Kritik an Kapitalmarktunion

Mittelständische Unternehmen bevorzugen Bankkredite

18.05.2015

Die EU­-Kommission will mit der Kapitalmarktunion für mehr Wachstum und Beschäftigung in Europa sorgen: Die Unternehmensfinanzierung soll erleichtert werden und zusätzliche Anlageoptionen für Investoren entstehen. Bayerns Volksbanken und Raiffeisenbanken sehen das Vorhaben mit Skepsis. Warum, erklärt Stephan Götzl, Präsident des Genossenschaftsverbands Bayern (GVB), im Interview mit „Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt“.

Glasbläser. Foto: Imago/Rainer WeisflogGlasbläser in Aktion: Für viele mittelständische Unternehmen ist die Kapitalmarktunion keine Option. Foto: Imago/Rainer Weisflog



Profil: Herr Götzl, mit der Kapitalmarktunion will die EU­-Kommission das Wachstum in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union ankurbeln. Aber ist nicht gerade Deutschland das beste Beispiel dafür, dass eine florierende Konjunktur auch ohne besondere Kapitalmarktförderung möglich ist?

Stephan Götzl: Bislang konnte empirisch nicht abschließend geklärt werden, in welchem Verhältnis Kapitalmärkte und Wachstum stehen: Beeinflussen größere Kapitalmärkte das Wachstum oder ist es umgekehrt? Die EU-­Kommission stützt ihre Argumentation auf eine aktuelle Studie. Deren Autoren halten aber selbst fest, dass Erkenntnisse über den Wirkungszusammenhang zwischen Kapitalmärkten und Wachstum schwierig zu gewinnen sind. Das European Systemic Risk Board kommt zwar zu der Einschätzung, dass ein höherer Anteil der Kapitalmarktfinanzierung an der Finanzierungsstruktur einer Volkswirtschaft einen leichten, positiven Wachstumseffekt haben könnte. Frühere Studien konnten diesen Effekt aber nicht nachweisen. Vor diesem Hintergrund sollte der erwartete Wachstumseffekt einer europäischen Kapitalmarktunion nicht überschätzt werden.

Profil: Die Kapitalmärkte könnten aber insbesondere in den wachstumsschwachen und überschuldeten EU-­Staaten helfen, die Finanzierungssorgen der Unternehmen zu lindern und die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Union zu steigern...

Götzl:
Die Wettbewerbsfähigkeit eines Wirtschaftsraums wird dadurch bestimmt, wie attraktiv er für die Produktion von Gütern und Dienstleistungen im Vergleich zu anderen Wirtschaftsräumen ist. Große, integrierte europäische Kapitalmärkte können allenfalls dazu beitragen, zusätzliche Kanäle zu schaffen, um das Kapitalangebot und die Kapitalnachfrage in Europa zusammenzubringen. Eine fehlende wirtschaftliche Dynamik lässt sich mittel­ und langfristig nur durch die Schaffung guter Investitionsbedingungen erreichen. Dafür müssen beispielsweise Arbeitsmärkte, Sozialsysteme und Staatshaushalte reformiert und regulatorische Hemmnisse abgebaut werden. Daran kann aber auch eine europäische Kapitalmarktunion nichts ändern. Sie ist kein Ersatz für wirksame Strukturreformen.
 
Profil: Die EU-­Kommission sieht eine übermäßige Abhängigkeit der Unternehmen in Europa von den Banken. Dies habe in der Wirtschaftskrise zu Finanzierungsengpässen geführt, als viele Institute ihre Kreditvergabe einschränken mussten. Ist es da nicht folgerichtig, die Kapitalmärkte zu fördern, um die Finanzierungsbasis zu verbreitern?
 
Götzl: Die zugrunde liegende Problemanalyse ist sehr einseitig. Der Bankensektor in der EU wird als zu groß angesehen, weil die größten europäischen Banken in den letzten 15 Jahren sehr stark gewachsen sind. Diese international tätigen Banken haben das Finanzsystem nah an den Zusammenbruch gebracht. Es wäre jedoch falsch, diese systemrelevanten Banken als charakteristisch für den gesamten europäischen Bankenmarkt anzusehen. Denn insbesondere in Deutschland gibt es eine Vielzahl kleiner regional tätiger Banken. Dazu zählen insbesondere die meisten Sparkassen und Genossenschaftsbanken, die weder an der Entstehung der Finanzkrise beteiligt noch in gleichem Maße betroffen waren wie die international tätigen Banken. Sie konnten im Gegenteil ihre Kreditvergabe in der Finanz­ und Wirtschaftskrise ausweiten und so eine Kreditklemme abwenden. Das sollte im Sinne der Subsidiarität von der EU­-Kommission bei der Schaffung der Kapitalmarktunion beachtet werden.

Profil: Nur etwa 30 Prozent des externen Finanzierungsvolumens wird in Europa über Kapitalmärkte aufgebracht, während es in den USA 80 Prozent sind. Was spricht dagegen, diesen Anteil zu steigern?


Götzl: Die Beschaffenheit der Unternehmen in Europa passt besser zu einer Bank­ als zu einer Kapitalmarktfinanzierung. Denn in Europa gibt es verhältnismäßig viele mittelständische Unternehmen, für die der Bankkredit von großer Bedeutung ist. Solchen Unternehmen fällt es häufig schwer, die Anforderungen an eine Kapitalmarktfinanzierung zu erfüllen – zu hoch sind die Kosten einer Anleihe­ oder Aktienemission und die damit verbundenen Publizitätspflichten. Zudem wollen insbesondere innovative mittelständische Unternehmen viele Informationen nicht öffentlich teilen. Auch hier scheidet eine direkte Finanzierung über den Kapitalmarkt aus. Ein Grund für die geringere Kapitalmarktfinanzierung in Europa ist schlichtweg, dass die Nachfrage der Unternehmen nach Kapitalmarktfinanzierungen gering ist.

Profil: Das könnte sich ändern, wenn Unternehmen der Zugang zu den Kapitalmärkten erleichtert wird. Unter anderem schlägt die Kommission vor, einen einheitlichen Rechnungslegungsstandard einzuführen. Würde das helfen?

Götzl: Die meisten Unternehmen in Deutschland bilanzieren nach dem Handelsgesetzbuch. Auch in anderen europäischen Ländern gibt es nationale Rechnungslegungsstandards, die vor allem von kleinen und mittleren Unternehmen genutzt werden. Unternehmen, denen der Zugang zu Kapital fehlt, müssten demnach einen zusätzlichen Bilanzierungsaufwand betreiben, um Investoren auf den Kapitalmärkten zu finden. Das ist keine überzeugende Lösung für das Problem der schwachen Mittelstandsfinanzierung in vielen europäischen Ländern. Denn über viele kleinere und mittlere Unternehmen gibt es nur wenige, objektivierbare Informationen. Die Informationslücke kann nicht mit neuen Standards geschlossen werden. Kapitalmärkte können das sogenannte relationship lending nicht ersetzen, das die Regionalbanken seit Jahrzehnten erfolgreich betreiben. Der Erhalt der Mittelstandsfinanzierung durch Banken muss deshalb in das Gesamtkonzept der Kapitalmarktunion eingebettet werden.

Stephan Götzl, Präsident des Genossenschaftsverbands Bayern (GVB), bei der Bilanzpressekonferenz der bayerischen Volksbanken und RaiffeisenbankenStephan Götzl

Profil: In welcher Form?

Götzl:
Mit der Zunahme der Regulierung wurde den Banken in den letzten Jahren ein enges Korsett geschnürt. Die steigenden Eigenkapital­ und Liquiditätsanforderungen erschweren ihnen die Kreditvergabe. Gleichzeitig will die EU­-Kommission den Finanzierungsbedarf der Unternehmen mit größeren Kapitalmärkten decken. Insbesondere mit Blick auf die kleinen und mittleren Unternehmen, bei deren Finanzierung Banken eine zentrale Rolle spielen, sind die Maßnahmen gegenläufig und somit kontraproduktiv. Denn angesichts des straffen Regulierungskorsetts können Banken ihrer Finanzierungsaufgabe immer schwerer nachkommen. Dieses Problem wird im Grünbuch nicht aufgegriffen.

Profil: Was fordern Sie?

Götzl: Der Erhalt der Mittelstandsfinanzierung erfordert eine angepasste Bankenregulierung. Dafür muss unter anderem der KMU-Korrekturfaktor in der europäischen Eigenkapitalverordnung dauerhaft erhalten bleiben. Ebenso müssen die Bestrebungen des Baseler Ausschusses und der europäischen Aufsichtsbehörden hinterfragt werden, die Zinsänderungsrisiken sowie die Liquiditäts-­ und Verschuldungsquoten stärker zu regulieren. Diese Maßnahmen laufen darauf hinaus, dass Banken die ihnen anvertrauten Einlagen nur in geringerem Maße als Kredite vergeben können. Dabei sind es gerade die einlagenstarken Banken, die in Deutschland den Mittelstand finanzieren. Kapitalmärkte können die Banken in der Mittelstandsfinanzierung nicht ersetzen.

Profil: Kommen wir von den potenziellen Kapitalnehmern zu den potenziellen Kapitalgebern: Im Zuge der Kapitalmarktunion soll in Zukunft verstärkt auch privates Kapital in die Kapitalmärkte fließen. Abgesehen davon, dass gerade deutsche Anleger als Wertpapier­-Skeptiker gelten: Welche Anforderungen stellt das an den Anlegerschutz?


Götzl: Zwischen dem Schutz der Anleger und der verstärkten Nutzung der Kapitalmärkte gibt es einen Zielkonflikt, der von der EU-­Kommission nicht aufgegriffen wird. Einerseits soll die Abhängigkeit der Unternehmen von den Banken durch die Stärkung der Kapitalmärkte in der EU reduziert werden. Hierfür müssten mehr Ersparnisse auf die Kapitalmärkte fließen. Das erfordert wiederum einen hohen Anlegerschutz, den Banken heute schon gewährleisten, der aber bislang auf den Kapitalmärkten nicht in vergleichbarem Maße gegeben ist. Andererseits soll die Nutzung der Kapitalmärkte durch Unternehmen und institutionelle Investoren weniger bürokratisch sein. Ein Großteil der Bürokratie ergibt sich jedoch aus den Anforderungen an den Anlegerschutz. Eine Reihe von den im Grünbuch vorgeschlagenen Initiativen sind vor diesem Hintergrund kritisch zu sehen. Dazu gehört die Stärkung von kapitalmarktorientierten Geschäftsmodellen wie Beteiligungsfonds. Denn gerade hier treten extreme Informationsasymmetrien zwischen Kapitalgebern und Kapitalnehmern auf. Die Anleger müssen deswegen adäquat geschützt werden. Dafür muss die Beaufsichtigung und Regulierung der Akteure auf diesen Märkten genauso umfassend sein wie die der Banken.
 
Profil: Was halten Sie von der Idee der EU-­Kommission, ein standardisiertes europäisches Kapitalmarktprodukt einzuführen?

Götzl: Auch wenn die konkrete Ausgestaltung noch offen ist, muss das Vorhaben kritisiert werden. Die EU-­Kommission würde damit direkt in die Entscheidungsfreiheit der Sparer eingreifen. Zwar können staatliche Sparanreize durchaus sinnvoll sein, wenn sie beispielsweise der Altersvorsorge dienen. Die Riester­-Sparverträge in Deutschland sind hierfür ein Beispiel. Der Unterschied zu einem standardisierten Kapitalmarktprodukt ist aber, dass dem Anleger beim Riester­-Sparen viele verschiedene Produkte zur Verfügung stehen. Der Sparer kann sein Geld wahlweise auf den Kapitalmärkten, bei Banken oder sogar in Immobilien anlegen. Der Staat fördert so das Sparen, aber nicht eine bestimmte Form der Ersparnisbildung. Das wäre bei einem einseitig geförderten europäischen Kapitalmarktprodukt nicht der Fall, demgegenüber alternative Geldanlagen an Attraktivität verlieren würden. Einen solchen Eingriff in die Entscheidungsfreiheit und Eigenverantwortung des Anlegers darf es nicht geben. Abgesehen davon: Ein Standardsparprodukt, das zu den Bedürfnissen aller Sparer passt, gibt es nicht. Vielmehr muss jeder Vermögensplan auf die individuellen Gegebenheiten und Präferenzen eines Anlegers abgestimmt werden.

Profil: Neben mehr Wirtschaftswachstum und Beschäftigung verspricht sich die EU-Kommission von der Kapitalmarktunion auch mehr Finanzstabilität, indem beispielsweise regionale Risiken überregional gestreut werden. In der jüngsten Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009 war genau das eines der Probleme...


Götzl: Die EU-­Kommission vertraut offenbar darauf, dass die Kapitalmärkte in einer Kapitalmarktunion in der Lage sein werden, Risiken zu diversifizieren und beispielsweise mittels Verbriefungen effizient zu verteilen. Doch das ist kein Automatismus. Funktioniert diese Risikoteilung nicht, ergeben sich Gefahren für die Finanzsystemstabilität. Ansteckungseffekte auf den Kapitalmärkten treten dann wahrscheinlicher auf. Die Subprime­-Krise in den USA und die weltweiten Streueffekte über die einschlägigen Verbriefungen haben das dramatisch vor Augen geführt.