Nachhaltige Finanzwirtschaft: Finanzberatung nicht mit Nachhaltigkeitsabfrage überfrachten

16.08.2018

Ausgangslage


Die EU-Kommission möchte private Gelder für nachhaltige Zwecke wie Umwelt- oder Klimaschutz mobilisieren. Insbesondere Sparer und Kleinanleger sollen verstärkt in solche Projekte investieren. Dazu setzt die Kommission bei der Finanzberatung an: Banken sollen in Beratungsgesprächen die Einstellung ihrer Kunden zu ökologischen und sozialen Aspekten sowie zum Thema „gute Unternehmensführung“ abfragen. Diese Präferenzen sollen dann in Beratung und Investitionsentscheidung der Kunden einfließen. Im Mai hat die Kommission zwei delegierte Rechtsakte vorgelegt, mit denen die zugrundeliegenden Richtlinien, die Finanzmarktrichtlinie MiFID II und die Versicherungsvertriebsrichtlinie IDD, angepasst werden sollen. Parallel dazu hat die Behörde eine Klassifizierung vorgelegt, die nachhaltige Geldanlagen definieren soll. Das Europäische Parlament hat bereits seine Unterstützung für die Vorschläge der Kommission signalisiert.

Problem


Banken bieten ihren Kunden schon heute ausführliche Beratungsleistungen auch bei Fragen zu nachhaltigen Geldanlagen und berücksichtigen die Wünsche ihrer Kunden bei der Empfehlung von Anlageprodukten. Eine verpflichtende Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen ist daher überflüssig. Vielmehr grenzt es an Gängelung der Kunden, wenn jeder Anleger neben der Vielzahl von bereits verpflichtenden Angaben zu Person, Einkommen und Lebensplanung zusätzlich seine Einstellung zu Fragen der Umwelt-, Klima- oder Sozialpolitik angeben muss. Es besteht die Gefahr, dass Beratungsgespräche von Kunden als „Verhörsituation“ wahrgenommen werden. Kunden könnten sich sogar unter Druck gesetzt fühlen, in nachhaltige Anlagen zu investieren.
Mit der MiFID II und der IDD hat die Bürokratie in der Anlage- und Versicherungsberatung stark zugenommen. Bankkunden beschweren sich immer häufiger über langatmige Beratungsgespräche, gesetzliche Hindernisse beim Wertpapierkauf und eine Flut an Informationsdokumenten. Für die Bankkunden bedeutet die Abfrage von Nachhaltigkeitszielen im Rahmen der Anlageberatung zusätzliche Bürokratie. Das erhöht die Hürden für Beratung und Geldanlage und kann negative Folge für die Altersvorsorge und die Risikoabsicherung haben. Dabei haben sich die Regierungsparteien in Deutschland erst vor kurzem geeinigt, innezuhalten und den Verbraucherschutz in der Finanzberatung auf seine Sinnhaftigkeit zu überprüfen.

Lösung


Eine verpflichtende Abfrage von Nachhaltigkeitspräferenzen in der Anlageberatung ist überflüssig und setzt Fehlanreize. Die EU-Kommission muss ihren Vorschlag daher dringend zurückziehen. Lenkt die Behörde nicht ein, sollte der Rat der EU seine Mitspracherechte nutzen und die Vorschläge stoppen. Statt einer Zwangsbefragung der Kunden, braucht es einheitliche Begrifflichkeiten für nachhaltige Geldanlagen. Europäische Standards für nachhaltige Finanzprodukte wie EU-Labels für „Green Bonds“ vereinfachen die Beratung und unterstützen Anleger bei ihrer Investitionsentscheidung. Außerdem muss endlich überprüft werden, welche Auswirkungen die bestehenden Vorschriften zur Finanzberatung auf die Bankkunden haben. Eine solche Evaluierung des finanziellen Verbraucherschutzes haben die deutschen Regierungsparteien bereits in ihrem Koalitionsvertrag angekündigt. Dieser Ankündigung müssen jetzt Taten folgen.