Nadja Armbrust, Marlen Fercher, Benedikt Nabben, Malcolm Ohanwe, Christian Orth, Bianca Taube, Tatjana Thamerus und Sümeyye Uğur

„Die Unsichtbaren – Bulgarische Wanderarbeiter in Deutschland“

16.10.2020

Die jungen BR-Reporterinnen und Reporter mischen sich unter den sogenannten „Arbeiterstrich“ im Münchner Bahnhofsviertel. Bulgarische Wanderarbeiter stehen hier frühmorgens in Gruppen auf dem Gehsteig zusammen. Sie warten auf vorbeifahrende Lieferwagen, die sie zu Billigjobs auf Baustellen oder in Putzkolonnen bringen. Wer sind diese Menschen, woher kommen sie und was treibt sie in diese ungewisse und manchmal würdelose Tagelöhner-Welt?


Um Antworten zu finden, folgen sie den Spuren dieser Menschen nach Zentralbulgarien in das Städtchen Pasardschik. Sie erfahren, dass die meisten einer sehr armen türkischen Minderheit entstammen. Auch dort würden sie ausgegrenzt und unter slumähnlichen Zuständen leben. Die Wanderarbeit in Deutschland sei oft die einzige Hoffnung auf ein besseres Leben, einen anständigen Verdienst und sozialen Aufstieg. Viele seien Analphabeten. Die Arbeiter würden viel in Kauf nehmen, von der Trennung von der Familie bis hin zur Obdachlosigkeit an ihren Arbeitsstätten. Manch einer würde auch versuchen, sich in Deutschland Geld mithilfe von Täuschungen zu erschleichen und Hilfsangebote zu missbrauchen. Auch diese Erfahrung müssen die Reporter machen. Ihnen offenbart sich eine Parallelwelt, die für die achtlos Vorübergehenden meist unsichtbar bleibt.

Die Jury hat die gänzlich unvoreingenommene, hartnäckige und mutige Vor-Ort-Recherche von Nadja Armbrust, Malcolm Ohanwe und Sümeyye Uğur (das ist das Team gewesen, das auch in Bulgarien war) überzeugt. Allein schon der Beginn des TV-Stücks sei herausragend: Er zeige, wie mühsam es war, an diese Menschen heranzukommen. Sie hätten sich in keiner Weise entmutigen lassen. Aus Bulgarien hätten sie Eindrücke transportiert, die einem sonst nicht geboten werden – komplett aus der Hand gedreht ohne Kamerateam. Einige Medien hätten schon über die Wanderarbeiter aus Bulgarien berichtet. Diese Reportage aber sei eindringlich und wirke stark nach. Sie sei echte Reporterarbeit, nahe an bei den Menschen und damit preiswürdig.

Fragen an die Preisträger


Wie sind Sie auf die Idee für Ihren Beitrag gekommen?

Diese Reportage entstand als sogenanntes Rudel-Projekt. Mehrere Autor*innen haben gemeinsam mit unterschiedlicher Beteiligung sich eingebracht. Für dieses Projekt eignete sich ein Thema mit so vielen verschiedenen Protagonistinnen und Protagonisten dieses Konzept besonders, da wir Staffellauf-ähnlich immer an die nächste Person Arbeit weitergeben konnten. Unsere Autorin Sümeyye spricht Türkisch, sodass sie eine Schlüssel-Funktion übernommen hat in der Kommunikation und wir uns auf die türkisch sprechende Minderheit konzentrierten im Gegensatz zu etwaigen Gruppen, die nur Rumänisch, Romanes oder Bulgarisch beherrschen. Unsere Autor*innen Nadja und Christian begannen früh die Kontakt-Aufnahme zu den behördlichen Hilfsstellen und entdeckten, wie weitreichend das Thema ist. Für unseren Autor Malcolm war es schon länger ein Anliegen Menschen die zu marginalisierten Personengruppen, so sammelte er einen großen Pool an Kontakten und tauchte in die Lebenswelten der Betroffenen ein. Im Grunde genommen wandelte sich die Zielführung des Beitrags mit dem Dreh, der gleichzeitig auch Recherche war.

Mit welchen Herausforderungen waren Sie bei der Recherche des Themas konfrontiert?

Neben der Sprachbarrieren, gab es viele Situationen wo wir in Sackgassen gerieten, nicht sicher waren, wie ernst jemand etwas meint oder wie „verlässlich“ das Wort eines Protagonisten ist, oder ob wir die kulturellen oder sprachlichen Codes einfach nicht richtig entziffert hatten. Oft mussten wir mit dem Handy drehen, da es sehr schnell gehen musste und wichtige Kern-Momente schnell verfließen.

Worin liegt Ihr persönlicher Erkenntnisgewinn?

Zum einen sind viele der migrantischen Personen, die wir als Türkisch wahrnehmen, tatsächlich Bulgarische Staatsbürger*innen. Wir haben gelernt, welche Apartheidesken Zustände in Bulgarien herrschen, wie die Bulgar*innen der Roma- und türkischen Minderheit, die einen dunkleren Phänotyp haben in eigenen segregierten Ghettos leben und eine sehr kaputte bis kaum vorhandene Infrastruktur haben, während die weißen Bulgar*innen gute funktionierende Schulen, Straßen etc. genießen. Kinder werden in der Europäischen Union in Korrelanz mit ihrer ethnokulturellen Zugehörigkeit in Verhältnisse der Ungleichheit geboren.