Peter Hartmann im Interview

Chancen deutscher Milchprodukte auf den Exportmärkten

Peter Hartmann ist Vorstandssprecher der Bayerischen Milchindustrie (BMI), die 1952 als Zentralunternehmen der Molkereigenossenschaften in München gegründet wurde. Im Interview spricht er über die Chancen deutscher Milchprodukte auf den Exportmärkten und erklärt, welche Auswirkungen der Wegfall der Milchquote für die Molkerei-Industrie und für die mittelständischen Erzeuger im Freistaat haben wird.


Peter Hartmann, Vorstandssprecher der Bayerischen Milchindustrie (BMI)Peter Hartmann, Vorstandssprecher der Bayerischen Milchindustrie (BMI)


Herr Hartmann, Ihr Unternehmen exportiert mehr als die Hälfte seiner rund 350 Produkte. Welche Rolle spielt der Export für die bayerische Milchwirtschaft im Allgemeinen und die BMI im Besonderen?

Hartmann: Bayern produziert einen Milchüberschuss, der nicht regional – ja noch nicht einmal bundesweit abgesetzt werden kann. Vor diesem Hintergrund fällt dem Export eine immense Bedeutung zu. Noch stellt das EU-Ausland den wichtigsten Exportraum. Doch hier ist die Nachfrage nahezu gesättigt. Daher nimmt die Bedeutung von Drittländern für die Milchausfuhr zu.


Welchen Exportmärkten rechnen Sie langfristig die größten Wachstumschancen zu?

Hartmann: Ein Großteil der Überschüsse fließt schon heute nach Asien und Ozeanien. Der mit Abstand wichtigste Exportmarkt ist China. Die dortige Regierung fördert den Milchkonsum der Bevölkerung aktiv, was ein stetiges Nachfragewachstum nach sich zieht. Doch auch Indien, Afrika und Südamerika zeigen eine vergrößerte Nachfrage nach Molkereiprodukten aufgrund ihres wachsenden Wohlstands.


Was sind für die BMI die wichtigsten Produkte im Export?


Hartmann: Historisch hat die Produktion von Trockenmilchprodukten für die BMI eine außerordentliche Bedeutung. Das ist auch heute noch so. Derzeit wichtigstes Exportprodukt sind Molkenpulverderivate aller Art. Diese exportieren wir nach China, Japan, Vietnam, Thailand, Indonesien und auf die Philippinen. In Südkorea können wir zudem eine steigende Nachfrage nach Produkten aus dem Biosortiment beobachten.


Wo sehen Sie Wachstumschancen im deutschen Markt?

Hartmann: Der deutsche Markt ist gesättigt. Zwar hatten wir letztes Jahr ein leichtes Bevölkerungswachstum und eine moderat zunehmende Milchnachfrage. Das ändert aber nichts am langfristigen Trend. Wachstum erleben wir noch in Nischenmärkten, etwa bei unseren ethnischen Marken. So haben wir spezielle Produkte für die circa vier Millionen türkischstämmigen Menschen in Deutschland, wie Ayran, sowie ein griechisches Sortiment.


In welchem Maße wird das Auslaufen der Milchquote die bayerische Milchwirtschaft verändern?

Hartmann: Wir haben vor eineinhalb Jahren eine Umfrage unter unseren Zulieferbetrieben gemacht. Diese befinden sich überwiegend in Franken und Ostbayern, teilweise auch in Sachsen-Anhalt. Je nach Region haben die Höfe sehr unterschiedliche Erwartungen hinsichtlich der Entwicklung ihrer Liefermengen. In Sachsen-Anhalt, das traditionell größere Hofstrukturen hat, erwarten die Landwirte eine Ausweitung der Liefermenge – das Gleiche gilt für Ostbayern. In Mittelfranken gehen wir von keiner signifikanten Zunahme aus. In den für die Milchwirtschaft günstigen Räumen im Nord-Westen und Norden der Republik werden sich dagegen vermutlich neue Großstrukturen bilden, die wesentlich mehr Milch anliefern können als bislang. Das wird nicht ohne Auswirkungen auf die bayerische Milchwirtschaft bleiben.


Wie können sich die vorwiegend kleinen und mittelgroßen Milcherzeuger in Bayern auf diese Entwicklung einstellen und ihre Zukunftsfähigkeit sichern?

Hartmann: Indem sie auf Diversifikation setzen. Sie müssen neue Geschäftsfelder erschließen – wie es auch das Bayerische Landwirtschaftsministerium empfiehlt – etwa im Tourismus. Gleichzeitig dürfen die Höfe, die weiterhin in der Milcherzeugung aktiv sein wollen, das Thema Modernisierung nicht vernachlässigen.


Welche Auswirkungen haben die soeben geschilderten, neuen Rahmenbedingungen auf die genossenschaftlichen Molkereiunternehmen im Freistaat?

Hartmann: Auch die genossenschaftliche Molkerei-Industrie wird nicht umhinkommen, den veränderten Rahmenbedingungen Rechnung zu tragen. Wenn sich im norddeutschen Raum und in Westeuropa die Strukturen verändern, wird das über kurz oder lang auch in Bayern Anpassungen nach sich ziehen.


Birgt der Wegfall der Milchquote eher Chancen oder Risiken?

Hartmann: Die Milchquote hatte viele deutsche Betriebe gehemmt, sich wirtschaftlich zu entfalten und am Weltmarkt mitzuspielen. In naher Zukunft wird die weltweite Milchnachfrage das Angebot überschreiten. Das bedeutet, dass der Wegfall der Milchquote langfristig gut ist für die hiesige Molkereiwirtschaft und die Erzeuger.


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