MiFID II: Zugang zu Anlageberatung für alle Sparer erhalten

19.07.2016

Ausgangslage


Mit der europäischen Finanzmarktrichtlinie MiFID II wurden im Jahr 2011 neue Regeln für die Anlageberatung festgelegt. Ziel der EU-Gesetzgeber war es, ein Nebeneinander von Provisions- und Honorarberatung zu ermöglichen. Deshalb gestattet die MiFID II-Richtlinie den Finanzunternehmen, provisionsbasierte Beratung anzubieten, sofern bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Beispielsweise muss die Servicequalität für den Kunden durch Provisionszahlungen verbessert werden. An die EU-Behörden erging der Auftrag, die Details dieser Anforderungen auszuarbeiten. Zu diesem Zweck hat die EU-Kommission im April 2016 eine delegierte Richtlinie vorgelegt. Sie muss nun in deutsches Recht übertragen werden. Außerdem kann die EU-Wertpapieraufsicht ESMA die Regeln nochmals präzisieren.

Problem


Persönliche Beratung in gut ausgestatteten Filialen nutzt den Anlegern. Daher sollte es Finanzunternehmen gestattet sein, die dazu erforderliche Infrastruktur durch Provisionseinnahmen zu finanzieren. Allerdings lässt die delegierte Richtlinie Interpretationsspielräume, welche im weiteren Umsetzungsprozess für ein faktisches Verbot der provisionsbasierten Beratung genutzt werden können. Beispielsweise ist vorgesehen, dass Kunden durch die Provisionsberatung ein „materieller Vorteil“ entstehen muss. Auf dieser Grundlage könnten Aufsichtsbehörden verlangen, dass Banken bei Provisionsberatung für einzelne Kunden einen „materiellen Vorteil“ – zusätzliche Einnahmen oder geringere Aufwendungen – nachweisen müssen. Ein solcher Einzelfallnachweis ist jedoch in der Praxis kaum möglich. Somit besteht die Gefahr, dass die Wertpapieraufsicht ESMA oder die EU-Mitgliedsstaaten eine Einschränkung der Provisionsberatung erzwingen.

Damit würde jedoch den Anlegern in Deutschland ein Bärendienst erwiesen. Das zeigt der Blick nach Großbritannien: Dort setzt man seit 2013 allein auf Finanzberatung gegen Honorar. Die provisionsbasierte Beratung wurde verboten. In der Folge zogen sich die Wertpapierfirmen aus dem Geschäft mit Kleinanlegern zurück. Nach Angaben der britischen Finanzaufsicht berät inzwischen ein Drittel der Anlageberater nur noch Kunden mit einem Anlagevolumen von mindestens 100.000 Pfund (rund 118.000 Euro). Dieser Anteil hat sich seit Einführung der neuen Regeln im Jahr 2013 mehr als verdoppelt. Die Leidtragenden einer solchen Politik sind Kleinanleger, die in Zeiten niedriger Zinsen und hoher Kursschwankungen auf fachkundigen Rat verzichten müssen.

Lösung


Bei der anstehenden Umsetzung der EU-Regeln in deutsches Recht müssen Gesetzgeber und Aufseher mit großem Fingerspitzengefühl vorgehen. Die provisionsbasierte Beratung ist der Garant dafür, dass Sparer flächendeckend und unabhängig von der Höhe ihres Vermögens einen Zugang zu qualitativ hochwertiger Finanzberatung haben. Die MiFID II-Richtlinie erkennt das an. Bei der Umsetzung der europäischen Vorgaben in Deutschland sollten praxistaugliche Lösungen gefunden werden, die ein Nebeneinander von Provisions- und Honorarberatung ermöglichen. Insbesondere muss eine Einschränkung der provisionsbasierten Anlageberatung verhindert werden.