Moritz Aisslinger

Die armen Kinder vom Silicon Valley

13.10.2017

Der Gewinner des Förderpreises für junge Journalisten zum Thema Digitalisierung 2017 beschreibt in seiner erschütternden Sozial-Reportage die Schattenseiten des Silicon Valley. Im strahlenden und reichen „Zukunftslabor“ der Welt, Innovationsort Nummer eins und Sitz von Internetgiganten wie Apple und Google, gebe es eine neue Armut: immer mehr Menschen, die wohnsitzlos seien und von Almosen leben.


Die armen Kinder vom Silicon Valley, Beitrag von Moritz Aisslinger

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Er porträtiert die Alleinerziehende LaConya Gilbert, die trotz mehrerer Minijobs seit über zwei Jahren kein festes Zuhause hat und im Obdachlosenasyl lebt. Ihre zwei Kinder kann sie nur über Essens- und Kleidergutscheine gemeinnütziger Tafeln versorgen. Sie kämpft ums Überleben.

Oder Barbara Williams, die als Förderlehrerin arbeitet, bei einer Sicherheitsfirma beschäftigt ist und gleichzeitig eine Weiterbildung im Versicherungsbereich macht – und trotzdem nicht ohne Unterstützung über die Runden kommt. Beide Porträts machen deutlich, wie die Konzentration der Superreichen die Mittelschicht an diesem Ort geradezu wegschmilzt. Die Immobilienpreise seien unerbittlich hoch. Doch statt Sozialwohnungen zu bauen, würden die mächtigen IT-Riesen wie Facebook beispielweise durch eine niedrige Besteuerung begünstigt. Offiziell beschwöre das Silicon Valley gerne Vielfalt und Offenheit, würde dies aber in der Praxis nicht umsetzen, so der Autor.

Menschen mit schwarzer Hautfarbe machten zum Beispiel nur ein Prozent der Belegschaft von Google aus. Die globalen Unternehmen seien der Region längst entwachsen. Sie würden ambitionierte Projekte wie Mondreisen für alle oder eine Kontaktlinse für Diabetiker vorantreiben und mit viel Geld subventionieren. Gleichzeitig aber würden sie Millionen sparen beispielsweise durch die Rekrutierung von Leiharbeitern, die zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben verdienen. Es sei generell ein schmaler Grat zwischen Reich und Arm in Amerika, aber nirgendwo stürze man schneller aus dem Leben als im Silicon Valley.

„Die armen Kinder vom Silicon Valley“ ist eine herausragende Reportage. Gerade in den Porträts der alleinerziehenden Mutter und des Google-Managers Prajesh Parekh besticht sie ungemein. Sie ist hartnäckig recherchiert – insbesondere beim Auffinden eines Gesprächspartners bei den IT-Giganten – und hintergründig. Sie hört die Armen an, die Reichen, den Ökonomen Chris Benner, einen Vertreter von „LifeMoves“, der mit großer Mühe die wachsende Zahl der Obdachlosen zu verringern versucht, sowie Vertreter anderer Hilfsorganisationen. Der Autor arbeitet dabei den Kontrast zwischen Arm und Reich sehr eindringlich heraus und verknüpft die beiden Ebenen elegant miteinander.

Mit jedem seiner Gesprächspartner entlarvt Moritz Aisslinger die alles andere als glitzernde Kehrseite der digitalisierten Arbeitswelt. Er beschreibt die Dynamik der Abwärtsspirale für die Armen: Sie steht im Gegensatz zur festen Überzeugung von Google-Manager Parekh, doch eigentlich Gutes zu tun. Seine Aussage, man habe das Wissen und Können, um die Probleme der Welt zu lösen, wird gnadenlos der prekären Realität gegenüberstellt: Vor der eigenen Haustür gibt es offensichtlich keine Rezepte gegen die bittere Not.

Mit dem Fazit, dass die IT-Riesen im Valley ihrer sozialen Verantwortung nur bedingt gerecht werden und ihre Spendenbereitschaft vielmehr einem „Schweigegeld“ für ein nicht zu duldendes Versagen entspreche, entlässt einen das bedrückende Dossier. Es hallt lange nach – auch durch die einzigartige Bilderwelt der Fotografin und Pulitzer-Preisträgerin Preston Gannaway.

Fragen an den Preisträger Moritz Aisslinger

Moritz Aisslinger (Foto: Livia Valensise)Moritz Aisslinger (Foto: Livia Valensise)


Wie sind Sie auf die Idee für den Beitrag gekommen?

Den Anstoß, die Geschichte vor Ort zu recherchieren, gaben die Ressortleiter des Zeit-Dossiers, Tanja Stelzer und Wolfgang Uchatius. Sie hatten gehört, dass im Silicon Valley – berühmt für seine mythischen Garagen, aus denen Google, HP und Apple erwachsen sind – alteingesessene Einwohner und ganze Familien nun in eben jene Garagen ziehen müssen, weil sie sich keine normale Wohnung mehr in der Umgebung leisten können. Ich stieß dann durch eine Internetrecherche, vor allem in lokalen Medien, auf Berichte über Slums, die nur einen Steinwurf entfernt von den Firmensitzen der Tech-Giganten liegen, auf Statistiken über die enorme soziale Ungleichheit im Silicon Valley, auf die Buslinie 22. Wir wollten schließlich wissen, wer die Menschen auf der einen und auf der anderen Seite sind, wie sie auf ganz unterschiedliche Art und Weise nebeneinander her leben und natürlich der Frage nachgehen, warum es hinter dieser glänzenden Fassade so viel Elend gibt.

Mit welchen Herausforderungen waren Sie bei der Recherche des Themas konfrontiert?

Die großen Internetfirmen sind äußerst verschwiegen. Interviewanfragen werden meist abgelehnt, besonders bei einem solchen Thema. Noch in Deutschland versuchte ich deshalb wochenlang, Mitarbeiter zu kontaktieren, um mit ihnen über die Situation zu sprechen. Ich wollte wissen, ob es in den Unternehmen ein Bewusstsein für das Problem gibt, inwiefern sie sich in der Verantwortung sehen und wie die einzelnen Tech-Arbeiter die Armut vor ihrer Haustür persönlich wahrnehmen Doch kaum einer wollte reden. Erst ganz am Ende der Recherche, einen Tag vor dem Abflug, sagte der Google-Abteilungsleiter Prajesh Parekh zu. Aber nur, weil er im Vorstand einer Obdachlosenorganisation sitzt, und deren Chefin, die ich zuvor getroffen hatte, ihn darum bat.

Worin liegt Ihr persönlicher Erkenntnisgewinn?


Während der Recherche im Silicon Valley wurde das Zerrbild deutlich, das Facebook, Google und Co. der Öffentlichkeit vermitteln. Sie verbreiten gerne die Erzählung, mit ihren Produkten die Welt verbessern zu wollen: den Hunger in Afrika bekämpfen, Bildung für alle, medizinische Versorgung auch in den entlegensten Regionen. Das hört sich gut an, das lässt sich gut verkaufen. Doch zeitgleich sind einige ihrer direkten Nachbarn durch ihren wirtschaftlichen Aufstieg ins soziale Nichts abgestiegen. Darüber schweigen sich die Konzerne allerdings lieber aus.