Lebensmittel aus der Region

Bayerische Genossenschaften im Einkaufskorb

19.04.2017

Immer mehr Verbraucher bevorzugen heimische Kost. Von diesem Trend profitieren viele ländliche Genossenschaften in Bayern. Sie produzieren und vertreiben seit Jahrzehnten Lebensmittel aus der Region. Ein Blick in einen symbolischen Einkaufskorb zeigt, wo überall bayerische Genossenschaften dahinterstecken.

Salatköpfe in Holzkiste
Egal, ob Gemüse, Käse, Fleisch, Bier oder Wein: Bayerns Genossenschaften verkaufen nicht nur Lebensmittel, sondern auch ein Stück Heimat.


Mit Alfons Schuhbeck fing alles an: Als der Fernsehkoch 1989 „Das neue bayrische Kochbuch“ veröffentlichte, lernten die Verbraucher regionale Produkte zu schätzen. „In dem Buch standen Gerichte mit Zutaten aus der Region im Fokus. Das hat den Menschen gefallen“, erzählt Monika Gerschau, Professorin für Agrarmarketing an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. Was Schuhbeck damals anstieß, entwickelte sich rasch zum Selbstläufer.

Megatrend Regionalität


Regionale Lebensmittel sind heute ein „Megatrend“, wie Ulrich Hamm sagt. Der Agrarmarketing­Professor von der Universität Kassel hat untersucht, welche Gründe es für diese Entwicklung gibt. So wünschen sich immer mehr Verbraucher authentische Produkte statt austauschbarem Fast Food. Und sie wollen sich bei Bedarf vor Ort ein Bild über die Produktionsbedingungen der Nahrungsmittel machen können, sagt der Wissenschaftler.

Laut dem bayerischen Landwirtschaftsministerium ist der Trend zu mehr Regionalität im Freistaat besonders stark ausgeprägt. Rund 3.500 landwirtschaftliche Betriebe vermarkten ihre Agrarprodukte direkt. 350 Bauernmärkte gibt es in Deutschland, gut die Hälfte davon in Bayern. Und: Zwei von drei Verbrauchern erwerben mehrmals im Monat regionale Lebensmittel.

Auch der Lebensmitteleinzelhandel ist längst auf den Zug aufgesprungen: Fast alle Handelsketten und selbst die Discounter haben regionale Vermarktungskonzepte entwickelt, mit Herkunftssicherung und Rückverfolgbarkeit der Produkte bis zum Verbraucher. „In Zeiten von Globalisierung, Konzentration und Internethandel nutzen sie die Gelegenheit, sich auf diese Weise von der Konkurrenz abzuheben“, sagt Gerschau.

Bedeutende Rolle der Genossenschaften beim Lebensmittelvertrieb


Dieser Trend kommt den bayerischen Genossenschaften zugute, denen die Regionalität seit jeher in den Genen steckt. Sie spielen eine bedeutende Rolle für die Produktion und den Vertrieb regionaler Lebensmittel. Viele von ihnen sind in historisch gewachsene Strukturen eingebettet, die es Mitgliedern wie Genossenschaften ermöglichen, effektiv zu wirtschaften. Das Angebot an genossenschaftlichem Genuss ist groß. Um das zu zeigen, füllen wir einen symbolischen Einkaufswagen.

Los geht es mit dem Frühstück. Milch, Butter und Käse aus dem Kühlregal stammen häufig von einem genossenschaftlichen Milchverarbeitungsbetrieb, etwa der Molkerei Berchtesgadener Land eG, der BMI eG oder der Allgäu Milch Käse eG. Sie alle setzen erfolgreich auf Regionalität. „Viele Menschen sind regional orientiert und legen Wert auf Tradition, vor allem auf dem Land. Auch wirtschaftlich sind die genossenschaftlichen Milchbetriebe für den Freistaat von Bedeutung. Im vergangenen Jahr setzten sie insgesamt rund 2,9 Milliarden Euro um.

Weiter geht es mit der genossenschaftlichen Einkaufstour. Darf’s zum Abendessen ein saftiges Gulasch oder ein Schweinebraten sein? Gut möglich, dass das Fleisch von einer bayerischen Vieh- und Fleischgenossenschaft stammt. Zusammen mit den Zuchtgenossenschaften erwirtschafteten die zwölf Betriebe im vergangenen Jahr einen Umsatz von rund 645 Millionen Euro.

Unternehmen wie die Tagwerk eG oder die Simsseer Weidefleisch eG besetzen eine Nische im Metzgerhandwerk. Sie verarbeiten die Tiere direkt nach der Schlachtung, solange sie noch warm sind. So bleibt das Fleisch zarter. Beide Genossenschaften legen größten Wert darauf, dass die Tiere artgerecht gehalten werden und aus der Umgebung stammen. Die Nachfrage ist groß.

Genossenschaftliche Lebensmittelproduktion mit reiner Ökobilanz


Paprika und Zwiebeln für das Gulasch erzeugen zum Beispiel die Mitgliedsbetriebe der Franken-Gemüse Knoblauchsland eG. Weil sie auf kurze Transportwege setzen und ihre Gewächshäuser mit erneuerbarer Energie beheizen, stimmt bei diesen Produkten auch die Ökobilanz. Die Stärke der Kartoffelknödel wurde wahrscheinlich bei der Südstärke in Schrobenhausen hergestellt. Die genossenschaftliche Unternehmensgruppe verarbeitet rund ein Drittel der Kartoffelernte im Freistaat zu Stärkeprodukten.

Lust auf ein Helles zum Gulasch? Die zwölf Brauereigenossenschaften im Freistaat stehen für regionale Bierspezialitäten, zum Beispiel die Klosterbrauerei Reutberg eG oder die Privat­Brauerei Gut Forsting eG. 2016 gründeten engagierte Oberhachinger Bürger eine Genossenschaft, um ihr eigenes Bier zu brauen. Seitdem haben sie schon mehrfach neue Sorten gebraut. Jüngste Kreation der Brauerei Oberhaching ist ein Maibock.

Beim Brauen haben regionale Zutaten schon immer eine große Rolle gespielt. Der Hopfen kommt ziemlich sicher von der Hopfenverwertungsgenossenschaft aus Wolnzach. Aber auch die Braugerste wird meist aus der Nähe bezogen. „Wir finden in der Region alle Zutaten, die wir zum Brauen brauchen“, sagt Jochen Haas, Vertriebsleiter der genossenschaftlichen Brauerei Hutthurm. „Mit diesem Pfund können wir wuchern.“

Wer zum Gulasch lieber einen kräftigen Rotwein trinkt, wird bei den bayerischen Genossenschaften ebenfalls fündig. Sechs Winzergenossenschaften gibt es im Freistaat, große wie die Divino Nordheim Thüngersheim eG, oder kleine wie die Winzergenossenschaft Escherndorf. Rund 86 Millionen Euro haben Sie 2016 zusammen umgesetzt. Beim Wein sei die regionale Herkunft schon immer entscheidend gewesen, sagt Paul E. Ritter, geschäftsführender Vorstand der Winzergemeinschaft Franken eG (GWF). Jeder Wein sei so individuell wie seine Lage. „Mehr Regionalität als beim Produkt Wein gibt es nicht“, sagt Ritter.

Genossenschaften produzieren nicht Lebensmittel, sondern vertreiben sie auch


Diese Einkaufstour zeigt: Hinter vielen in Bayern produzierten Lebensmitteln stehen Genossenschaften. Aber sie stellen die Lebensmittel nicht nur her, sie vertreiben sie auch. Ein Beispiel sind die Sennereigenossenschaften, die ihren Käse im Laden, aber auch im eigenen Online-Shop vermarkten. Genossenschaftliche Dorfläden wie jener in Vogtareuth bei Rosenheim übernehmen für ihre Umgebung zudem eine wichtige Funktion als Nahversorger.

In der Landwirtschaft versorgt der Raiffeisen-Warenhandel die Landwirte mit Saatgut und allen benötigten Betriebsmitteln und nimmt ihnen die Ernte ab. „Für die Ernährungsindustrie, den Lebensmittelhandel und das Lebensmittelhandwerk sind Raiffeisen-Genossenschaften wichtige Partner entlang der gesamten Wertschöpfungskette vom Stall beziehungsweise Acker bis zur Ladentheke“, sagt Henning Ehlers, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Raiffeisen­verbands.

Die 61 Kreditgenossenschaften mit Warenbereich sowie die 35 Raiffeisen-Handelsbetriebe in Bayern kamen 2016 auf einen Gesamtumsatz von knapp 1,2 Milliarden Euro. Viele Raiffeisen-Märkte bieten zusätzlich zum Standardsortiment Lebensmittel aus der Region an, etwa Eier, Nudeln oder Wurst.

Ein Musterbeispiel für eine genossenschaftliche Wertschöpfungskette ist der Weg vom Getreide zum Brot. Erst liefert der Landwirt seinen Weizen an den Raiffeisen-Warenhandel. Dieser verkauft das Getreide an eine regionale Mühle, die eng mit den Bäcker- und Konditorengenossenschaften (Bäko) zusammenarbeitet.

„Regionalität ist auch bei den Bäkos ein großes Thema“, sagt Günter Kolb, Verkaufsleiter der Bäko Franken Oberbayern-Nord. „Wir beziehen weit über 90 Prozent unseres Mehls von Mühlen aus Franken.“ In den Bäko-Mitgliedsbetrieben entstehen dann aus dem Mehl und vielen weiteren Zutaten Semmeln oder Kuchen. Auch das ist genossenschaftlicher Genuss.


Der Artikel ist in der April-Ausgabe von „Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt“ erschienen.