist in der März-Ausgabe von „Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt“ erschienen.