Othmar Karas zu Unternehmensfinanzierung

Zugang zu Bankdarlehen nicht erschweren

07.10.2016

In Europa finanzieren sich kleine und mittlere Unternehmen (KMU) überwiegend über ihre Hausbank. Das muss bei der geplanten Kapitalmarktunion berücksichtigt werden, so der EU-Abgeordnete Othmar Karas im Interview. Er fordert außerdem mehr Verhältnismäßigkeit bei den Regulierungsvorschriften und den Erhalt des KMU-Korrekturfaktors.


EU-Abgeordneter Othmar Karas: Die geplante Kapitalmarktunion dürfe den Zugang zu Bankdarlehen für kleine und mittlere Unternehmen nicht erschweren.

Herr Karas, die Europäische Kommission will Unternehmen im Rahmen der geplanten Kapitalmarktunion den Zugang zu Finanzmitteln erleichtern. Welche Rolle spielen dabei Bankdarlehen als Finanzierungsquelle für KMU?

Othmar Karas: In dem von mir vorgelegten Bericht über den Zugang von KMU zu Finanzmitteln in einer Kapitalmarktunion, der Mitte September mit einer großen Mehrheit vom EU-Parlament beschlossen wurde, wird die zentrale Rolle der Banken bei der Finanzierung der KMU hervorgestrichen. Darauf müssen wir im Rahmen der Kapitalmarktunion aufbauen. Die traditionelle Rolle der Banken darf nicht angegriffen werden, sondern sie muss vielmehr um zusätzliche Angebote und Finanzierungsoptionen erweitert werden.

Schätzt die EU-Kommission die Bedeutung von Regionalbanken für die Kreditfinanzierung des Mittelstands richtig ein?

Karas: Gerade im zentraleuropäischen Raum haben sich die Regionalbanken eine starke Stellung als Partner des Mittelstands erworben. Durch ihre  angjährigen Geschäftsbeziehungen, speziell mit Familienunternehmen, verfügen sie über ein detailliertes Einschätzungsvermögen von Unternehmen, das sich oft nicht in starre Reportvorschriften fassen lässt. Hier gilt es bei der Kommission, wie bereits im Rahmen der Eigenkapitalrichtlinie, auf diese besondere Rolle der Regionalbanken beim Aufbau der Kapitalmarktunion verstärkt hinzuweisen.

Wie kann der Zugang von KMU zu Finanzierungsmitteln vor diesem Hintergrund am wirksamsten gesichert werden?

Karas: In Europa finanzieren sich 80 Prozent der Unternehmen über Banken und lediglich 20 Prozent über den Kapitalmarkt. In den USA verhält es sich genau umgekehrt. Deshalb hat die Umsetzung der Baseler Standards in europäisches Recht auch viel stärkere Auswirkungen auf europäische KMU als auf amerikanische Unternehmen. Bei der kommenden Überprüfung der Eigenkapitalregulierung gilt es dies zu beachten, um aktuelle Hürden bei der Finanzierung zu glätten.

Die EU-Kommission möchte den sogenannten KMU-Korrekturfaktor erhalten. Halten Sie diesen Schritt für ausreichend?

Karas: Das EU-Parlament will  ich nicht nur für eine Verlängerung des KMU-Korrekturfaktors einsetzen, sondern fordert auch, dass eine Erhöhung des aktuellen Werts von Seiten der Kommission geprüft werden muss. Das hat es durch meinen KMU-Bericht bekräftigt.

Einerseits will die EU-Kommission Unternehmen den Zugang zu Finanzmitteln erleichtern, andererseits werden vor allem Regionalbanken durch immer neue Vorschriften und steigende Kapitalanforderungen belastet. Das erschwert ihnen die Kreditvergabe. Wie lässt sich dieser Widerspruch auflösen?

Karas: Eines der zentralen Werkzeuge, um zu verhindern, dass es zu einer massiven Belastung kleinerer Institute durch überhöhte Reportingvorschriften kommt, war das Instrument der „Proportionalität“. Obwohl diese Maßnahme in vielen Teilbereichen der Eigenkapitalrichtlinie und -verordnung verankert wurde, hat sich leider gezeigt, dass die verschiedenen Aufsichts- und Rechtssetzungsbehörden darunter nicht immer das Gleiche verstehen. Im Zuge der nun anstehenden Überprüfung der Eigenkapitalregulierung muss deshalb ein Schwerpunkt auf die Verhältnismäßigkeit und die Proportionalität bei der Anwendung der Bankenvorschriften gelegt werden. Wir brauchen endlich eine allgemein gültige Definition des Begriffs Proportionalität, damit klargestellt  ist, wer von Vorschriften und Reportingpflichten befreit sein soll, wenn eine Bank unter einem gewissen Schwellenwert bleibt.

Der Baseler Ausschuss plant weitere regulatorische Vorgaben für die Kreditvergabe, etwa die Überarbeitung des Kreditrisikostandardansatzes. Wie bewerten Sie die Pläne?

Karas: Die Arbeiten des Baseler Ausschusses schreiten zügig voran und werden vom EU-Parlament mit großem Interesse beobachtet. Klar ist aber, dass der Ball aktuell bei den EU-Staaten  liegt, die Mitglieder in den Baseler Ausschuss entsenden. Ich würde mir wünschen, dass die EU-Kommission hier stärker in eine Moderatoren- und Koordinatorenrolle schlüpft. Wir Europäer kommen unter die Räder, wenn wir nicht geeint auftreten und unser volles Gewicht in die Waagschale werfen. Die EU-Kommission als zentraler Akteur der europäischen Koordination und regelmäßige Informationsrunden zum aktuellen Stand im Rahmen des EU-Finanzministerrats wären in meinen Augen der richtige Weg, um unsere Kräfte zu bündeln und die Arbeit des Baseler Ausschusses aktiv mitzugestalten. 

Das Interview ist in der Oktober-Ausgabe von "Profil - das bayerische Genossenschaftsblatt" erschienen.