Neuentwicklung der Energiegenossenschaft Inn-Salzach

Lärmschutz und grüner Strom aus einer Wand

23.11.2016

Die Energiegenossenschaft Inn-Salzach (EGIS) hat an einer Bundesstraße Schallschutzwände mit integrierten Solarmodulen aufgestellt. Diese Kombination ist neu - und bietet einige Vorzüge.

Schallschutzwand mit Solarmodulen von der Energiegenossenschaft Inn-Salzach
Die Schallschutzwand mit Solarmodulen von der Energiegenossenschaft Inn-Salzach.



Wie eine Weltneuheit sieht die neue Schallschutzwand an der ehemaligen B12 im oberbayerischen Neuötting nicht aus: fünf Meter hoch, 230 Meter lang und in der Mitte ein Glaselement – wie moderne Schallschutzwände nun einmal so aussehen. Einzigartig machen das Bauwerk die integrierten Photovoltaikmodule. Darüber hat zuletzt sogar das Bayerische Fernsehen berichtet.

Bisher mussten die Solarmodule immer erst nachträglich auf bereits stehenden Wänden angebracht werden. Das hat Nachteile: Nachdem eine Firma die Lärmschutzwand errichtet hat, muss im Anschluss ein anderer Betrieb noch die Solarmodule anbringen. „Das erhöht den Aufwand und kostet zusätzlich Zeit und Geld“, sagt Christoph Strasser, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Energiegenossenschaft Inn­Salzach (EGIS). Die neuen Schallschutzwände bestehen dagegen aus vier Meter breiten und einen Meter hohen, vormontierten Bauteilen, die schnell und ohne großen Aufwand an ihren Trägern angebracht werden können. Für die gesamte Schallschutzwand war deshalb lediglich eine Bauzeit von acht Tagen notwendig.

Pläne für Schallschutz und Energiegewinnung nehmen Gestalt an


Ursprünglich waren noch konventionelle Solarmodule für das Projekt vorgesehen. Der Bürgermeister der Stadt Neuötting, Peter Haugeneder, wandte sich auf der Suche nach Partnern für das Vorhaben jedoch auch an die EGIS, in deren Auf­sichtsrat er sitzt. Dort spannen die Verantwortlichen um Strasser die Idee weiter und entwickelten das Grundkonzept für eine Kombination der Elemente Schallschutz und Energiegewinnung.

Die Suche nach einem passenden Anbieter gestaltete sich allerdings schwierig. „Wir hatten nicht damit gerechnet, dass es so etwas noch gar nicht gab“, sagt Strasser. In Karlsruhe wurde die Genossenschaft schließlich doch noch fündig: Ein Anbieter von Lärmschutzwänden hatte bereits einige Prototypen entwickelt, die erst die EGIS und dann auch die Verantwortlichen der Stadt Neuötting überzeugten. Die Kooperation kam zustande. Die Genossenschaft holte daraufhin noch ein auf Photovoltaikanlagen spezialisiertes Unternehmen ins Boot, mit dem sie bereits gute Erfahrungen gemacht hatte.

Zusammen entwickelten sie den Prototypen bis zur Marktreife und planten die Anlage in Neuötting. Die Federführung übernahm die EGIS. „Wir sind schon ein wenig stolz darauf, dass wir die Interessen der beiden Firmen, der Stadt und der Genossenschaft so reibungslos koordinieren konnten“, sagt Strasser. Auch technisch anspruchsvolle Aufgaben wie etwa die richtige Verkabelung der in die Bauteile integrierten Solarmodule seien gut gelungen.

Akzeptanz der Schallschutzwand überwiegt technische Nachteile


Strasser räumt ein, dass die PV-­Schallschutzwand im Vergleich zu konventionellen Anlagen teurer ist. Zudem liefert die Anlage aufgrund des steilen Aufstellwinkels von 86 Grad um 15 Prozent weniger Strom als Anlagen, die im optimalen Bereich von 25 bis 30 Grad Neigung gegenüber dem Erdboden errichtet werden. Das sind Nachteile, die die Energiegenossenschaft in Kauf nimmt: „Die Akzeptanz in der Bevölkerung ist wesentlich höher als bei herkömmlichen Anlagen, für die geeignete Flächen ohnehin zunehmend rar werden“, erklärt Strasser. Darüber hinaus habe der steile Winkel den Vorteil, dass sich die Anlage selbst reinigen kann. Pollen, Staub, Schnee und Laub bleiben nicht haften oder werden vom Regen zuverlässig abgewaschen. Auch Diebstahl ist so gut wie unmöglich.

Knapp 60.000 Kilowattstunden Strom soll die Anlage jährlich liefern. „Wir haben hier sehr vorsichtig gerechnet und gehen davon aus, dass wir das Ziel übererfüllen werden“, sagt Strasser. Die Hälfte des produzierten Stroms wird direkt ins Netz eingespeist. Den Rest nimmt die nahe Montessori­Schule ab. Diese hat die Stromerzeugung in ihrer Nachbarschaft bereits in den Unterricht integriert. Das ist ganz im Sinne der EGIS, die sich die regionale Energiewende auf die Fahnen geschrieben hat und mit ihren Projekten auch andere Genossenschaften inspirieren will.


Der Artikel ist in der November-Ausgabe von „Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt“ erschienen.


Bilder von der Schallschutzwand der Energiegenossenschaft Inn-Salzach