Max Ferstl

„Nichts geht mehr“

16.10.2020

In seiner Reportage geht der junge Autor der Spielsucht nach und beschreibt, wie eine junge Frau in Spielhallen dieser Sucht verfällt. Die bunte Fantasiewelt der Spiele sei, gerade wenn es Probleme im echten Leben gebe, ein vermeintlicher Zufluchtsort. Um Geld ginge es oft gar nicht in erster Linie. Die Krankheit stelle sich allmählich und auf subtile Weise ein. Kleine Gewinne häuften sich, das Gehirn sendet Glückshormone aus und die Bereitschaft, höhere Summen zu investieren, steige nach und nach. Diesem Teufelskreis der Konditionierung zu entkommen, sei nur durch einen kompletten Neustart möglich, so die porträtierte Betroffene.
 


180.000 Spielsüchtige gebe es in Deutschland, hat Ferstl recherchiert. Zusätzliche 326.000 würden ein problematisches Spielverhalten aufweisen. Das Geschäft mit den Automaten boome seit Jahren, obwohl die Politik sich um eine Regulierung bemühe. Die Branche berufe sich darauf, Wert auf faires Spielen zu legen. Vertrauenserweckende Werbebotschafter wie Bastian Schweinsteiger verharmlosen die Gefahren des Glückspiels, warnen Suchtberater. Die Porträtierte sei nie von verantwortungsvollen Hallenbetreibern gewarnt worden. Erst als sie ihr komplettes Vermögen verspielt habe, fasste sie den Entschluss, gegen die Sucht anzukämpfen.

Die Jury lobt die sehr eindringliche und handwerklich herausragend geschriebene Reportage des jungen Redakteurs. Er habe die Protagonistin und ihre fast ruinöse Spielsuchtvergangenheit mit bemerkenswerter Beobachtungsgabe feinfühlig porträtiert. Gleichzeitig habe er die gesellschaftliche Brisanz des Themas herausgearbeitet. Gerade renommierte Sportler fürs Glückspiel werben: Sie würden dadurch ihrer Verantwortung nicht gerecht, sondern missbrauchten vielmehr ihre Prominenz – mit oft dramatischen Folgen. Der Artikel rüttle in seiner Eindringlichkeit auf – auch das sei eine Auszeichnung wert.


Fragen an den Preisträger
 

Wie sind Sie auf die Idee für den Beitrag gekommen?

Zu der Zeit hingen an vielen Bahnhöfen und Bushaltestellen große Plakate, auf denen der Fußballer Bastian Schweinsteiger für „faires“ Glücksspiel warb. Es wirkte auf den ersten Blick fast wie eine Aktion zur Prävention. Tatsächlich war es eine reine Werbekampagne für Spielhallen. Das war für mich der Auslöser, sich das Thema genauer anzuschauen.

Mit welchen Herausforderungen waren Sie bei der Recherche des Themas konfrontiert?

Es war nicht einfach, Betroffene zu finden, die bereit sind, über ihre Sucht zu sprechen. Spielsucht ist ein Thema, das stark mit Scham besetzt ist und über das viele aus nachvollziehbaren Gründen nicht gerne reden möchten – schon gar nicht mit einem Journalisten.

Worin liegt Ihr persönlicher Erkenntnisgewinn?

Bei Spielsucht geht es um mehr als den Verlust von Geld. Unter ihr leidet oft das gesamte Leben, die Beziehung zum Partner, die Familie, die Arbeit. Menschen, die spielsüchtig sind, müssten eigentlich geschützt werden. Zwar betonen die Automatenbetreiber regelmäßig ihre eigene Verantwortung. Doch man kann, vorsichtig formuliert, Zweifel bekommen, ob sie den Spielerschutz so ernst nehmen, wie es nötig wäre.